einer Oper Rinaldo ’ s beraubt hätte . Man weiß , daß dieser im Stande ist , seine Drohung auszuführen , und sein Werk in der That zurückzuziehen , und einer solchen Alternative gegenüber blieb eben nichts weiter übrig als unbedingtes Nachgeben . “ „ Freilich ! Mein Widerspruch gilt nur dieser Art von Terrorismus , den sich ein fremder Künstler hier im Herzen Italiens erlaubt , indem er die Einheimischen zwingt , sich seiner speciell deutschen Auffassung der Musik zu fügen . “ „ Besonders wenn diese Einheimischen schon zweimal mit einer Oper Fiasco gemacht haben , während jede neue Schöpfung Rinaldo ’ s vom stürmischen Beifall des Publicums getragen wird , “ flüsterte der Marchese seinem Nachbar zu . Dieser , ein Engländer , sah äußerst gelangweilt aus . Er war des Italienischen nur theilweise mächtig , und die rasch und lebhaft geführte Unterhaltung blieb ihm daher größtentheils unverständlich . Nichtsdestoweniger beantwortete er die leise und verächtliche Bemerkung seines jugendlichen Nachbars mit einem würdevollen Kopfnicken und sah sich darauf hin aufmerksam den Maestro an , als sei ihm dieser auf einmal eine Merkwürdigkeit geworden . „ Wir sprechen von der neuen Oper Rinaldo ’ s , “ wandte sich der Officier artig erklärend an den Fremden , der bisher einen stummen Zuhörer abgegeben hatte , und jetzt in fremdartig klingendem , aber doch geläufigem Italienisch antwortete . „ Ich hörte soeben den Namen . Irgend eine musikalische Größe vermuthlich ? “ Die Herren blickten den Fragenden in sprachlosem Erstaunen an , nur das Gesicht des Maestro verrieth eine unverkennbare Genugthuung darüber , daß es doch wenigstens einen Menschen auf der Welt gab , der diesen Namen nicht kannte . „ Irgend eine ? “ betonte Marchese Tortoni . „ Verzeihung , Signor Capitano , aber Sie sind wohl sehr lange auf der See gewesen und kommen vermuthlich aus einer andern Hemisphäre ? “ „ Direct von den Südsee-Inseln ! “ bestätigte der Capitain , trotz des ironischen Tones der Frage mit einem verbindlichen Lächeln . „ Und da man dort leider noch nicht so vertraut ist mit den künstlerischen Erzeugnissen der Neuzeit , wie es im Interesse der Civilisation wohl zu wünschen wäre , so bitte ich , meiner bedauernswerthen Unkenntniß zu Hülfe zu kommen . “ „ Es handelt sich um den ersten und genialsten unserer jetzigen Componisten , “ sagte der Marchese . „ Er ist zwar von Geburt ein Deutscher , aber seit Jahren schon gehört er ausschließlich uns an . Er lebt und schafft nur auf italienischem Boden , und wir sind stolz darauf , ihn den Unseren nennen zu dürfen . Uebrigens würde es Ihnen leicht sein , heute Abend seine persönliche Bekanntschaft zu machen . Er erscheint jedenfalls . “ „ Mit Signora Biancona – selbstverständlich ! “ fiel der Officier ein . „ Hatten Sie schon Gelegenheit , unsere schöne Primadonna zu hören ? “ Der Capitain machte eine verneinende Bewegung . „ Ich bin erst vor einigen Tagen hier angekommen , indessen sah ich sie bereits vor Jahren in meiner Heimath , wo sie damals ihre ersten Lorbeeren einsammelte . “ „ Ah , damals war sie ein aufsteigendes Gestirn , “ rief der Andere . „ Freilich , im Norden hat sie ihren Ruhm gegründet ; sie kam bereits als gefeierte Künstlerin zu uns zurück . Jetzt aber steht sie unbedingt auf der Höhe ihres Talentes . Sie müssen sie hören und zwar in einer von Rinaldo ’ s Opern hören , wenn Sie sie in ihrem vollen Glanze bewundern wollen . “ „ Gewiß , denn da flammt ein Feuer in das andere , “ bestätigte der junge Marchese . „ Jedenfalls werden Sie auch heute schon in der Signora eine blendend schöne Erscheinung finden . Versäumen Sie ja nicht eine Vorstellung und Unterredung mit ihr . “ „ Falls dies nämlich dem Signor Rinaldo genehm ist , “ mischte sich der Maestro jetzt wieder ein . „ Sonst würden Sie ganz vergeblich eine Annäherung versuchen . “ „ Hat Rinaldo darüber zu bestimmen ? “ warf der Capitain flüchtig hin . „ Nun , wenigstens nimmt er sich das Recht dazu . Er ist so gewöhnt , überall den Herrn und Gebieter herauszukehren , daß er dies auch hier versucht , und leider nicht ohne Erfolg . Ich begreife die Biancona nicht . Eine Künstlerin von ihrer Bedeutung , eine Frau von ihrer Schönheit – und sie läßt sich so gänzlich von einem Manne beherrschen . “ „ Aber dieser Eine ist Rinaldo , “ lachte der Officier , „ und damit ist genug gesagt . Gestehen wir es nur , Tortoni , wir Alle können uns nicht mit seinen Erfolgen messen . Dem fliegen ja alle Herzen entgegen , wo er nur erscheint – da ist es am Ende kein Wunder , wenn selbst eine Biancona sich willig dem Zauber beugt , den dieser Mann nun einmal an sich zu tragen scheint . “ „ Nun , so willig geschieht es gerade nicht , “ meinte Gianelli hämisch . „ Signora ist leidenschaftlich im höchsten Grade , aber Rinaldo überbietet sie darin womöglich noch . Es giebt zwischen ihnen mindestens ebenso oft Sturm wie Sonnenschein , und heftige Scenen sind an der Tagesordnung . “ „ Dieser Rinaldo scheint ja , wie das Publicum , so auch die gesammte Gesellschaft zu beherrschen , “ sagte der Capitain sich jetzt ausschließlich an den Capellmeister wendend . „ Läßt man sich dergleichen denn von einem einzigen Menschen und noch dazu von einem Fremden gefallen ? “ „ Weil man eben blind ist und sein will für jedes andere [ 461 ] Verdienst , “ rief der Maestro mit unterdrückter Heftigkeit . „ Wenn die Gesellschaft einmal einen Götzen auf den Thron erhebt , so pflegt sie auch in ihrer Anbetung bis zur Lächerlichkeit zu gehen . Man treibt ja einen förmlichen Cultus mit diesem Rinaldo , da ist es am Ende kein Wunder , wenn sein Hochmuth und