wendete sich der Haushofmeister noch an diesen und ersuchte ihn , das Schloß nicht zu verlassen , ohne dem Herzog im Archiv aufgewartet zu haben . Strozzi fragte schroff , ob es gleich sein dürfe , und der Greis ging ihm voran , nachdem er das Haupt bejahend gebeugt hatte . Die Herzogin aber ließ sich von Angela stillschweigend an die Sänfte geleiten . » Ich nehme nicht von dir Abschied « , sagte sie . » Du folgst mir , lieber heute noch , nach . « Sie hätte ihr gerne erspart , was kommen mußte , wie sie selber davor auf die Seite wich . Wenn ihr Dienst sie nicht an die Herzogin fesselte , bewohnte Angela das einsame Erkerzimmer eines festen Eckturmes , der einen inneren Hof beherrschte und in dem unteren Teile seiner undurchdringlichen Mauern das Privatarchiv des Herzogs barg . Um diesen Zufluchtsort zu erreichen , eilte die bange Angela die Schloßtreppen hinan . Seitengänge und eine schmale Stiege führten sie in den Turm und durch den kleinen Vorraum , wo die Drehbank des Herzogs stand . Hier wunderte sie sich , die schwere Eichentür des Archivs offen zu sehen , so daß die lauten Stimmen Don Alfonsos und des Großrichters sie verfolgten , während sie eine weitere Stiege erklomm . Wie erschrak sie , als sie , angelangt , nicht eintreten konnte ! Ihr Söller , den sie eine Weile nicht benützt hatte , war verschossen . Der Schlüssel mochte im Archiv liegen . Nun mußte sie das Weggehen Strozzis abwarten und duckte sich , wieder die Treppe herabgestiegen , eine widerwillige Lauscherin , nicht von Neugierde , nur von Angst gepeinigt , harrend in eine Nische der dicken Mauer . » Dieser Rechtshandel « , plauderte der Herzog bequem , » ist eine langweilige Sache . Wir sollten sie endlich zu Schlusse bringen . Ich habe die fraglichen Akten gründlich studiert « , er schlug mit der Hand auf einen Stoß Pergament , daß Angela den Staub einzuatmen glaubte . » Ihr wißt , Richter , ich fürchte mich nicht vor Akten , aber diesmal habe ich meine Mühe und das Öl meiner Lampe verloren . Sagt Ihr mir lieber kurz , wer recht hat , der Graf Contrario als Erbe der Flavier , oder ich und der Fiskus von Ferrara . Wie spricht Euer richterliches Gewissen ? « Es erschien Angela , als betonte der Herzog das letzte Wort auf ironische Weise ; aber sie mußte sich täuschen , denn Strozzi antwortete völlig unbeirrt . » Hoheit « , sagte er , » der Witz ist , das Wesentliche vom Unwesentlichen zu unterscheiden : Das gehört nicht zur Sache , und das nicht – so bleibt noch das , und das ist einfach . Der innerste Kern des vor Alter vergilbten und von Tücken und Kniffen verdrehten Prozesses ist aber dieser : Nachdem die Flavier und Contrarier sich jahrhundertelang als Vettern gequält und versöhnt , befeindet und zu Erben eingesetzt hatten , entschloß sich der letzte kinderlose Flavier , namens Nestor , aus unbekannten Gründen , seinen bedeutenden Besitz seinem Vetter , dem Grafen Mario Contrario , dem Vater unsres jetzigen anmutigen Grafen , testamentarisch zu hinterlassen . Nun verbietet aber unser ferraresisches Recht , sein Gut einem Fremden zu vererben ohne die vorher erlangte Ermächtigung des Herzogs . Diese Einwilligung Eures Vaters aber , obwohl niedergeschrieben und von diesem anerkannt , wurde niemals durch seinen Namenszug perfekt gemacht . Denn da der letzte Flavier zu Pferde stieg und nach Ferrara fuhr , um durch sein persönliches Erscheinen jene Unterschrift von Eurem Vater zu erlangen , sprang der Tod grinsend hinter ihm aufs Roß und schnitt mit der Sense dazwischen . Er ward auf der Reise vom Schlage gerührt . Wie lag nun die Sache ? Das Testament war formell nichtig , da die Unterschrift des Herzogs mangelte , und Euer Vater , Herr Herkules , fand sich nicht bewogen , sie darunterzusetzen . Er konfiszierte die flavianischen Güter . Euer Zutun , erhabener Herr , ist nun keine Rechtssache mehr , sondern eine Sache Eurer Großmut , in die ich mich nicht mische . « » Wisse , Richter « , versetzte der Herzog , ohne den achtungslosen Ton Strozzis zu rügen , langmütig , » daß ich nicht viel anders denke , noch denken darf , als mein Vater Herkules ! Wo es ein rechtlich zulässiges Mittel gibt , den Staatsschatz zu füllen , darf ich es aus sogenannter großer Gesinnung nicht verschmähen und dafür meine Kaufleute und Bauern belasten . Auf der andern Seite freilich ist mir unlieb , daß die Contrarier so unbestreitbar das innere Recht für sich haben , als ich das äußere . « » Evident ! « spottete der Richter . » Da dünkt mich « , fuhr der Herzog gelassen fort , » wäre ein Kompromiß am Platze . Was meinst du , Richter ? Wir steuern mit den flavianischen Gütern Donna Angela Borgia aus und vermählen sie mit dem Erben der Rechtsansprüche der Contrarier , dem liebenswürdigen Grafen Ettore . Unter uns , ich wünsche das Mädchen weg . Sie bringt mich und den Staat Ferrara um unsern unvergleichlichen und unersetzlichen Kardinal Ippolito . « » Ich mag sie auch nicht und wünsche sie in den Mond ! Kuppeln wir sie mit dem Pedanten ! ... « scherzte der Richter mit wüster Heiterkeit , nicht anders , als wäre er trunken . » Du mußt wissen , mein Herkules « , fuhr der Herzog fort , anscheinend ohne sich an dem ärgerlichen Benehmen des Richters zu stoßen , » daß es eigentlich Donna Lucrezia ist , welche ihre Base aussteuert . Die flavianischen Güter bilden ihr Wittum , aber es ist ein unsicherer Besitz , da unsre Gerichte noch nicht endgültig gesprochen haben ... Du hast davon gehört , mein Herkules ? « » Wie sollt ' ich nicht ? « höhnte der Richter , » da ganz Italien davon widerhallte ! Wer