! rief Nück außer sich ... Sie wandte sich ... Da fuhr sie entsetzt zurück ... Wie sie in des wilden Mannes Augen sah , waren diese ohne Stern . Ein einziger weißer Glanz ... Nück , den unheimlichen Eindruck , den er machte , ahnend , bestätigte ihn fast , indem er tonlos sprach : Ich bin unglücklich ! Wieder hatte in dem untern Stockwerk Musik begonnen . Man sah , daß eben in dem Zimmer Piter ' s das Licht ganz erloschen war ... Die unten geführten Gespräche hörten auf ... Lucinde sprach zitternd und wegen der Stille kaum hörbar : Ich muß zur Gesellschaft ! Nück gab sie nicht frei ... Ebenso leise flüsterte er : Sie lieben , Lucinde , ich weiß es ... Die Musik kam vom Spiel auf dem Flügel ... Lucinde dachte , sie müsse vergehen ... den Schlag ihres Herzens hätte man hören können ... Sie lieben einen Menschen , der ein Gott ist ! fuhr Nück flüsternd fort . Das wird Sie nicht glücklich machen ! Lucinde hielt sich , um nicht zusammenzubrechen ... Warum verschwenden Sie Ihre Kraft , Ihre Jugend , Ihren Geist an diese Schwärmerei ? Sie lieben ein Phantom , Sie lieben Serlo ' s Geist - zucken Sie doch nicht ewig vor meiner Kenntniß Ihres Lebens , die ich mir aus rasender Leidenschaft verschaffte . Es sind ja keine Dolchstiche , die ich gegen Sie führe - Serlo ' s Geist , der in einem neuen Körper wohnt ? Hat dieser Priester etwas von Serlo ? Ich wünschte , Serlo ' s Geist spräche Ihnen aus dem meinigen oder hab ' ich nichts mit ihm gemein ? ... Sie schütteln Ihr schönes Haupt ! ... Diese schönen Locken ! ... Lucinde ! Was wollen Sie in diesen Verhältnissen ? Schwingen Sie sich auf ! Wissen Sie , daß - Sie eine große Rolle spielen könnten ? Daß die Väter der Gesellschaft Jesu thatkräftige Freundinnen brauchen ? Wollten Sie denn nicht an unserm Kreuzzuge theilnehmen , wie mir Beda Hunnius geschrieben ? Hassen Sie nicht auch diese numerirten Knöpfe und bunten Achselklappen ? Diese kluge , durchsichtige , polizeiliche Welt ? Ein Sturm wird über die Erde kommen und sie in ihren Grundvesten erschüttern ! Verbünden Sie sich uns ! Wenn nicht in der Liebe , im Hasse ! Ha ! Du kannst hassen , Mädchen ! Mehr als lieben ! ... Siehst du , wie dich das traf ! Lachen mußt du jetzt ? ... Hör ' es , hör ' es ! Ich habe immer eine Fackel in der Hand , noch einmal die Welt in Brand zu stecken . Kannst du Gift mischen , Mädchen ? Für Fliegen ! Kannst du stehlen ? Kirschen ! Falsch schwören ? Lernt sich von Euch ! Falsche Handschriften machen ? Lucinde verstand kaum noch sein immer gedämpfteres Flüstern ... Wenn ich nun Paula zwänge den Grafen Hugo zu heirathen und dein Gott nicht mehr mit ihr straucheln könnte ? Das verstand Lucinde und blieb starr ... Wenn sich nun die Urkunde fände , die die Erbberechtigung des Grafen Hugo ausschließt ! Wenn adelige Conduite mit sich brächte , daß Paula dem Getäuschten in Wien dafür ihre Hand gibt , wodurch sogar eine Conversion zu hoffen ist - der Mann folgt dem Weibe - ! Und wenn dann Paula nicht in ein Kloster ginge , nicht mit Herrn von Asselyn die mystischen Nächte seraphischer Liebe feierte , wie die Heilige von vorhin mit dem Benedictiner Gottfried ? Ja , wenn vielleicht deine eigene Hand , Mädchen , im Westerhofer Archiv - Bei diesen von Lucinden deutlich verstandenen , gierig aufgesogenen , sie mit halber Besinnungslosigkeit erfüllenden Worten trafen plötzlich zwei Thatsachen zusammen , die sie bestimmten , einen Schreckensschrei auszustoßen ... In seiner Sinnenglut hatte sich Nück Lucinden so genähert , daß nicht nur wieder seine Augen völlig weiß und ohne Stern erschienen , sondern auch unter dem weiten weißen Tuche , das seinen Hals bedeckte , ein anderer Anblick sie erschaudern ließ . Rings unter der Binde ging ein blutigrother Streifen hin , der sie sofort an Hammaker ' s That erinnerte ... Und in demselben entsetzlichen Augenblick , in der offenbaren Aufforderung zu einem Verbrechen , gab es plötzlich unten eine lärmende Unterbrechung des Klavierspiels ... Was ist ? hörte man wie aus einem Munde rufen . Dann folgte ein lärmendes Durcheinanderlaufen , ein Klingeln , ein Schreien im Hofe und zugleich von der Straße her ein Dahersprengen von Cavalerie ... Nück horchte auf und ordnete rasch die Binde an seinem Halse ... Ein Alarm ! wandte er sich . Da der Lärm zunahm , bedeutete er Lucinden ruhig zu sein und beugte sich horchend über die Lehne der Treppe ... Das Dahinsprengen der Cavalerie wurde lebhafter ... Lucinde stand kraftlos ... Ohne ein anderes Wort zu sprechen , als : Also morgen , Freundin ! Klingsohr geht nach Belgien ! Morgen ! Schicken Sie ! Schreiben Sie ! Thun Sie - thun Sie , was Sie wollen und was Sie wünschen ! Ich unterziehe mich allem , aber Vergebung , Vergebung - Freundin ! Und - Wiedersehen ! ... entfernte sich Nück über die Stiege und ging schneller nach unten zurück , als er gekommen . So plötzlich ward ihm seine Selbstbeherrschung , daß Lucinde starrte , ihn so verschwinden zu sehen als wäre hier oben nicht das Mindeste vorgefallen . Sie schwankte in Treudchen ' s Kammer zurück ... Diese war ohne Licht ... Halb ohnmächtig sank sie auf Treudchen ' s Bett ... Wol eine halbe Stunde mochte sie so gelegen haben , besinnungslos , allem Erlebten nachdenkend , unbekümmert um den Lärm um sich her , auch um den auf der Straße , der sich seit dem November so oft wiederholte , als endlich Treudchen erschien , mit einem Licht in der Hand ... Jetzt erst entdeckte sie Lucinden und war nicht wenig erschrocken sie hier und wie krank zu finden ...