welchem ein lebhaftes Feuer flammte . Schon setzte Wertmüller den Fuß auf die mit türkischen Teppichen belegten Stufen , um den Hauptmann anzumelden , als der Herzog sein Buch schloß und , sich von seinem Sitze erhebend , es auf den Kaminsims legte , ohne jedoch den Eintretenden , die er noch nicht bemerkt hatte , sich zuzuwenden . Im gleichen Augenblicke hielt Jenatsch den jungen Offizier , der ihn vorstellen wollte , mit einem raschen Griffe seiner eisernen Hand zurück . » Halt « , flüsterte er , auf die Türe eines zweiten , ihnen gerade gegenüberliegenden Nebenraumes hinweisend – » ich komme zur Unzeit . « Durch diese Türe trat mit lebhafter Bewegung und verweintem Angesichte die Herzogin und führte an der Hand eine große ruhige Frauengestalt ihrem Gemahle entgegen , in welcher Wertmüller auf den ersten Blick die Beterin vor dem Hochaltare der Frari wiedererkannte . Unwillkürlich dem Gefühle des ihn Zurückziehenden gehorchend , wich er mit Jenatsch hinter die Draperie des Einganges zurück und blieb dort stehen als ein verborgener , aber aufmerksamer Zeuge auch des Geringsten , was im Saale vorging . » Hier bring ich Euch eine vom Schicksal Verfolgte , mein Gemahl « , begann die erregte Herzogin . » Sie ist Eurer christlichen Hilfsleistung und Eures ritterlichen Schutzes bedürftig und , wahrlich , es ist Eurer hohen Tugend würdig , ihr Schirmvogt zu werden . – Sie hat mir ihr volles Vertrauen geschenkt , und ihr schmerzenreiches Los ohne Rückhalt entschleiert . Dabei war mir vergönnt – ich kann es auch in ihrer Gegenwart nicht verschweigen – einen erhebenden Blick in die Tragödie eines mit dem ehernen Schicksale kämpfenden , antiken Charakters zu tun . Dieses edle Wesen trägt nicht ohne Bedeutung den Namen Lucretia . Sie stammt aus einem der besten Geschlechter jenes wilden Berglandes , das Euch als seinem Retter entgegenharrt . Noch war sie ein harmloses Kind , als ihr Vater , der einzige Gegenstand ihrer Liebe , von grausamen Feinden nächtlich gewürgt , und sie schutzlos und geächtet dem Elende und der Bosheit dieser gottlosen Welt preisgegeben wurde ... Aber ihr Herz blieb rein und ihre tapfere Hand zerschnitt mit dem Dolche die Schlingen des Lasters . Seid ihr hilfreich , teurer Herr ! Alle dieser geliebten Lucretia erzeigte Gnade sehe ich an , als hättet Ihr sie mir erwiesen ; denn ihr Unglück erfüllt meine ganze Seele ! – « Hier brach die gerührte Fürbitterin von neuem in Tränen aus und warf sich , das Antlitz mit den Händen bedeckend , in einen Lehnstuhl . Während dieser Rede der vornehmen Hugenottin , in welcher sich der Schwung des damals Mode werdenden Corneille fühlbar machte , hatte der Herzog seine Blicke voller Güte auf die schweigend und bescheiden vor ihm stehende Bündnerin gerichtet , als suchte er in ihren ruhigen Zügen und in ihren warmen dunkeln Augen das Anliegen zu lesen , welches sie zu ihm führte ; denn dieses war ihm bis jetzt trotz der eifrigen Verwendung seiner Gemahlin vollkommen unverständlich und verborgen geblieben . » Ich bin des Pompejus Planta Tochter , Lucretia « , beantwortete jetzt die Fremde seine stumme Frage . » Als mein Vater in Bünden geächtet ward , brachte er mich , die Fünfzehnjährige , zu den Klosterfrauen nach Monza und dort traf mich die Kunde seiner Ermordung . Erlaßt mir , Euch zu sagen , wie sie mein Leben zerstörte und wie völlig ich seither verwaist bin . Heim in mein Bünden konnte ich nicht kehren , und kann es auch jetzt nicht ohne Eure Hilfe . Es ist geschlagen von Krieg und schwerer innerer Zwietracht , denn der Fluch ungerochener Mordtat ruht auf ihm und das Blut meines Vaters schreit gen Himmel . – Wohl lebt mir noch ein Ohm in Mailand , der geächtete Rudolf Planta der bis heute mit mir das Brot der Verbannung teilte ; denn in das Stift zu Monza trat ich nicht , weil ich zu arm war und meine Berge nicht auf ewig missen wollte . Warum ich jetzt den Ohm verlasse , gestattet mir zu verschweigen . – Ich bin ein vom Stamme gerissener , auf dem Strome treibender Zweig und kann nicht Wurzel schlagen , bis ich den Boden der Heimat erreiche und getränkt werde mit dem Blute gerechter Sühne . Gebt mir einen Freibrief nach Bünden , edler Herr ! Ich habe vernommen , daß Euer Einfluß schon jetzt dort mächtig ist und sich bald auf Eure siegreichen Waffen stützen wird . Ich habe gegen mein Vaterland nie gefrevelt und bin den Anschlägen meines Ohms und der spanischen Partei in Gedanken und Taten völlig fremd geblieben . Ich will mein Erbhaus zurückfordern und das Recht meines Vaters suchen , denn allein dazu bin ich noch da . « Der Herzog hatte der schönen Fremden mit Aufmerksamkeit zugehört , jetzt ergriff er väterlich ihre Hand und sagte mit überlegener Milde : » Ich begreife den Schmerz Eurer Verlassenheit , mein Fräulein , auch bin ich damit einverstanden , daß Ihr Euren heimatlichen Boden wiedergewinnt und dort dem Andenken Eures Vaters lebt . Gern werd ich durch einen Freibrief Euch dazu behilflich sein . – Anders verhält es sich mit dem , was Ihr Sühne nennt . Bedarf es einer solchen , so , glaubt es , wird sie nicht ausbleiben . Unser ganzes Leben , ja das Leben der Menschheit seit ihrem Anfange ist eine Verkettung von Schuld und Sühne . Schwer aber ist es dem menschlichen Kurzblicke die richtige Vergeltung zu wählen , und sicherer in jedem Falle , Frevel durch Opfer der Liebe zu tilgen , als Gewalttat durch Gewalttat zu rächen und so Fluch auf Fluch zu häufen . – Besonders die unsichere Frauenhand berühre niemals in den Leidenschaften des Bürgerkriegs die zweischneidige Waffe persönlicher Rache . Mehr als einmal in unsern heimischen Kämpfen war auch ich von Mörderhand bedroht , aber , hätte sie mich getroffen , mit dem letzten Atemzuge hätte ich Frau und Kind angefleht ,