sog mit vollen Zügen den Weihrauch ein , der ihr freigebig von allen Seiten gestreut wurde . Die Huldigungen und Schmeicheleien der Herren fanden ein williges Ohr bei der jungen Dame ; sie bemerkte es nicht , wie ernst und vorwurfsvoll Georg ’ s Augen bisweilen auf ihrem Antlitz hafteten , wenn sie das Alles in spielender Koketterie hinnahm , und reichte ihm die Hand , als er endlich kam , um sie an ihre Zusage zu erinnern , und sie in die Reihen führte . „ Baroneß Harder ist doch eine reizende Erscheinung , “ sagte Oberst Wilten zu dem Freiherrn , der vor einigen Minuten in den Saal getreten war und ganz gegen seine sonstige Gewohnheit dem Tanze zusah . „ Ich fürchte nur , Excellenz , Sie werden Ihre schöne Pflegebefohlene nicht allzu lange behalten ; sie dürfte Ihnen bald genug von dem künftigen Gemahl entführt werden . “ „ Warum nicht gar ! “ erwiderte Raven in halb unwilligem Tone . „ Davon kann vorläufig keine Rede sein , Gabriele ist ja noch ein halbes Kind . “ Der Oberst lachte . „ Mit siebenzehn Jahren sind unsere jungen Mädchen keine Kinder mehr . Fräulein von Harder würde ganz entschieden gegen eine solche Zumuthung protestiren . Sehen Sie nur , wie graziös sie mit ihrem Tänzer dahinschwebt ! Die eigenthümlich sonnige Art ihrer Schönheit ist noch nie so siegreich zur Geltung gekommen , wie an dem heutigen Abend . Ich möchte Sie wirklich um Ihre Vaterrechte an diesem liebenswürdigen Wesen beneiden . “ Vaterrechte ! Das Wort schien den Freiherrn unangenehm zu berühren ; auf seiner Stirn zeigte sich eine tiefe Falte , als er , ohne etwas zu erwidern , mit den Blicken dem jungen Paare folgte , das seine ganze Aufmerksamkeit fesselte . Wilten hatte nicht ohne alle Beziehung gesprochen . Er hatte es recht gut bemerkt , wie angelegentlich sein ältester Sohn der jungen Baroneß den Hof machte , die als wahrscheinliche Erbin ihres Vormundes eine glänzende Partie war . Der Oberst hätte durchaus nichts dagegen gehabt , dem letzteren die Vaterrechte abzunehmen ; die schöne und reiche Schwiegertochter wäre ihm höchst willkommen gewesen , und er versuchte es , die Sache wenigstens anzubahnen . Aber seine Andeutungen in dieser Hinsicht schienen durchaus nicht verstanden zu werden ; er ließ also vorläufig den Gegenstand fallen . „ Ich sprach soeben den Polizeidirector , “ begann er von Neuem . „ Er meint , daß nichts zu besorgen wäre , hat aber doch alle nöthigen Vorsichtsmaßregeln getroffen für den Fall , daß es heute in der Stadt zu irgend welchen Excessen kommen sollte . “ „ Heute ? Warum gerade heute ? “ fragte Raven zerstreut und noch immer mit seinen Beobachtungen beschäftigt . „ Nun , der heutige Festtag giebt doch Gelegenheit zu manchen Zusammenkünften , besonders in den niederen Ständen , und hat bei der jetzigen gereizten Stimmung sein Bedenkliches , zumal wenn die Köpfe erhitzt sind . “ Dem Freiherrn schien das Gespräch lästig zu sein ; er hörte kaum darauf und war offenbar von ganz anderen Gedanken in Anspruch genommen , als er gleichgültig erwiderte : „ So , meinen Sie das ? “ Der Oberst sah ihn befremdet an . „ Aber , Excellenz , das müssen Sie doch am besten wissen . Wir sprachen ja erst gestern ausführlich darüber , und es ist leider kein Geheimniß , daß die allgemeine Aufregung sich in erster Linie gegen Sie richtet . Hofrath Moser sagte mir vorhin , Sie hätten kürzlich wieder einen Drohbrief erhalten . “ Der Gouverneur zuckte verächtlich die Achseln . „ Ich habe ein halbes Dutzend davon in meinem Papierkorbe . Man sollte doch nun endlich einsehen , daß ich solchen Albernheiten nicht zugänglich bin . “ Wilten warf einen Blick umher : sie standen am Ende des Saales , und es befand sich augenblicklich Niemand nahe genug , um das Gespräch hören zu können . Der Oberst fuhr in leiserem Tone fort : „ Sie sollten aber doch die Gefahr nicht geradezu herausfordern . Es ist allzu unvorsichtig , daß Sie ohne jede Begleitung und Sicherheitsmaßregeln zu Fuß durch die Stadt gehen . Ich habe Sie schon neulich bitten wollen , das zu unterlassen . Wer weiß , ob der Pöbel nicht systematisch gegen Sie aufgehetzt wird ; die ganze Bürgerschaft steht ja in geschlossener Opposition Ihnen gegenüber . “ „ Desto besser , “ sagte Raven mechanisch . Seine Augen wichen nicht einen Moment lang von einem gewissen Punkte des Saales . Der Oberst trat einen Schritt zurück . „ Excellenz ! “ Sein Erstaunen brachte den Freiherrn zur Besinnung . Er wendete sich rasch um . „ Verzeihen Sie ! Ich bin zerstreut . Ich – hörte nicht recht , was Sie sagten . Wovon sprachen wir doch ? “ [ 256 ] „ Ich bat Sie , etwas mehr Rücksicht auf Ihre persönliche Sicherheit zu nehmen . “ „ Ja so ! Sie müssen es schon entschuldigen , daß ich unaufmerksam war . Wer wie ich täglich von hundert verschiedenen Seiten in Anspruch genommen wird , der kann sich nicht einmal an einem Festabende , wie der heutige , mit seinen Gedanken frei machen . “ „ Es ist aber auch eine allzu große Arbeitslast , die Sie auf Ihre Schultern genommen haben , “ meinte der Oberst . „ Selbst die ausdauerndste Kraft muß schließlich den Anstrengungen erliegen , wie Sie sich Tag für Tag zumuthen . – Sehen Sie die beneidenswerthe Jugend dort , die von solchen Sorgen keine Ahnung hat ! Das tanzt und lacht und plaudert und ist glücklich mit einander . “ „ Und ist glücklich ! “ wiederholte Raven . „ Ja wohl ! “ Es lag eine tiefe Bitterkeit in den Worten , und doch bot der Saal einen ungemein heiteren und belebten Anblick . Der weite , prächtige Raum mit den strahlenden Kerzen , der rauschenden Musik und all den jugendlich blühenden Gestalten , die