ihr der Weg vom Wagen aus denn doch nicht erschienen . „ Hier kommen wir überhaupt nicht vorwärts ! “ erklärte Arthur , der inzwischen das gleiche Experiment mit einem ähnlichen Erfolge versucht hatte . „ Wir müssen durch den Wald zurück . “ „ Ohne Weg und Steg zu kennen ? Wir werden uns verirren . “ „ Schwerlich ! Ich erinnere mich noch aus meinen Knabenjahren ganz deutlich eines Fußpfades , der mitten durch den Wald über die Höhen in ’ s Thal führt und dabei noch den Vortheil hat , den Weg bedeutend abzukürzen . Wir müssen ihn aufsuchen . “ Eugenie zögerte noch immer , aber die thatsächliche Unmöglichkeit , den zur Hälfte überschwemmten und von den Wagengeleisen noch mehr zerwühlten Fahrweg zu passiren , ließ ihr keine Wahl . Sie folgte ihrem Gatten , der bereits nach links abbog , und wenige Minuten später umfing sie Beide das dichte , dunkle Grün der Tannen . Auf dem Moos und den Wurzeln des Waldbodens war nun wenigstens die Möglichkeit gegeben , vorwärts zu kommen , das heißt für unverwöhnte Füße . Für einen Herrn und eine Dame , die nur das Parquet des Salons gewohnt waren , denen bei jedem Ausflug Wagen und Reitpferde zur Disposition standen , und deren ganze Fußtouren sich auf einen Spaziergang im Park bei vollendet schönem Wetter beschränkten , bot dieser Weg noch immer Schwierigkeiten genug – und dazu dieser stürmische Nebeltag ! Es regnete zwar jetzt nicht mehr , aber die ganze Umgebung triefte vor Nässe , und die Wolken drohten jeden Augenblick einen neuen Schauer herabzusenden . Ueber eine Stunde vom Hause entfernt , mitten im Walde , in den sie auf ’ s Gerathewohl wie ein paar Abenteurer eindrangen , ohne Wagen und Diener , ohne den geringsten Schutz gegen Wind und Regen – es war in der That eine ebenso ungewohnte als verzweifelte Situation für Herrn Arthur Berkow und dessen hochgeborene Gemahlin . Die junge Frau fand sich indessen bald mit ihrer gewöhnlichen Entschlossenheit in das Unvermeidliche . Sie hatte schon nach den ersten zehn Schritten die Unmöglichkeit eingesehen , ihr helles Seidenkleid und ihren weißen Burnus zu retten , sie gab daher beides ruhig dem nassen Moose und den tropfenden Bäumen preis und schritt muthig vorwärts . Aber so wenig ihre Toilette für eine solche Wanderung geeignet war , so wenig vermochte dieselbe sie vor der Witterung zu schützen ; sie hüllte sich fröstelnd fester in den leichten Cachemir und schauerte unwillkürlich zusammen , als der kalte Wind sie berührte . Ihr Gatte bemerkte das und blieb stehen . Er hatte , verweichlicht wie er war , trotz des geschlossenen Wagens einen Mantel umgeworfen , der ihn vollkommen schützte . Jetzt nahm er ihn schweigend ab , um ihn um die Schultern der jungen Frau zu legen , diese aber wich mit vollster Entschiedenheit zurück . „ Ich danke ! Ich bedarf dessen nicht . “ „ Du frierst ja . “ „ Durchaus nicht ! Ich bin nicht so empfindlich gegen die Witterung wie Du . “ Ohne ein Wort zu sagen , nahm Arthur den Mantel zurück , aber anstatt sich auf ’ s Neue darin einzuwickeln , warf er ihn nachlässig über den Arm und schritt nun in dem leichten Gesellschaftsanzuge an ihrer Seite hin . Eugenie kämpfte einen aufsteigenden Aerger nieder ; sie wußte selbst nicht recht , warum dies Benehmen sie so verletzte , aber sie hätte es weit lieber gesehen , wenn er sich jetzt ängstlich in den verschmähten Mantel gehüllt hätte , um seine kostbare Gesundheit zu schonen , anstatt sich so rücksichtslos Wind und Wetter preiszugeben . Ein ruhiges , überlegtes sich Fügen in das Unvermeidliche war ihre Sache ; sie konnte nicht begreifen , wie ihr Gatte dazu kam , dies Recht auch einmal für sich in Anspruch zu nehmen , konnte überhaupt nicht begreifen , wie er , der sich schon bei dem bloßen Gedanken an diese Waldpromenade entsetzt hatte , jetzt deren Unbequemlichkeiten gar nicht mehr zu empfinden schien , während sie schon halb und halb ihren Entschluß bereute . Ein Windstoß riß ihm den Hut vom Kopfe und wehte ihn einen Abhang hinunter , in dessen Tiefe er nicht mehr zu erreichen war . Gelassen sah Arthur dem Flüchtlinge nach und warf mit einer beinahe trotzigen Bewegung das lange braune Haar zurück . Sein Fuß sank bei jedem Schritt tief ein in das nasse Moos , und doch war Eugenien dieser Schritt nie so fest , so elastisch vorgekommen , wie heute . Die schlaffe Haltung ihres Gatten verlor sich mit jeder Minute mehr und [ 107 ] mehr , je tiefer sie in die grüne Wildniß eindrangen . Seine sonst so matten Augen späheten scharf nach dem gesuchten Wege umher . Der nasse , finstere Wald schien einen förmlich belebenden Einfluß auf ihn auszuüben , in so tiefen Zügen athmete er die herbe , harzige Tannenluft ein , so schnell führte er seine junge Frau unter den sausenden Wipfeln dahin . Plötzlich blieb er stehen und rief fast triumphirend aus : „ Da ist der Weg ! “ Sie sahen in der That einen schmalen Fußpfad vor sich , der quer durch den Wald lief und sich in einiger Entfernung zu senken schien . Eugenie schaute etwas verwundert darauf hin ; sie hatte es ihrem Manne wirklich nicht zugetraut , daß er im Stande wäre , einen sicheren Führer abzugeben , und sich bereits vollständig auf ’ s Verirren gefaßt gemacht . „ Du scheinst sehr vertraut mit der Gegend ! “ sagte sie , während sie an seiner Seite den Weg betrat . Arthur lächelte , aber freilich galt dies Lächeln nicht ihr , sondern der Umgebung , die er jetzt forschend musterte . „ Ich werde doch meinen Wald noch kennen ! Wir sind alte Freunde , wenn wir uns auch lange , sehr lange nicht gesehen haben . “ Eugenie hob verwundert das Haupt . Den Ton hatte sie noch