und daß man eben deshalb auch bereitwillig an die frische Farbe des Gesichtes glaubte , besonders da die allerdings tief eingesunkenen Augen der Greisin ihren einschmeichelnden Blick und ihr beredter Mund , trotz der schmal gewordenen Lippen , sein feines Lächeln noch nicht verloren hatten . Renatus war noch nicht lange bei der Herzogin , als verschiedene Besuche angemeldet wurden . Es waren jüngere und ältere Männer , zwei Geistliche unter ihnen . Alle aber trugen sie große Namen , alle waren sie unter einander bekannt und im Besitze jener leichten und doch feststehenden Umgangsformen , deren in solcher Vollendung nicht Herr zu sein , Renatus sich heute zum ersten Male bewußt ward . Wohin er bis dahin auch gekommen war , überall hatten sein Name , sein gutes Aeußeres und später selbst seine Uniform ihm eine Beachtung zugesichert . Hier trugen alle Männer das bürgerliche Kleid , und die Nennung seines Familiennamens glitt an den Anwesenden spurlos vorüber . Erst als die Herzogin erwähnte , daß sie in den Tagen der Verbannung eine sehr liebenswürdige Aufnahme bei dem Vater des jungen Barons gefunden habe , wurden ihre Freunde auf Renatus aufmerksam ; aber es war , als ob die Zeit der Auswanderung seit langen , langen Jahren hinter ihnen läge . Sie schienen es fast vergessen zu haben , daß sie Frankreich jemals verlassen hatten . Paris , der Hof , die Verhältnisse , in welche sie zurückgekehrt , waren für sie so ausschließlich die Welt , daß alles , was nicht in diese Welt hinein gehörte , kaum für sie vorhanden war . Freilich erboten sich die jüngeren Männer , den jungen Freiherrn mit dem Pariser Leben bekannt zu machen , man besprach auch seine Vorstellung bei Hofe ; Renatus konnte es sich indessen nicht verbergen , daß er unter diesen Marquis , Grafen und Prinzen eine sehr untergeordnete Rolle zu spielen haben werde , und während ihn dieses verdroß , fühlte er sich doch von der ihn umgebenden Gesellschaft wie nie zuvor angezogen und gefesselt . Alle diese Männer waren an den meisten Höfen von Europa heimisch . Man redete von den fürstlichen Familien von England , von Sardinien , von Rußland und von Holland , und von den Beherrschern der deutschen Länder mit einer Art von Vertraulichkeit , welche für Renatus etwas Ueberraschendes hatte . Nur wenn sich das Gespräch auf den Hof und die königliche Familie von Frankreich wendete , änderte und steigerte sich der Ton bis zu einer fanatischen Ergebenheit , und die Herzogin , die immer noch Meisterin darin war , die Unterhaltung auf die Gegenstände zu lenken , von denen sie gesprochen haben wollte , wußte an dem Ohre ihres jungen Gastes auf diese Weise eine Reihe von Thatsachen vorüber zu führen , die ihn beschäftigten , ohne sich zu einem zusammenhängenden Ganzen verbinden zu lassen , und die ihm unablässig und immer wieder das unbehagliche Gefühl aufnöthigten , daß er nur ein zufälliges und nur ein unbedeutendes Mitglied in diesem Kreise sei . Will sich die Herzogin an mir für die Dienste rächen , welche mein Vater ihr und ihrem Bruder geleistet hat ? fragte Renatus sich einmal unwillkürlich . Aber sein guter Sinn stieß diesen Gedanken mit einem Tadel gegen sich selber als eine Unwürdigkeit von sich , und doch lag diese Voraussetzung der Wahrheit näher , als er es zu glauben vermochte . Renatus wußte es noch nicht , daß man edeln Herzens und liebevollen Gemüthes sein muß , um die Dankbarkeit nicht als eine schwere Last zu empfinden : indeß der stolze Sinn der Herzogin hatte die Stunde nie vergessen , in welcher sie sich genöthigt gefunden hatte , von dem Freiherrn für sich und ihren Bruder unter Hinweis auf eine kaum bestehende Verwandtschaft eine Zuflucht und Hülfe zu begehren . In wie großmüthiger Weise der Freiherr sie auch empfangen und unterhalten hatte , das Brod der Fremde , das Gnadenbrod , wie sie es oft mit herbem Ausdrucke in ihrem Innern genannt , hatte nie aufgehört , ihr hart und bitter zu bedünken . Sie mochte sich der Zeiten nicht gern erinnern , in denen sie in Richten gelebt hatte , sie dachte auch an den Freiherrn weder oft noch gern , und doch hatte sie eine lebhafte Freude empfunden , als sie den Brief seines Sohnes empfangen , eine Freude , wie sie der mehr als siebenzigjährigen Frau nicht mehr oft zu Theil ward : sie konnte abbezahlen , was ihr geleistet worden war , sie konnte sich dem jungen Freiherrn in dem Glanze und in dem Ansehen ihrer wiedergewonnen Würden und Ehren zeigen und es ihn fühlen lehren , daß es eine Ehre für seinen Vater gewesen sei , die Herzogin von Duras , die Freundin und Vertraute der königlichen Familie von Frankreich , seinen Gast zu nennen . Sie konnte den jungen Freiherrn einsehen lassen , daß , was man auch für sie und für ihren Bruder gethan haben mochte , sie immerdar die Gunsterzeigende gewesen sei . Ihre Güte , ihre Freundlichkeit für Renatus trugen in jedem Worte den Stempel jener freiwilligen Herablassung , die , so schmeichelhaft sie sich im Augenblicke demjenigen , dem sie zu Theil wird , auch erweisen mag , ihn doch herunterdrückt und ihn seiner Freiheit mehr oder weniger verlustig macht . Renatus empfand es , daß er sich nicht geben konnte , geben durfte , wie er war ; aber die völlige Zusammengehörigkeit der Personen , welchen er an diesem ersten Morgen in dem Saale der Herzogin begegnete , die Uebereinstimmung zwischen ihnen und allem , was sie hier umgab , hinderten ihn , zu erkennen , worin jener ihn befangende Zauber bestehe , oder wer es sei , der denselben über ihn ausübe . Mitunter , wenn sein Auge eine Weile mit entzücktem Erstaunen auf der Nichte der Herzogin haften geblieben war , meinte er , daß es ihre Schönheit sei , welche ihn so seltsam beherrsche , ihn so wunderbar sich selbst entfremde , und