Mensch , selbst der Sultan nicht , darf sie zurückfordern , aber eben so wenig dürfen sie vor jener Zeit freiwillig das Asyl wieder verlassen . Mit ihrem dreißigsten Jahre hört die Zeit des Vergnügens und der Freiheit auf , die Aelteren müssen , wollen sie den Ort nicht verlassen , dann die Geschäfte der Dienerinnen versehen und für ihre jüngeren Schwestern putzen , waschen , kochen , braten und backen , säen und ernten , was weiß ich ! Kurz , so viel ist sicher , daß es junge Schönheiten und alte Weiber zur Genüge in Madara giebt ! « » Und sind die Männer ganz daraus verbannt ? « » Ei , mit nichten ! Das ist eben das Vortreffliche an der Sache . Man munkelt darüber höchst seltsame Geschichten , die meine Neugier auf ' s Aeußerste gespannt haben . Ventre bleu ! Man wird mich beneiden in der ganzen französischen Armee , wenn ich eine Nacht wirklich und wahrhaftig in Madara zugebracht habe . Effendi Paswan , Ihr zernarbtes Spitzbubengesicht , wißt gewiß mehr von den Geheimnissen des Amazonendorfes zu erzählen . Heraus damit ! « Der Kiradschia lächelte . » Als ich noch jünger war , « sagte er , » führte mein Weg mich wohl öfter dahin , ich will es nicht läugnen . Ich war gern gesehen unter den Frauen und bin es noch , denn ich bringe ihnen Seide von Brussa , Stickereien von Constantinopel , die Wohlgerüche von Edreneh und die Leckereien von Chios . Nicht Jeder darf über die Grenze der Frauen , aber wer mit einem Freunde kommt und ein freier Mann ist , ist ihnen willkommen . « » Aber die Bedingungen ? die Bedingungen des Eintritts , Alter ? « forschte eifrig der Capitain . » Was soll ich sagen - Ihr werdet es selbst schauen . Wer eintritt in Madara , muß sich den Gesetzen des Dorfes fügen - Ihr seid Beide noch jung und werdet schwerlich ein Nachtlager auf dem Grase der Berge vorziehen . Doch es ist nöthig , daß wir das unsere halten , denn wir müssen aufbrechen , ehe die Sonne die Gipfel der Berge röthet . Schlaft wohl , Franken ! « Er hüllte sich in eine große wollene Decke und stützte sein Haupt auf eines seiner Waarenpackete . Wenige Minuten darauf war er in tiefem Schlaf , indeß Ibrahim , der greise Janitschar , unverändert an seiner Seite sitzen blieb und Wolke auf Wolke hinaus in die Nachtluft qualmte . Miloje , der Capitano der Schaar , lud gleichfalls seine beiden unfreiwilligen Gastfreunde ein , die Ruhe zu suchen und führte sie nach einer der leichten Hütten , die er ihnen allein zu ihrer freilich sehr geringen Bequemlichkeit überließ . Bald war das Feuer erloschen und heilige Stille um die Schläfer her , nur unterbrochen von den plätschernden Wellen des Gebirgsbaches oder dem Schrei eines Nachtvogels . - - - Mit dem ersten Tagesgrauen weckte der Kiradschia seine Reisegefährten . Ehe sie ihre Hütte verließen , hatte er bereits seine zwei Packpferde mit ihrer Last versehen und Nursah und die Haiducken hatten die Pferde gesattelt . Paswan drängte zum Aufbruch , das Frühstück , aus Kaffee und hartem Brot bestehend , war bald verzehrt und nach wenigen Augenblicken saßen sie im Sattel . Miloje und einige seiner Gefährten begleiteten sie zurück bis in die Nähe der großen Straße , dann schieden sie mit herzlichem Händedruck . Die kleine Gesellschaft war auf dieser erst eine kurze Zeit vorgegangen , als ihr Führer sie wieder verließ und einen kaum erkennbaren Seitenweg einschlug . Doch schien er mit dieser Gegend auf das Genaueste vertraut , denn die wilden Pfade , die er sie führte , wurden von ihm ohne die geringste Zögerung gewählt und waren , wenn auch mühsam , doch gangbar für die Pferde . Unter verschiedenen Gesprächen , zu welchen die eigentümlichen Sitten ihrer nächsten Lagerstätte nicht den wenigsten Stoff abgaben und die vielfach durch die Erzählung eines Abenteuers des Kiradschia ' s in den verschiedenen Ländern gewürzt wurden , kamen sie vorwärts , und als die Sonne sich zu neigen begann und die türkische Tagesrechnung ihrem Ende nahte , sagte der Führer ihnen , daß sie nahe am Ziel wären . Obschon die wilde oft Grausen erregende Natur des Hochgebirges , rauhe Felsenmassen , abwechselnd mit üppig grünen Matten , seine Aufmerksamkeit vollständig in Anspruch nahmen , war es doch dem Arzt nicht unbemerkt geblieben , daß sein Diener Nursah wieder während des ganzen Tages ein unruhiges , seltsam befangenes Wesen zeigte . Bald ritt er träumerisch dahin , in tiefe Gedanken versunken , bald drängte er sich hastig und auffallend an seinen Herrn , und seine Blicke hingen ausdrucksvoll und doch mit einer gewissen Scheu an diesem . Sie hatten den Gipfel des Balkans überstiegen und befanden sich bereits - wenn auch im Hochgebirge , auf den südlichen Abhängen desselben , die schon von den milden Winden des ägeischen Meeres bestrichen werden und auf denen die Rose , der Wein , die Myrthe und die Feige in üppiger Fruchtbarkeit gedeihen . Zwischen rauhen Felsenmassen dahin reitend , dem Zug eines Gebirgsbaches folgend , öffnete sich plötzlich vor ihnen ein weites Gebirgsthal mit aller üppigen Vegetation der tiefer liegenden Landschaft Zagora . Von hohen Bergen umschlossen und geschützt vor den rauhen Stürmen des Hochgebirges lag es da in seiner grünen Pracht , die Prairie mit ihrem fast mannshohem Grase , üppige Getreidefelder von Myrthen- und Feigenhecken eingehegt , an den Platanen und Eichen die Ranken des Weins emporstrebend , weite Gärten von Rosen und wohlriechenden Kräutern , ein Hauch wollüstigen Duftes und lieblicher Schönheit über dem ganzen Eden ! Madara ! Es war die Colonie der türkischen Frauen , jenes so selten erreichte Zauberland der Reisenden im Balkan . Von der Höhe , wo sie hielten , konnten sie das aus zahlreichen Grünen versteckten und zierlich gebauten Häusern bestehende Dorf und die seltsamen Bewohnerinnen in Gruppen versammelt sehen - in