kritisirte sie doch nicht ! Und Treudchen ' s Lebenslage glich der ihrer eigenen ersten Jugend ... Nun aber wollte sie ernstlich Lärm machen , um Pitern zu wecken . Eben kehrte Treudchen zum Schlüsselloch zurück und wisperte die ängstlichsten und dringendsten Rufe ... Da tönte vorn in den Delring ' schen Zimmern eine Klingel ; sie wurde zwar nur einmal , aber laut schallend angezogen . Wie der Blitz schoß Treudchen an Lucinden vorüber und verschwand mit einer Schnelligkeit , die es unbegreiflich machte , wie sie zu gleicher Zeit noch die Thür ihres Zimmers anziehen konnte . Ehe Lucinde sich über die Störung hatte orientiren können , war sie im Dunkeln ; auch das Licht Treudchen ' s war vom Zuge ausgegangen . Lucinde wäre gern in diesem Dunkel geblieben ... mit sich allein ... mit dem Chaos in ihrer Brust ... Der Befehl der Commerzienräthin war jedoch zu entschieden ... Sie öffnete und wollte stark an Piter ' s Thür pochen , hinter der der Lichtschimmer immer matter und matter zu werden anfing . Das offene Fenster störte sie . Sie war in bloßem Halse und hocherglüht ... Eben , wie sie das Fenster schloß , hörte sie von unten her das leise Betreten der Corridortreppe ... Da sie nichts zu fürchten hatte , drückte sie Treudchen ' s Thür ganz zu und wollte sich ans Werk machen , in allem Ernst zu entdecken , ob der » junge Herr « anwesend war oder nicht . Da sprach von der untern Treppe eine männliche Stimme herauf : Fräulein , was haben Sie denn nur für ein Interesse , der Gesellschaft den Abend zu verderben ? Es war die Stimme des Oberprocurators ... Lucinde wandte sich , tieferbebend ... Nück stieg eine Stufe höher ... Ihr Herr Schwager verschläft den Abend , der sein eigenes Werk ist ! hauchte sie und suchte nach Unbefangenheit . Sie hoffte , Nück würde gehen . Nück stieg aber höher und sprach : So wird er , wie hier auf Erden jedes große Genie , auf seinen Nachruhm angewiesen sein ! Wir erleben aber von ihm die heftigsten Vorwürfe , fuhr Lucinde sich ermuthigend fort ... Es benahm ihr den Athem dies Näherkommen des gefürchteten Mannes ... Auch hat mich Frau Commerzienräthin beauftragt , ihn auf alle Fälle zu rufen ! setzte sie tonlos hinzu ... Wenn er nun aber hier nebenan gefesselt sitzt bei dem kleinen Mädchen , dessen Schutzengel Sie geworden sind ? Nück stand mit diesen schmeichlerisch betonten Worten oben und vertrat Lucindens in dieser lichthellen Einsamkeit vollends blendender Erscheinung den Weg , als sie kraftlos wieder bei Piter anklopfen wollte ... Bitte ! Bitte ! sagte er sicher und ruhig . Wirklich ! Lassen Sie doch den Burschen träumen ! Beschämungen sind zuweilen eine gute Cur und ohne ihn geht alles noch einmal so gut . Er würde das Leben der heiligen Hildegard viel besser gewußt haben , als die kleine überspannte Frau ... nicht wahr ? Lucinde war wie gefangen durch die immer entschiedenere Annäherung . Sie wußte schon nicht , wie sie entkommen sollte ... Sie fliehen vor mir ! rief er ihr nach , als sie ihm mit rauschendem Kleide vorüberhuschte , und suchte sogar ihre Hand zu haschen ... Selbst eine Rose , wie Sie , muß duldsam sein für jeden Wurm , der aus ihrer Blüte Duft saugen will ! sprach er mit einem funkelnden Blicke ... Ja ! sagte Lucinde mit gepreßter Stimme und vor Angst scherzend und auf seine graue , unfestliche Kleidung deutend , ein Wurm sind Sie ! Ein rechter Actenwurm ! Mädchen ! rief Nück wie im plötzlichen Sichselbstvergessen , dann aber sich mäßigend ... Er war wie um zehn Jahre jünger geworden durch dies tête-à-tête . Seine dunkelbraunen Augen leuchteten . Am Geländer der Treppe mußte er sich halten , um sein aufgeregtes Zittern zu verbergen ... Das wußt ' ich doch , sagte er und vertrat ihr wieder den Weg , daß Sie das nicht sind , was Sie bisher geschienen ... Ha ! wallte Lucinde auf und stand wie fragend nach der Bedeutung dieses Wortes . Allmählich gewöhnte sie sich an das gehörte Wort und gedachte ihrer äußern Erscheinung , die wol Nück gemeint haben konnte und die heute eine festliche war ... Ja sie erglühte , da sie ihren Schatten sah und die Locken , die in ihrem Nacken wogten ... Erfuhren Sie das - von - ? sagte sie bei alledem mit erwachendem Muthe und deutete abbrechend auf die Straße hinüber ... Von wem ? fragte Nück , staunend und unschuldig wie ein Kind . Seine Augen schossen zwar einen durchbohrenden Pfeil auf die Fragerin , die ihrerseits im Ton angedeutet hatte , was sie über die Frau vermuthete , bei der sie hatte Chocolade trinken sollen ; doch lag zugleich etwas um Vergebung Bittendes in seinem Tone . Endlich , wie ein Jüngling , der zum ersten mal von Liebe spricht , sagte er leise und zitternd : Lucinde ! Ich bete Sie ja an ! Lucinde sah einen Mann vor sich , der aller Welt ein Riese an Willenskraft und Macht erschien . Ihr gegenüber schien er ein Kind , die Demuth selbst zu sein ... Lucinde lachte laut auf mit jenem hellen Lachen , das ihr niemals schön gestanden ... Seit Monaten hatte sie nur in Treudchen ' s Gegenwart und für sich allein so lachen können ... Befehlen Sie über mich ! Strafen Sie mich ! Gebieten Sie mir etwas ! Ja , ich bin Ihnen Genugthuung schuldig für mein gewagtes Wort ! sagte Nück und bot der ihn Verhöhnenden die Hand ... Lucinde hatte fast das Bedürfniß , ihr spottendes Lachen wieder gut zu machen . Fast scherzend und schon wie um ihn festzuhalten sagte sie , sich rasch auf die von Veilchen Igelsheimer erhaltene Mahnung besinnend und ihren Vortheil nutzend , vielleicht Klingsohr irgendwie für immer aus ihrer Lebensbahn zu schaffen : Ganz recht , Herr Oberprocurator