eine Handbewegung gegen Alfons , welcher noch einen Augenblick am Tische wie erstarrt stehen blieb , dann fast in sich zusammenbrach , sich aber aufraffte , mit der rechten Hand durch sein Haar fuhr , und dann plötzlich zur Thüre hinausstürzte . » Ich bin fertig , « wandte sich die Tänzerin gegen die alte Dame » und wenn ich Sie verletzt , so will ich Sie um Entschuldigung bitten . « Sie machte darauf sämmtlichen Anwesenden eine tiefe Verbeugung und wandte sich zum Weggehen . Die Kommerzienräthin hatte einen Augenblick überlegt , worauf sie sagte : » Ich danke Ihnen , Mademoiselle ; Sie haben Ihre Schuldigkeit gethan . « Bei diesen Worten erhob sie sich und begleitete die Tänzerin bis zur Zimmerthüre in ruhiger , würdevoller Haltung . Sobald sich übrigens die Thüre hinter der Fremden geschlossen , blieb die alte Frau einen Augenblick wie betäubt stehen und preßte die Hand vor die Stirne . Dann aber sprach sie : » Komm Marianne , ich habe mit dir zu reden . « Und beide Damen verließen das Zimmer . Die Herren machten es gleich darauf ebenso , nicht ohne viele oh ! und ach ! von Seiten des Kommerzienrathes , der über alle Maßen verdrießlich war , denn er sah nun eine lange Reihe unangenehmer Auftritte vor sich , von denen er ein großer Feind war , und überlegte auch , daß die Geschichte noch einmal schlimm endigen könne . Doch müssen wir leider gestehen , daß er dabei weniger an seine arme Tochter dachte , als an sein Bankiergeschäft , welchem Herr Alfons eine Hauptstütze war . Dreiundsiebenzigstes Kapitel . Johann Christian Blaffer und Compagnie . Seit dem Abgange des Herrn Beil hatte sich der Chef der Firma Johann Christian Blaffer und Compagnie keinen neuen Commis mehr angeschafft . August , der Lehrling , wurde an dessen Stelle befördert , ohne durch diese Beförderung das Geringste zu profitiren , im Gegentheil hatte er mehr zu arbeiten ; denn seine bisherigen Geschäfte , das Einpacken und auch wohl das Austragen der Pakete sollte er nach wie vor noch nebenbei besorgen , und eine Folge davon war , daß jetzt gar nichts mehr geschah , wie es hätte geschehen sollen . Herr Blaffer schien sich überhaupt mit den beiden Geschwistern etwas verrechnet zu haben ; so auch , was August ' s Schwester anbelangt . Hier hatte er das Angenehme mit dem Nützlichen verbinden wollen , und dem Mädchen eines Tags auf die süßeste Art vorgeschlagen , sie möge einen Versuch machen , ihm in den Geschäften des Comptoirs zu helfen . » Das wäre für mich doch wohl angenehm , « hatte er gesagt , » denn du würdest an dem Tische im Nebenzimmer arbeiten , ich käme zuweilen herein , sähe nach dir und erfreute mich an deinem Fleiß und deinem lieben Gesichte . « - - Der Prinzipal hatte dabei gehofft , das kluge Mädchen würde alsdann bald die Geschäfte erlernen und ihm dadurch für beständig ein Commis entbehrlich werden . Er hatte sich aber , wie gesagt , auch hierin wie in vielem Anderen gewaltig verrechnet . Den Tag nach jener denkwürdigen Nacht , in welcher Herr Beil das Haus verlassen , war Marie auf ihrem Zimmer geblieben und hatte lange Stunden in tiefe Gedanken versunken auf einem Stuhle gesessen . Es mußten mitunter schreckliche Gedanken gewesen sein , die sie beschäftigt , denn zuweilen griff sie in ihr dichtes Haar oder ließ den Kopf in beide Hände sinken , um ein Zeitlang bitterlich zu weinen . Ja , ein paar Mal nahm sie hastig ihr Tuch und ihren Hut , um das Haus zu verlassen . Vielleicht wollte sie dem dunklen Wege folgen , den ihr Herr Beil vorgezeichnet ; aber dann blieb sie schaudernd stehen und sagte : » Nein , nein , ich kann nicht ; mir fehlt der Muth , und das Leben ist doch so schön ! « Mit dem letzteren Gedanken schien sie sich dann auch schon im Laufe des Tages und Abends mehr zu befreunden ; sie erhob sich langsam aus ihrem Nachdenken , sie athmete tief auf , fuhr dann mit der Hand über die Augen und lächelte schmerzlich . Aber sie lächelte doch . Ja , noch ehe es Abend wurde , vermochte sie es über sich , einen flüchtigen Blick in den Spiegel zu werfen , und darauf fing sie an , ihr Haar zu ordnen und eine einfache , aber hübsche Toilette zu machen . Herr Blaffer hatte es wohl im Laufe des Tags einige Mal gewagt , an ihre Thüre zu klopfen , auch dieselbe sogar zu öffnen , doch hatte sie sich alsdann mit einem solchen Ausdruck des Hasses oder vielmehr des Zornes erhoben , daß er , der Tyrann , schüchtern zurückgetreten war und erst Abends es wieder wagte , sich ihr zu nähern : das heißt , der alte Buchhändler ließ sich so weit herab , August hinaufzuschicken und bei der Schwester anfragen zu lassen , ob sie zum Nachtessen herabkommen wolle , oder ob sie wünsche , daß man bei ihr droben erscheine . August hatte kopfschüttelnd diese Botschaft und einigermaßen zaghaft die Antwort des Mädchens hinterbracht , welche dahin lautete , Herr Blaffer möge machen , was er wolle , nur solle er sie in Ruhe und auf ihrem Zimmer lassen . Und er , der hierauf einen Zornausbruch des Prinzipals gefürchtet , sah zu seinem Erstaunen , daß er sich getäuscht hatte . Freilich war über die Stirne des Herrn Blaffer eine Wolke gefahren und er hatte mit den Achseln gezuckt ; doch war darauf das Unerhörte geschehen , daß er seinem Lehrling einen Gulden schenkte , ihm die Erlaubniß gab , damit in ' s Wirthshaus zu gehen und , was noch nie geschehen war , sogar die Freiheit ertheilte , nach zehn Uhr vermittelst Hausschlüssels nach Hause kommen zu dürfen . Der Lehrling hatte hievon einen umfassenden Gebrauch gemacht und seine Dachkammer aufgesucht , nachdem