der Herzogin von jeher eigen gewesen war , und Renatus wurde es nicht müde , die Zeilen immer auf ' s Neue zu lesen . Die Schrift , das Papier , der Duft desselben hatten etwas Reizendes für ihn . Er mußte sich förmlich daran erinnern , daß es eine Greisin sei , von welcher diese Zeilen ihm gekommen waren , denn er fühlte sich von ihnen erheitert und aufgeregt . Sie hatten ihn trotz der Mahnung an seines Vaters Tod , über den nun freilich schon zwei Jahre hingegangen waren , in eine so fröhliche Spannung versetzt , als stände er an der Schwelle eines Abenteuers , als erwarte ihn irgend ein ganz unverhofftes Glück . Er eilte zu seinem Chef , mit dem er auf dem besten Fuße stand , ihm von dem Anerbieten der Herzogin und von seinem Wunsche , es zu benutzen , Anzeige zu machen , und er fand von Seiten des Obersten , da das ganze Regiment an dem linken Seineufer untergebracht war , keine Schwierigkeiten für seine Absicht . Da er von seinem Chef es zufällig erfuhr , daß eben an diesem Tage ein Offizier des Stabes auf Urlaub in die Heimath gehe , nahm Renatus die Gelegenheit wahr , seiner Braut die Anzeige seines Wohnungswechsels zu machen . Er legte , um sich einen Theil des Briefschreibens zu ersparen , das Billet der Herzogin für Hildegard bei . Er dachte , es könne nebenher nicht schaden , wenn diese sehe , daß eine Greisin noch solcher bezaubernden Anmuth fähig sei , und wenn sie selbst sich daran ein Beispiel für sich und ihre eigenen Briefe nähme , deren schwärmerischer Ernst , ja , selbst deren feste , große Handschrift ihn eigentlich je länger desto unschöner bedünkten . Hildegard wird allerdings verdrießlich darüber sein ! sagte er sich . Aber mochte sie es auch einmal empfinden , wie es thue , von einem Briefe aus der Ferne keine Freude zu empfangen . Er hielt es für die höchste Zeit , an Hildegards Erziehung zu gehen , eben da nun ein dauernder Friede vor der Thüre stand und er an seine Heimkehr und an seine Heirath denken durfte . Aus dem Geräusche der volksbelebten Straßen , aus der Gluth der Mittagshitze brachte am nächsten Tage der Wagen der Herzogin den jungen Freiherrn in das alte Hotel der Herzoge von Duras . Hohe Mauern schlossen es nach Landessitte von der Straße ab ; ein weiter Garten dehnte sich hinter dem im edelsten Style des siebenzehnten Jahrhunderts errichteten Gebäude aus . Durch das geöffnete Portal des Hauses zeigten sich frische Rasenplätze , von großen Bäumen überschattet . Die Frau Herzogin lassen den Herrn Baron ersuchen , sich in seinen Zimmern einzurichten , sagte der Haushofmeister ; sie erwarten ihn danach im Gartensaale . Renatus war in den Gewohnheiten des Reichthums in einer würdigen Heimath aufgewachsen ; aber die letzten Eindrücke , welche er empfangen hatte , als er mit seinem Regimente vor dem russischen Feldzuge zum letzten Male in Richten gewesen war , hatten eine traurige Erinnerung in ihm zurückgelassen , und seit vollen drei Jahren war er im Felde , in den wechselnden und oft widerwärtigsten Umgebungen gewesen . Das erhöhte das Wohlgefallen , welches er bei dem Anblicke dieses Palastes , dieser edeln Räume , ja , selbst bei den Hülfsleistungen genoß , deren er von seinem Kammerdiener gewohnt gewesen war und mit denen jetzt die Dienerschaft der Herzogin sich sorgfältig um ihn bemühte . Man hatte ihn auf einer der Seitentreppen nach dem linken Flügel des Hauses geführt , in dessen erstem Stocke man ihm seine Wohnung eingerichtet hatte . Nachdem er sich umgekleidet , geleitete der Kammerdiener der Herzogin ihn die breite , marmorne Prachttreppe hinab nach dem Saale , in welchem er die Herzogin wiedersehen sollte . Es war ein großer , hoher Raum , dessen Thüren nach dem Garten zu geöffnet waren . Dunkelrothe Vorhänge brachen das Licht der Sonne an den Fenstern ; die Thüren waren von außen mit Marquisen verschattet . Nahe an dem einen Fenster lag in einem Lehnstuhle , die Füße mit einem weichen Polster unterstützt , die Herzogin ; an dem Schreibtische , der nicht fern von ihr stand , saß eine jugendliche Frauengestalt . Als Renatus eintrat , richtete die Herzogin sich mit lebhafter Bewegung in die Höhe , und ihm die Hand entgegenreichend , die heute noch , wie vor jenen Jahren , mit dem zierlichen Handschuh von schwarzer Seide halb bedeckt war , rief sie : Willkommen in Frankreich , mein junger , lieber Freund , und doppelt willkommen in meinem Hause , mein lieber René ! Ich danke es Ihnen , daß Sie gekommen sind , eine alte Freundin Ihres Vaters aufzusuchen . Der arme Baron , daß er so zeitig von uns gehen mußte ! Aber das Leben ist nur ein Darlehen des launenhaften Schicksals und nichts mehr . Sie wissen es , auch mein theurer Bruder ist schon längst gestorben , jung gestorben , und wir betrauern ihn noch heute , ich und seine Tochter ! Indeß von dieser Trauer war weder in den feinen Zügen der Greisin , noch in dem strahlenden Antlitze ihrer Nichte eine Spur zu finden , als diese auf ein Wort ihrer Tante sich zu ihnen wendete , um die Vorstellung des Freiherrn von Arten-Richten zu empfangen . Renatus konnte während dessen mit sich nicht darüber einig werden , ob er gar kein Bild von der Herzogin in seinem Gedächtnisse bewahrt gehabt , oder ob sie sich wirklich so wenig verändert hatte , daß nichts an ihr ihm störend oder fremd , sondern Alles vertraut und angenehm erschien . Ihre weiße Morgenkleidung , das Spitzentuch , welches sie über die zierliche Haube gebunden trug , die zahlreichen schneeweißen Löckchen , die ihre Stirn und ihre Wangen umgaben , machten ein so feines , in sich abgeschlossenes Bild , daß man meinte , es müsse eben so , es könne niemals anders gewesen sein ,