und so allein ! Das Kind spielte längst in seinem Zimmer mit der Erzieherin , der Herzog wollte nicht , daß sie es länger behielt , weil dessen Lebhaftigkeit sie zu sehr angreifen würde . Freilich , der Arzt verbot ihr täglich , sich anzustrengen , aber es ist doch hart , ein solches Verbot , wenn man Mutter ist ! Sie griff wieder zu dem Buche , das ihr entglitten war , aber die Augen schmerzten , sie vermochte nicht weiter zu lesen . Es war auch eine so schaurige Erzählung , und wenn man selbst so traurig ist , und wenn draußen der Regen so einförmig niederrauscht , so als ob es nimmer wieder licht werden sollte , da darf man nichts lesen , was noch trüber stimmt . Ja , wenn man eine Seele hätte , mit der man sprechen könnte , so , wie sie einst daheim mit ihrer Schwester sprach , so recht vom Herzen weg ! Ja , dann ist es heimlich , wenn draußen das Wetter tobt , die Dämmerung das Zimmer umspinnt und im Kamin ein leichtes Feuer brennt . Und auf einmal stand eine Gestalt vor ihren Augen – Klaudine von Gerold in ihrem einfachen Kleide , das Schlüsselkörbchen am Arm , anmutig waltend in der kleinen , dürftigen Häuslichkeit des Bruders . Wie ruhig sie erschien , wie glücklich und beglückend ! Klaudine hatte schon immer so vorteilhaft abgestochen gegen die anderen Hofdamen . Um die Welt hätte sie nicht die kleine Gräfin H. mit dem übermütigen Wesen um sich haben mögen hier im stillen Altenstein , ebensowenig wie Fräulein von X. , die fast nie die Augen aufschlug , niemals lächelte . Aber Klaudine , Klaudine Gerold ! Und plötzlich ergriff sie eine förmliche Sehnsucht nach diesem stillen Mädchen mit den ernsten blauen Augen . Sie drückte auf den Knopf der silbernen Glocke , die ihr zur Seite stand , und dann ging sie zum Schreibtisch und warf in fliegender Eile einige Zeilen auf das Papier . » Diesen Brief an Fräulein von Gerold ! Ein Wagen soll hinüber , sie zu holen . Aber eilen Sie ! « Nun ergriff sie eine fieberhafte Unruhe . Eine Stunde konnte es dauern , in einer Stunde würde sie hier sein können . Sie befahl Feuer im Kamin zu machen und ließ den Teetisch herrichten in der Nähe der spielenden , zuckenden Flammen . Dann wanderte sie im Zimmer umher , trat zuweilen ans Fenster und sah in die regennasse Landschaft hinaus . Eine Stunde verrann , noch immer kam sie nicht . Da – horch – ein Wagen ! Sie trat vom Fenster zurück , als zu ihrem Erstaunen Baron Gerold gemeldet wurde , » den Hoheit befohlen « . Sie hatte das ganz vergessen . Heute ? Ja , es mußte wohl so sein ! Richtig , sie hatte ihn gebeten , ihr einige Nachrichten über die angeblich große Armut von Wahlerode , dem nahe gelegenen Dorfe zu bringen . Sie freute sich , ihn zu sehen , und fragte eingehend nach allem , aber zwischendurch horchte sie immer wieder in die Ferne . » Sie werden mich zerstreut finden , Baron . Ich erwarte nämlich Besuch « , sagte sie lachend , als sie sich inmitten einer Auseinandersetzung , den Bau eines Gemeindearmenhauses betreffend , rasch zum Fenster wandte . » Raten Sie , wen ? Aber nein , raten Sie lieber nicht , dann wird es eine Überraschung für Sie . Also , mein lieber Gerold , wenn Sie sich des Baues annehmen wollen , so können Sie auf meine Hilfe völlig rechnen . « » Hoheit sind , wie immer , die Güte selbst « , sprach Lothar und erhob sich . » Seine Hoheit « , scholl plötzlich die Stimme der Frau von Katzenstein , und gleich darauf trat der Herzog ein . » O , wie gemütlich , Liesel « , sagte er heiter , die zarte Frauenhand küssend , die sich ihm entgegenstreckte . » Und Sie , lieber Baron , wissen Sie , dass ich eben meinen Jäger zu Ihnen schickte ? Ich dachte an eine Partie L ' hombre heute . Zum L ' hombrespielen just das rechte Wetter , wie ? « » Hoheit wollen über mich befehlen . « Der Herzog verbarg ein leises Gähnen und nahm Platz am Kamin . Die alte Hofdame war am Nebentische beschäftigt den Tee zu bereiten , ein Diener ging mit behutsamen Schritten ab und zu und stand jetzt wie ein Schatten an der Tür , des Augenblicks gewärtig , wo er die Tassen reichen könne . Die Dämmerung war rasch heruntergesunken , man unterschied nur undeutlich noch die Gesichter der Anwesenden . Hier und da zuckte ein Flämmchen im Kamin empor und warf ein flüchtiges Streiflicht auf den Herzog . Er sah abgespannt aus und seine große weiße Hand strich in regelmäßiger Wiederholung durch den blonden Vollbart . » Es ist doch sehr einsam hier an solchen Tagen « , begann er endlich , » wir sind faktisch auf dem ganzen Wege , ausgenommen Ihr Fräulein Schwester , lieber Gerold , keiner Seele begegnet . Die resolute Dame ging mit Regenschirm und Wettermantel so vergnügt auf der einsamen nassen Straße dahin , als sei es der wonnigste Maimorgen . Vermutlich steuerte sie nach dem Eulenhause , denn sie schlug den Weg nach rechts ein . « » Sicher , Hoheit , sie lässt sich so leicht durch kein Wetter abhalten ihrer Cousine einen Besuch zu machen . « Der Herzog nahm eben eine der wappengeschmückten Tassen . » Beneidenswert ! « , sagte er halblaut und tat ein riesiges Stück Zucker in den duftenden Trank . » Die Gesundheit , meinen Hoheit ? In der Tat , die Gerolds wissen sämtlich nicht , was Nerven sind , sie haben Nerven wie Stahl und Knochen wie Elfenbein . « » Allerdings , das meinte ich « , klang es aus dem Munde des