die Hand küssen mußte ; ich stoße mich insgeheim konsequent an Ecken und Eckchen , die für Andere nicht da sind und welche mich schon als Kind gequält und beunruhigt haben . Und wie durchkältet ist mein Vaterhaus ! “ – sie schauerte – „ man steht mit seinen warmen Füßen auf zu viel Marmor . Dazu ist Moritz ein so entsetzlich vornehmer Mann geworden “ – zwei schelmische Grübchen zeigten sich auf ihren Wangen – „ man erschrickt und schämt sich ja förmlich , wenn Einem die eigene kahle Visitenkarte vor die Augen kommt … ja , meine liebe Frau Diakonus , ich kehre herzlich gern nach Dresden zurück , vorausgesetzt , daß Henriette mich begleitet ; außerdem “ – sie wandte sich , aus dem scherzenden Tone in einen sehr entschiedenen übergehend , wieder an den Doktor – „ außerdem werde ich mein Möglichstes tun , mich in die gegebenen Verhältnisse zu schicken und zu bleiben , selbst auf die Gefahr hin , daß Moritz mich zwangsweise nach Dresden zu befördern versucht . “ Sie grüßte herzlich zu der alten Dame hinüber , verbeugte sich leicht gegen den Doktor und verließ den Garten , um doch noch in die Schloßmühle zu gehen , obgleich bereits der Abend hereinbrach . 8. Und nun war es ganz dunkel geworden ; auf dem Turme der Spinnerei hatte es Sieben geschlagen , und Käthe saß noch in dem einen Bogenfenster der Schloßmühlenstube . Sie hatte zwar vorher auf Suse ’ s dringende Bitte hin den Wäscheschrank inspiciert ; die Alte traute der Müllerfrau nicht , die pflegend ab- und zuging , und behauptete , nach schöner , „ selbstgesponnener “ Wäsche mache „ Jede “ lange Finger , dann hatte sie , wie bisher jeden Tag , die Abendsuppe gekocht und die Kranke zu Bett gebracht , die , wenn auch bedeutend wohler , doch noch sehr unbehülflich und schwach war . … Nun aber saß das junge Mädchen doch schon lange Zeit , die Hände feiernd im Schooße gefaltet , still in der Fensterecke und ließ sich von den Schatten des Abends förmlich einspinnen . So gut wurde es ihr drüben im Hause des Kommerzienrates nicht ; da gab es kein Erholungsdämmerstündchen wie in Dresden . Sobald die Sonne erloschen , sanken unerbittlich die Rouleaux unter den Händen der Dienerschaft ; die Gasflammen schlugen auf , und eine blendende Lichtflut jagte den Schatten auch aus den fernsten Ecken . Der dumpfe Pendelschlag der alten Wanduhr klang wie ein tactmäßiges , unterirdisches Klopfen , und durch den dicken , grünen Vorhang der geschlossenen Alkoventhür glomm das Nachtlicht an Susens Bett wie ein verdüstertes Gnomenauge . Das war wieder einmal ein so athemlos stiller Augenblick im Dunkeln . Wie hatte sie als Kind in solchen Momenten gläubig auf das Huschen und Schlurfen weißbestäubter Heinzelmännchen gehorcht , wenn ihr Suse erzählte , daß im Grundsteine der Mühle abergläubischer und barbarischer Weise ein neugeborenes Kind eingeschlossen und der Mauermörtel von dem übermüthigen Erbauer mit kostbarem Wein gemischt worden sei ! Heute flogen ihr diese Erinnerungen nur flüchtig durch den Sinn ; ihr Auge hing an dem schwachen Dämmerscheine , der durch das Südfenster hereinfiel , auf die Stelle , wo der Schloßmüller gestorben war , und sie dachte an die Art und Weise , wie Doktor Bruck ihr selbst die öffentliche Verurtheilung seiner Person mitgetheilt , und jetzt begriff sie noch weniger als neulich , daß er sich ihr gegenüber zu einer Vertheidigung herabgelassen hatte . … Und wenn die ganze Welt darauf bestand , sie glaubte nicht an ein keckes , gewissenloses Wagen , an dünkelhafte Selbstüberschätzung ohne Kunst und Wissen bei dem Manne , der die ernste , gedankenvolle Ruhe , die schlichte Wahrhaftigkeit und Geradheit selbst war . Und jetzt schoß ihr die Blutwelle wieder heiß und jäh nach dem Herzen , und ein starkes Zorngefühl quoll in ihr auf , wie heute Nachmittag , wo Flora in den crassesten Ausdrücken Bruck ’ s ärztliches Wirken gebrandmarkt hatte . Was für eine räthselvolle Frauennatur war sie doch , diese gefeierte Flora , dieses einst so sehr gefürchtete und doch heimlich bewunderte Idol der kleinen Käthe ! … Henriette hütete sich seltsamer Weise , in den Stunden des Alleinseins mit der heimgekehrten Schwester über das Brautpaar eingehend zu sprechen , aber hier und da waren ihr doch Bemerkungen über die Lippen geschlüpft , aus denen Käthe entnahm , daß Flora anfänglich eine leidenschaftlich liebende Braut gewesen sein mußte . Doktor Bruck war , nachdem er den deutsch-französischen Krieg als Regimentsarzt mitgemacht und dann längere Zeit einer berühmten ärztlichen Kapazität in Berlin assistiert hatte , hauptsächlich auf Wunsch seiner Tante nach M. zurückgekehrt . Der vortheilhafte Ruf , der ihm vorausgegangen , und seine imposante äußere Erscheinung hatten ihn sehr bald zu einem gesuchten Arzt und zu einer wünschenswerthen Partie für die Damenwelt gemacht . Es war mithin keineswegs Herablassung von Seiten der stolzen Flora Mangold gewesen , ihm die begehrte Hand zu reichen . Sie selbst hatte sich ihm auffallend genähert , indem sie einen schmerzhaft verstauchten Fuß keiner anderen Hand , als der des gefeierten neuen Doktors anvertrauen wollte – noch im Krankenhause hatte sie sich mit ihm verlobt und war darum vielfach beneidet worden . Aus diesem Grunde mochte sie auch vor dem peinlichen Aufsehen eines gewaltsamen Bruchs zurückscheuen . Darum diese perfide Lösung , die , auf ein allmähliches beiderseitiges Erkalten gestützt , schließlich von der Welt halbvergessen , geräuschlos vor sich gehen sollte . Käthe sprang plötzlich auf – der Gedanke war ihr unerträglich , daß sie , im Falle ihres Bleibens , fortgesetzt Zeugin dieser empörenden Komödie sein und mit ansehen sollte , wie der unglückliche Mann trotz seiner starken Liebe und Gegenwehr aus seinem geträumten Paradiese gestoßen würde . Nein , auch sie hielt zu Moritz und Henriette . Flora durfte und sollte ihr Wort nicht brechen ; die ganze Familie mußte einmüthig zusammenhalten , dem grausamen Verrath gegenüber . Die Thörin , daß sie so verblendet