die junge Gräfin war ganz dazu gemacht , einem Manne die Empfindung anbetenden Staunens aufzudringen . Renatus gestand sich , niemals eine so vollkommene Schönheit gesehen zu haben ; denn Eleonorens auffallend große und üppige Gestalt , die siegesgewisse Ruhe auf ihrer weißen Stirn , von welcher das goldig schimmernde Haar sich wie bei den antiken Statuen in welliger Fülle weit zurückbog , um sich in dickem Knoten an ihrem Hinterkopfe zu vereinen , gaben ihr trotz ihrer großen Jugend etwas Gebietendes und Mächtiges . Ihr Vater , der Marquis von Lauzun , welcher der Herzogin gleich gefolgt war , nachdem diese in Turin in die Dienste der königlichen Familie getreten war , hatte durch seine Wohlgestalt und durch die geschickte Vermittlung seiner vorsorglichen Schwester die Hand einer der reichsten englischen Erbinnen gewonnen , welche sich eben damals unter dem Schutze ihrer mütterlichen Verwandten am sardinischen Hofe aufgehalten hatte . Eleonore Haughton war , wie der englische Sprachgebrauch es bezeichnet , eine Erbin durch ihr eigenes Recht gewesen . Die großen Besitzungen , der Name und die Pairie ihres Hauses waren nach dem Tode ihrer Eltern und ihres Bruders auf sie übergegangen , aber sie hatte sich dieser Vorzüge nur kurze Zeit erfreuen können . Die Geburt ihres ersten Kindes hatte ihr das Leben gekostet , und mit dem Tauf- und Familiennamen ihrer Mutter waren der Tochter des Marquis die Adelstitel , die Pairswürde und der Reichthum der Grafen von Haughton von der Stunde ihrer Geburt an , als ausschließliches Erbe zugefallen . Nach der ausdrücklichen letztwilligen Verordnung ihrer Mutter war eine Freundin derselben zur Erzieherin des verwaisten Kindes von ihr bestimmt worden . Bei dem Einflusse , welchen die Herzogin aber von jeher über ihren Bruder ausgeübt , hatte sie es durchzusetzen gewußt , daß ihr die Oberaufsicht über dessen Tochter zugewiesen worden , als der Marquis ebenfalls frühzeitig vom Leben geschieden war , und Fräulein Arabella Warwell hatte also mit ihrer Pflegebefohlenen unter dem Schutze und in dem Hause der Herzogin gelebt , bis diese die Erziehung der jungen Gräfin für vollendet erklärt , und Fräulein Arabella von ihrem Zöglinge entfernt hatte . Die besten Lehrer hatten Eleonore vielseitig unterrichtet , und wie man ihr in der Taufe , zur Erinnerung an das Meisterwerk einer großen Dichterin , neben dem Namen ihrer Mutter den Namen Corinna beigelegt hatte , war ihre Bildung auch darauf hingeleitet worden , sie diesem bedeutungsvollen Namen anzupassen . Eleonore war mit ihren siebenzehn Jahren der Sprachen ihrer beiden Eltern wie des Italienischen völlig mächtig . Sie drückte sich in ihnen mit einer Sicherheit und Entschiedenheit aus , die ihr einen frauenhaften Anstrich gaben und sie älter erscheinen ließen , als sie war . Wer sie in diesem Kreise von Männern sich unter den Augen der Herzogin bewegen sah , sie ihre kurzen Fragen stellen , jede Anrede schnell erwidern , jedem ihrer Gedanken lebhaft und rückhaltlos Aeußerung geben hörte , der mußte sich eingestehen , daß er hier ein ungewöhnliches Wesen vor sich habe , wenn es ihm auch zweifelhaft bleiben mochte , ob man dieses Mädchen lieben könne oder nicht . Was aber dem flüchtigsten Beobachter nicht entgehen konnte , war die Vorsicht , mit welcher die Herzogin ihre Nichte behandelte , und die geflissentliche Weise , mit welcher diese ihre stolze Unabhängigkeit zur Schau trug . Sie trat fortwährend wie ein strahlendes Licht , wie ein mächtiger Ton aus der gleichmäßigen Stimmung dieser in feinen Formen abgeschliffenen Gesellschaft hervor , und Renatus fragte sich schon in der ersten halben Stunde : Wie kommt sie hierher , wie konnte sie in dieser Welt sich so entfalten , wie konnte sie ihre stolze Naturwüchsigkeit in dieser Luft bewahren ? Man hatte eine geraume Zeit hindurch die Vorkommnisse des Hoflebens bis in ihre kleinsten Einzelheiten abgehandelt und alle Anwesenden hatten sich in den Ausdrücken ihrer Verehrung und Ergebenheit für das zum zweiten Male wiedergekehrte bourbonische Königshaus überboten , als Eleonore , sich zu Renatus wendend , plötzlich ausrief : Und Sie , Herr Baron , Sie schweigen ? Sie sagen nichts zum Lobe der heimgekehrten Dynastie , für die Sie doch bei Ligny und bei Waterloo mit Ihren und meinen Landsleuten gefochten haben , während diese Herren friedlich in der Nähe ihres Königs weilten ? Eleonore , rief tadelnd die Herzogin , was soll hier diese Frage ? Mich aufklären , liebe Tante , weiter nichts ! entgegnete die Gräfin , ohne sich durch die Mißbilligung der Herzogin im geringsten beirren zu lassen . Man war es gewohnt , der Gräfin viel nachzusehen , und man hatte auch keine andere Wahl , wenn man das Haus der Herzogin , das man zum Theil um Eleonoren ' s willen suchte , nicht eben ihretwegen meiden wollte ; indeß der ernste Ton , mit welchem sie die dreiste Frage gethan hatte , ließ diesmal eine scherzhafte Deutung nicht wohl zu . Es war daher Allen sehr erwünscht , als der alte und vertraute Freund der Herzogin , der Prinz von Chimay , dessen grauem Haare die gemessene Ruhe seiner Sprache und Bewegungen sehr wohl anstand , sich in das Mittel legte und , den Kampf auf das Gebiet seiner schönen Gegnerin hinüberspielend , die Bemerkung machte : Sie sprechen von unserem Königshause , Gräfin , und von Ihren Landsleuten , als ob Sie nicht Französin , als ob Sie nicht unsere Landsmännin wären ! Bedenken Sie , daß wir auf eine solche Landsmannschaft in keinem Falle verzichten wollen ! So lange ein Fremder Sie uns nicht entführt , sind Sie die Unsere , und wir werden Alles thun , Sie in der Heimath und in Ihrem Vaterlande festzuhalten ! Vaterland und Heimath ! wiederholte die Gräfin , Sie nennen das zusammen , mein Fürst , als ob es nicht verschiedene Dinge wären ! Frankreich ist allerdings meines Vaters Geburtsland , ist mein Vaterland , aber meine Heimath ist es nicht . Meine Heimath ist jenseit des Kanals in Haughton Castle , wo ich so glücklich war