sie sollte darin das Gretchen singen im Gounodschen „ Faust “ . „ Schau , “ sagte diese fröhlich , „ dös ist lieb , daß Sie kommen , Fräul ’ n May , der Mokka wird auf der Stell ’ ferti sein , und mein G ’ wand ’ l da könn ’ n m ’ r glei anfang ’ n. Hier san d ’ Noten , der Buchhändler hat s ’ heut ’ früh g ’ schickt , und da is a der Psalm , den i auf Befehl Ihrer Durchlaucht bei der Trauung von ’ d klanen Kerkow in der Schloßkirch ’ n singen soll . Woll ’ n S ’ so freundli sein und ’ mal anseh ’ n , bis i da ferti bin ? Es wär ’ mir lieb , i höret glei a mal den Psalm , und versprech ’ Ihn ’ n , wenn S ’ so recht schön vom Blatt wegsingen , Ihre Trauung a mit meiner Stimm ’ zu verherrlichn , daß Sie glei innew ’ rn , a Engerl is extra vom Himmel ’ runter kommen zu der Stund ’ ! “ Aenne lächelte trüb . „ Ach , dann sind Sie ja gar nicht mehr hier , Fräulein Hochleitner , “ sagte sie , ihr Jackett ablegend und die Pelzmütze hastig vom Kopf nehmend . „ Bis jetzt ist der Tag übrigens noch nicht bestimmt . “ „ Sie hab ’ n an merkwürdig geduld ’ gen Bräutigam , Klane ! I glaube , i würd ’ s ihm übelnehmen an Ihrer Stell ’ . No , Sie scheinen halt selbst kein ’ Eil ’ zu hab ’ n , i aber desto mehr , mit dem Mokka , man ’ i. Därf i bitt ’ n , Fräul ’ n May , schenken S ’ ein , derweil sitzt das Streiferl hier wieder fest . “ Es war unendlich gemütlich in dem von einem herrlichen Maiglöckchenstrauß durchdufteten kleinen Raum . Die spießbürgerliche Einrichtung des Zimmers verschwand ganz unter allerhand anmutigem Tand , auf jedem Sitzmöbel lag irgend etwas , das Klavier stand offen , einige Notenblätter waren zur Erde gefallen , ohne daß sich jemannd nach ihnen gebückt hätte , und auf dem verblichenen Teppich zerknabberte Azorl , der reizende weiße , sehr verzogene Seidenspitz , einen Pantoffel seiner Herrin . Aenne schenkte den Kaffee ein aus der kleinen silberglänzenden Wiener Maschine , und dann saß sie ein paar Minuten schwelgend ihrer bewunderten Lehrerin gegenüber und sah den flinken Händen zu . „ No ? “ fragte diese , erstaunt ob der Stille , und sah das Mädchen an . „ Wia schau ’ n S ’ denn aus ? Alle Tag ’ blässer und alle Tag ’ trübseliger ? Ja , was heißt denn dös ? Wissen ’ S , manchmal hab ’ i schon ’ dacht “ – sie stockte und vollendete dann , „ daß S ’ Angst hab ’ n vor der Zukunft , Sie arm ’ s Hascherl ! “ Aenne sah sie traurig an . „ Ja , lieber Gott , ’ s is eben a sehr schwerer Schritt , “ fügte die Sängerin hinzu . Aenne biß die Lippen aufeinander und schluckte an ungestüm [ 104 ] Auf der Pennsylvania Avenue zu Washington . Nach einer Skizze von Rud . Cronau . [ 105 ] WS : Das Bild wurde auf der vorherigen Seite zusammengesetzt . [ 106 ] hervorquellende Thränen , dabei schüttelte sie energisch den Kopf , als wollte sie sagen : „ Sie irren sich , ganz gewiß , Sie irren sich ! “ „ Dös ist ’ s net ? I hab ’ beinah ’ g ’ laubt , so sei ’ s. Aber dös is ja a net mögli , und wann ’ s a so wär ’ , hätten S wohl längst a End ’ g ’ schaff ’ n , man zieht an braven Mann doch net an der Nas ’ n ’ rum ? Feig sans doch a net , Fräul ’ n Aennerl , und an Irrtum eing ’ steh ’ n , is am End ’ a ka Schand ’ – ja , ja , i seh ’ ’ s , i irr ’ mi , ’ s is an andrer Kummer , bin aber die Letzt ’ , die dran rührt . – Kommen S ’ , wir woll ’ n sing ’ n , ’ m Kerkow sein ’ Hochzeitskantate ! “ „ Ich kann nicht ! “ stieß das junge Mädchen hervor . Die Sängerin , die schon am Klavier saß , wandte sich jäh , einen Ausdruck von Ueberraschung im Gesicht . „ Gerad ’ den Psalm net ? Oder überhaupt net ? “ fragte sie , das blasse Gesicht der sonst so lernbegierige Schülerin betrachtend . Aenne raffte sich zusammen . „ Heut ’ überhaupt nicht , “ sagte sie , „ ich habe Kopfweh . “ „ Na , da plausch ’ n wir halt a bisserl , “ tröstete Fräulein Hochleitner . „ Was kann ma denn thun , um Sie auf andre Gedanken zu bring ’ n ? Soll i Ihn ’ n a Lied sing ’ n , oder soll i Ihn ’ n a bisserl erzähl ’ n , davon , daß alle Leit ’ hier verruckt san über d ’ Hochzeit drob ’ n , und daß dem Kerkow sein Schwesterl ankommen is , so a arm ’ s bleichsüchtig ’ s Ding im schwarzen Krepp , das ausschaut , als hab ’ s ka Hoffnung mehr auf Erden ? I muß sag ’ n , an der Ribbeneck ihrer Stell ’ hätt ’ i net auf so a prächtige Hochzeit b ’ stand ’ n , aber sie kann sich net helf ’ n , sie muß aller Welt zeig ’ n , daß sie jetzt doch an Mann erwischt hat , nach so viel vergeblichen Versuchen ,