ihn an seinen langen mürben Rockschößen zogen oder hinterlistig auf die Trommel schlugen ; er sprach dann ein bißchen eifriger vor sich hin , aber er duldete es . Nur in einem Falle wurde er wütend , wenn ihn nämlich jemand » Trollpapa « anredete . Sofort flog es ihm rot um die Ohren , er hielt inne im Gesang und schimpfte wie ein Rohrspatz , sich immer noch steigernd in seinem Zorn , dabei furioso die Schellen schüttelnd , die Trommel schlagend und die Harmonika ziehend . » Lausejungens seid ihr ! L – Lausejungens ! « Es war ein Anblick , der die Menschen lachen machte bis zur Fassungslosigkeit . Ich habe es auch einmal mit angesehen , aber mir stockte das Lachen , denn aus den kleinen vertrockneten Augen liefen ein paar Tränen in den struppigen Bart. Ich schämte mich und ging nach Hause . 133 Armer Trollpapa ! Wenn man nur gewußt hätte , wie er eigentlich heißt , ich würde ihn gewiß » Herr « so und so angeredet haben bei Überreichung meines Dreiers . Einmal blieb » Trollpapa « aus . Bei dem Spielen mit den Nachbarskindern wurde eifrig davon gesprochen : merkwürdig , daß er nicht da war um die Zeit , wo der Osterhase legte und die Stare schrien . Wir beschlossen eines Tages , den dicken Polizeiwachtmeister zu fragen : » Kommt denn Trollpapa nicht in diesem Jahre ? « » Nee , der kommt nich , der is ja vergangenen heiligen Abend zwischen Gersdorf und Stickelsberge verfroren , grad auf der Feldscheide hat er gesessen , den Rücken an dem Grenzstein . Keiner hat ihn begraben wollen , aber die Stickelsberger haben ihn nehmen müssen , weil daß die Trommel auf ihre Seite lag und sein Ranzen auch . « Armer Trollpapa ! Original Nummer zwei ! Das war erst einer ! Von dem kannten wir wenigstens den Namen . Mechau hieß er , und seines Zeichens war er ein Töpfergeselle . Niemals in meinem Leben habe ich wieder einen so skelettartig mageren Menschen erblickt , und dabei so lang , so himmellang . Seine Kleidung war ganz wunderbar , und unbegreiflich ist es mir stets geblieben , wie er in die unbeschreiblich engen Ärmel seines Rockes mit den großen Händen hineingelangte . Ebenso eng war der auf Taille gearbeitete fettglänzende Tuchrock und das Beinkleid : er glich einer der Karikaturen in den » Fliegenden Blättern « , die aus lauter Strichen bestehen . Den Bart trug er , wie die alten Maler ihn dem Heiland malten , die Haare lang herabwallend , eine Art Barett auf dem Haupte . Ein Paar milde dunkle Augen , die freilich mitunter fanatisch erglühen konnten , begegneten dem Blick des Beschauers . Jeden Sonntag , Vor- und Nachmittag , erschien Mechau in der Kirche , die Worte des Predigers förmlich von den Lippen lesend . In der Gemeinde zu knien , war dort nicht Sitte , der lange Geselle aber warf sich mit einer Inbrunst auf die Knie , daß es mir rätselhaft blieb , wie seine Beinkleider diese 134 leidenschaftliche Andachtsbezeigung aushielten . Uns Kindern war er unheimlich , der lange Mensch , wir liefen vor ihm wie die Hasen vor dem Hunde . Eine Zeitlang blieb Mechau aus unserer Kirche fort und wurde dafür in der St. Nikolaikirche bemerkt bei jedem Gottesdienst . Der dortige Prediger war einer der liebenswürdigsten Menschen , wahrhaft christlich gesinnt , mitleidig , freigebig , und daher besonders vergöttert von den armen Leuten . Er besaß eine Reihe blühender Kinder , darunter zwei Töchter , wirklich reizende Mädchen . Eines Tages predigte der Herr Pastor gar beweglich über das Thema , daß wir alle vor Gottes Throne gleich seien , ob arm oder reich , ob vornehm oder gering : daß wir alle Brüder und Schwestern wären , daß es unsere heiligste Pflicht sei , allen Stolz abzutun und die Armen und Kleinen gleich zu achten den Großen dieser Welt . – Was geschah nun ? Das holdselige Pastorstöchterlein hatte wie ein Madonnenbild im Pfarrstuhle gesessen , die großen schönen Augen auf den Vater gerichtet . In irgend einem Winkel der Kirche aber hatte Mechau gekniet , die Tochter gesehen und den Vater gehört , und beides verknüpfte sich in seiner gläubigen Seele zu einer himmlischen Offenbarung , die eitel Gnade und Glanz war . – Der Herr Pastor hatte in seiner Studierstube kaum Talar und Beffchen abgelegt und saß eben im Lehnstuhl am Fenster und schaute auf den alten Friedhof hinab , der gleich einem Garten sein Haus umgab . Der Duft des sonntäglichen Gänsebratens stieg bereits verführerisch in seine Nase , es war so unsäglich friedlich um ihn her , da stolperte das kichernde Mädchen über die Schwelle : » Herr Pastor , der verrückte Mechau will Sie sprechen ! « » Lasse ihn eintreten , Kind , « befahl der geistliche Herr in der Meinung , Mechau wolle ein Almosen erbitten . Im Rahmen der Tür erschien gleich darauf der unheimliche Geselle und begann alsbald sein Begehren vorzutragen , das in weiter nichts bestand , als in einem Heiratsantrag seinerseits für das schöne Töchterlein des Herrn Pfarrers . 135 » Mechau ! Mechau ! « warnte dieser mit erhobenem Finger , » du fällst in Hochmut und Dünkel – wie kannst du so etwas verlangen ? Geh heim , mein Sohn , und schlage dir die Dummheit aus dem Kopfe , meine Tochter ist kein Weib für deinesgleichen . « Da ward der arme Mensch irre an Gottes- und Menschenwort . » Sie haben gesagt : wir sind alle gleich vor unserem Schöpfer ! « schrie er , » und unser Herr Jesus hat solches auch gesagt , und nun wollen Sie ihn und sich Lügen strafen in derselben Stunde , wo Sie davon gepredigt haben ? « » Mechau ! Das habt Ihr falsch verstanden , « begann der Pfarrer sanft . Aber Mechau ließ sich nicht besänftigen : er wurde geradezu