mich in deine Freundschaft auf ! Das konnte Lucinde nicht zu Monika sagen . Sie fühlte die anziehende Kraft dieser Frau , sie sah ihr liebliches Kind in ihren Zügen wieder und doch hätte sie nicht einen Schritt thun können , ihr mehr zu huldigen , als ihr Geist verdiente . Die Geringschätzung der katholischen Lehren würde sie wenig gestört haben ... Schon auf der Treppe zu Delrings hinauf , wo sie etwas von Pitern zu erfahren hoffte , lachten sie die gewöhnlichen Larven ihres Innern an und sagten von der Frau in den silbernen Locken : Sie ist mit ihrer Familie verfallen ! Sie hat unter den Vorurtheilen derselben zu leiden ! So jung noch , so schön , und sie soll entsagen ! Herr von Terschka ist ihr Anbeter ! Vielleicht gar Graf Hugo ! Was sprach sie nur von Castellungo ? Von den Waldensern , die auch damals - den Hedemann so interessirten ? ... Rein und gläubig war nichts in ihrem Sinn . Nur wo sie unbedingte Liebe und Hingebung fand , wie bei Treudchen , da legte sie die Waffen nieder ... Im obern Stock schien alles wie ausgestorben . Der lebendige und rauschende Abend hatte auch die Delring ' sche Dienerschaft angezogen und Treudchen mochte zum Thee genügt haben ... Lucinde hielt ihre Kleider , um sich durch das Rauschen derselben nicht hörbar zu machen . Oben fand sie alle Thüren offen . Sie schlich sich näher . Das Ehepaar schien noch nicht zur Ruhe gegangen . Treudchen war nicht zu finden . Delrings waren ohne Zweifel in dem kleinen Boudoir , wo das Pianino stand und die verhüllte Madonna . In das leise geöffnete Wohnzimmer blickte Lucinde . Noch brannte hier eine Astrallampe , die , von einem großen dunkelrothen Tuberosenkranz von Papier gedämpft , ein magisches Licht auf Bücher und Nähwerk fallen ließ . In der hier herrschenden Stille lag ein geisterhaftes Etwas , gleichsam als lebte schon das Kind , um das soviel Kampf und nach Lucindens Meinung unnützer Streit geführt wurde . Aber die Stille wurde gespenstischer und gespenstischer ... Die Lauschende erschrak ... Ihr alles vom Gegentheil auffassender grausamer Sinn sah das erwartete Kind plötzlich statt in der Wiege - auf der Bahre ... Sie fuhr zurück , als wehte sie ein Eishauch des Todes an ... Um Treudchen zu finden , mußte sie hinterwärts , dem Hofe zu . Alle Zimmer waren hier dunkel ... Endlich kam sie furchtsam und erschreckt an Treudchen ' s Kammer , die sie rasch wie Hülfe suchend öffnete . Unfehlbar hätte sie jemand , der drinnen war , hören müssen , so leise sie die Thür auch aufklinkte . Treudchen aber , die wirklich drinnen war , lehnte sich gerade zum Fenster hinaus , weit , weit hinaus ... sie hätte in den Hof fallen können ... Erschrocken trat Lucinde näher und wollte sie am Sturze hindern ... Treudchen klammerte sich mit der linken Hand am Fensterrahmen fest und jetzt sprach sie sogar hinaus ... Nun zog sich Lucinde zurück in die dunkle Vorkammer ... Herr Kattendyk ! Herr Kattendyk ! wisperte Treudchen zu den Fenstern Piter ' s , in welchen sich ein leiser Lichtschimmer entdecken ließ ... Jetzt kehrte sie vom Fenster zurück und sprach mit weinerlicher Stimme vor sich hin : Jesus Marie ! Er verschläft den ganzen Abend ! ... Ein dumpfes Gemurmel von Menschenstimmen ließ erkennen , daß unten die Thür zur Verbindungstreppe mit den Zimmern Piter ' s offen stand , vielleicht der Hitze wegen . In diesen hintern Zimmern wurde gespielt ... Lucinde kämpfte mit sich , ob sie Treudchen belauschen oder mit einem plötzlichen : Guten Abend ! erschrecken sollte ... Treudchen ' s Angst schien sich zu mehren , als sie an die Verbindungsthür trat , die seit einigen Monaten für immer geschlossen war . Der Schlüssel steckte ; soviel Vertrauen hatte ihr Madame Delring geschenkt ; aber die Thür zu öffnen war ihr streng verboten ... Nun seufzte sie : Er ist nicht in der Gesellschaft ! Er schläft ! Jesus , Marie , Joseph ! Und kein Mensch kümmert sich um ihn ! Sie liebt ihn wirklich ! sagte sich Lucinde mit einem vornehm herabblickenden Mitleid ... Kein Mensch kümmert sich um ihn ! wiederholte Treudchen halb weinend . Und der Abend geht vorüber , der sein Stolz sein sollte ! Was macht man nur ! Am offenen Fenster rief sie wieder : Herr Kattendyk ! Drüben blieb alles still ... Licht war im Zimmer , das sahe man ... Lucinde sagte sich : Wenn ich einmal eine recht gute Handlung in der Welt begehe , soll es die sein , dich zur Frau Piter Kattendyk zu machen ... Das Lachen , Reden , Tellerklappern , Gläserklingen von unten her nahm immermehr zu ... Treudchen faßte einen Entschluß . Sie trat an die Thür , sah durchs Schlüsselloch , erfaßte den Schlüssel , drehte entschlossen einmal , zweimal um , drückte die Klinke auf und herein strömte eine blendende Lichtfülle , strömte in die matterhellte Kammer so strahlend , so feenhaft festlich , daß Lucinde unwillkürlich wieder in ihre Vorkammer zurückhuschte ... Treudchen wagte sich vorwärts . Die Fülle des Lichts fiel auf ihre angstbleichen schönen Züge . In Anmuth hob sich lichterhellt die liebliche Gestalt von dem dunkeln Vordergrund ab . Auf den Zehen schlich sie an die Thür Piter ' s , die von innen durch einen Drücker , von außen durch einen Schlüssel zu öffnen war , einen Schlüssel , der leider nicht steckte ... Tiefseufzend öffnete sie das Corridorfenster , lehnte sich auch da weit hinaus und räusperte laut , um hörbar zu werden . Dann rief sie wieder : Herr Kattendyk ! Für Lucinden war dieser Beweis der Liebe Treudchen ' s ein Genuß . Noch viel länger hätte sie jetzt lauschen mögen . Sie hatte die Absicht , nach einer Weile hervorzuspringen und sie zu küssen . Sie war in Treudchen verliebt ; diese -