Dir . Also sei nun ruhig und verbittere mir nicht diesen Freuden ­ tag durch unnützes Gezänk ! “ Frau Bertha ließ die volle Unterlippe weit herabhängen , während Gretchen auf ihrem breiten Knie „ Hottopferd “ machte . — Der düstere Vorsatz stieg in ihr auf , der verhaßten Stiefnichte nie etwas von den Kuchen zukommen zu lassen , die sie buk . Für diese „ Kröte “ war solch leckere Speise weitaus zu gut . Sie wagte keinen entschiedenen Widerspruch gegen den Willen des Gatten , aber sie tröstete sich mit dem Ge ­ danken , daß sie als Hausfrau Gelegenheit genug habe , sich an Ernestinen für den Zwang zu rächen , den ihr Leuthold auferlegte . Einen Sündenbock mußte sie nach Art gemeiner Naturen doch haben , und da sie den Ge ­ mahl dazu nicht machen konnte , so sollte es das wehrlose Mädchen werden . Leuthold , der dies Brüten an seiner Frau nicht gewohnt war , berührte leicht ihre Schulter . „ Nun ? es sieht ja beinahe aus , als ob Du etwas dächtest ? “ fragte er mit Laune . „ Ja , — ich denke auch etwas ! “ versicherte sie nachdrücklich . „ Ich denke , daß es ein rechtes Hundeleben gibt , so lange ich das kränkliche , böse Kind ver ­ pflegen muß und daß mir doch kein Mensch lohnen wird , was ich tue — “ Sie mußte schweigen , denn Gretchen hielt ihr mit solcher Kraft die Nase zu , daß ein großer Teil des zu dieser Rede nötigen Luftstromes abgesperrt ward und der Klang ihrer Stimme nicht mehr den gewünschten Eindruck auf den ästhetischen Gemahl hervorbrachte , dessen Lippen bereits ein verhängnisvolles Lächeln umspielte . Das Essen war vorüber , Leuthold legte die Serviette zusammen und stand auf . „ Jetzt muß die Todesanzeige geschrieben werden , es ist die höchste Zeit , “ — sagte er , im Nebenzimmer die Hände waschend und die Nägel bürstend . „ Nähe mir auch den Trauerflor um den Hut . “ Er kam wieder heraus und setzte sich an den Schreibtisch . Bertha stellte ihm eine Tasse schwarzen Kaffee und ein Licht hin . Er zündete sich eine feine Zigarre an , die er beim Schreiben rauchte , während er von Zeit zu Zeit behaglich seinen Kaffee schlürfte . Das Dienstmädchen räumte leise den Tisch ab , Gretchen spielte am Boden mit Papier , das es in Tausende kleiner Fetzen zerriß , um ein Schneegestöber zu veranstalten , und Bertha probierte vor dem Spiegel verschiedene Trauergegenstände an , die sie sich schon längst im Vorrat gekauft hatte . Sie war ent ­ zückt , denn das Schwarz kleidete sie vortrefflich . Es war eine kleine , stillvergnügte Gesellschaft bei einander . Leuthold hatte seine Tasse geleert und legte zugleich die Feder weg . „ So , — das ist gewiß höchst rührend und erbaulich ! Da lies ! “ Er reichte Bertha das Geschriebene , sie las : Gott dem Allmächtigen hat es gefallen , unsern geliebten Vater , Bruder und Schwager , Herrn Karl Emil von Hartwich , Rittergutsbesitzer und Fabrikanten dahier , heute Mittag 12 Uhr von seinen langen Leiden zu erlösen und in ein besseres Jenseits abzurufen . Wer den Verstorbenen und sein segensreiches Wirken kannte , wird unsern tiefen Schmerz zu würdigen wissen und uns eine stille Teilnahme nicht versagen . Unkenheim , 24. Juli 18 . . Die trauernden Hinterbliebenen Fünftes Kapitel . Enttäuschung . Ernestine lag noch immer regungslos in dem breiten Bette der Frau Gedike und an ihrer Seite saß eine kleine , kaum drei Schuh hohe Wärterin , baumelte mit den kurzen Beinchen und dachte darüber nach , wie schön es sein müsse , in solch einem großen , breiten Bett zu liegen , wie ein Erwachsener , und wie schade es sei , daß die arme Ernestine immerfort schlafe und dies Glück nicht genießen könne . Hin und wieder drehte sie das blonde Köpfchen nach dem hinter ihr liegenden Fenster , durch dessen weiße Vorhänge sie einem dunkeln Zuge nachblickte , der sich vom Hause weg dem Dorfe zu bewegte . Als sie ihn nicht mehr sehen konnte , seufzte sie ein wenig und baumelte etwas stärker , als zuvor , mit den Beinen , — ihr kleiner Oberkörper aber bewahrte eine immer gleiche , sehr ehrbare Haltung , denn sie war sich ihrer wichtigen Obliegenheiten wohl bewußt . Man hatte ihr die Be ­ wachung Ernestinens anvertraut , so lange die Dienerschaft der Einsegnung von Hartwichs Leiche beiwohnte . Als diese vorüber war und der Zug nach dem Kirch ­ hofe ging , hatte Rieke die Kleine gebeten , bei Ernestinen zu bleiben , bis die Herren vom Kirchhof kämen , damit sie noch einige Hausgeschäfte besorgen könne . Angelika , denn sie war es , übernahm diesen Auftrag mit Freuden . Sie hatte ihrem Onkel Neuenstein , der Hartwich die letzte Ehre erweisen wollte , keine Ruhe gelassen , bis er sie zu Ernestinen mitnahm . Freilich mußte sie sich bald eingestehen , daß sie sich in ihrem ganzen , sieben Jahre langen Leben noch nicht so gelangweilt habe , wie in diesem stillen Krankenzimmer , wo das einzige Geräusch in dem Gesumme der Fliegen be ­ stand , die sich um den Rest einer Arznei in Ernestinens Löffel rauften ; aber es wurde ihr darum doch nicht leid , sie verhielt sich mäuschenstill , um die Kranke nicht zu stören , und wagte nicht einmal , sie anzusehen , weil sie gehört hatte , man könne Schlafende durch den Blick wecken . Nur das schöne Buch betrachtete sie manchmal , das Ernestine bei sich hatte und ganz zerdrückte , weil sie es nicht aus den Armen ließ . Plötz ­ lich murmelte diese unruhig : „ Ich liege ja verkehrt im Bette ! “ Angelika rutschte erschrocken von ihrem hohen Stuhle herab , lief zur Türe und rief : „ Rieke , Ernestine hat