mit der Polizei . Ohne jeden Anstand , ohne humane Übereinkunft ; sie beschließen es , sie tun es . Es ist für mich kein Platz in Deutschland mehr . Ich gehe . « » Du gehst ? Wohin gehst du ? « fragte Daniel treuherzig erstaunt . Benda biß sich auf die Lippen und schwieg . Sie waren zur Füll gekommen . Als sie in Bendas Arbeitszimmer traten , brachte dieser einen mächtigen Atlas herbei , schlug die Karte von Afrika auf und deutete in die Mitte des Erdteils . » Siehst du die großen weißen Flecken hier ? Da ist weder Fluß noch Berg eingezeichnet . Es sind Gebiete , die noch keines Europäers Fuß betreten hat . Dorthin geh ich . « Er lächelte sanft . » Wirklich ? wann denn ? « fragte Daniel , voll Unbehagen darüber , daß er den Freund verlieren sollte . » Es ist noch unbestimmt , aber es wird sein . Dort habe ich zu tun . Ich brauche Luft , Erde , Himmel , das freie Tier und die freie Pflanze . « Auf der Schwelle des Zimmers erschien Bendas Mutter , eine ziemlich große , gebrechlich gehende Frau mit scharfen Zügen und tiefliegenden Augen . Sie schaute ihren Sohn an , sodann Daniel , zuletzt fielen ihre Blicke auf den Atlas und blieben darauf ruhen mit einem Ausdruck des Grauens und der Angst . Daniel wußte nichts mehr zu sagen , und Benda , immer still in sich hineinlächelnd , fing von andern Dingen zu sprechen an . 14 Beim Tode ihrer Mutter war Gertrud Jordan neun Jahre alt gewesen . In der Nacht war sie in das Sterbezimmer geschlichen und hatte drei Stunden am Lager der Toten zugebracht . Vielleicht war es seit jener Nacht , daß sie sich der Welt und den Menschen verschlossen hatte . Als sie von dannen ging , hob die Uhr zum Schlag aus , und in der Ferne krähte ein Hahn . Warum tickst du , Uhr ? fragte sie laut , warum krähst du , Hahn ? Und wieder : wer läßt dich ticken , Uhr , wer läßt dich krähen , Hahn ? Sie wuchs auf , und niemand wußte eigentlich etwas von ihr . Selbst ihr Vater konnte ihr nicht nahe kommen und wußte nicht , wie sie in ihrem Innern beschaffen war . Sie verkehrte nicht mit Altersgenossinnen . Ihr dunkler Blick erglühte zornig , wenn sie das sinnlich-sinnlose Gelächter der Mädchen vernahm . Bei der ersten Kommunion stürzte sie zusammen und wurde ohnmächtig weggetragen . Jordan brachte sie nach Pommersfelden zu seiner Schwester , der Bezirksarztenswitwe Kupferschmied . Nach einer Woche kehrte sie allein zurück und in zerrütteter Gemütsverfassung . Sie hatte zugesehen , wie ein Kalb geschlachtet worden war . Dieser Anblick hatte sie beinahe wahnsinnig gemacht . Von ihrem fünfzehnten Jahr an hatte sie es durchgesetzt , daß sie eine eigene Kammer zum Schlafen erhielt . Als sie sechzehn alt war , begehrte sie , daß die Magd entlassen werde , und nun kochte sie selbst und führte die Wirtschaft . War sie mit den häuslichen Arbeiten fertig , so setzte sie sich an ihren Stickrahmen . Benjamin Dorn war durch ihren Vater ins Haus gekommen . Daß Lenore sich über ihn lustig machte , nahm sie für ihn ein . Er erschien ihr nicht als Mann , er erinnerte sie an die schmächtigen Engel , die sie stickte . Er brachte ihr seine Traktate und Erbauungsschriften , aber sie verstand die Sprache nicht . Dann führte er sie zu den Zusammenkünften der Methodisten , aber die geräuschvolle Zerknirschung ängstigte sie , und nach wenigen Malen war sie nicht mehr zu bewegen , hinzugehen . Er empfahl ihr das Lesen der Bibel , aber sie vermochte auch in der Bibel nichts zu finden , was sie hätte beruhigen können . Ihr war es , als habe sie eine Wunde in ihrem Innern , die beständig blutete und sich niemals schloß . Als sie sich längst von Benjamin Dorn und seiner billigen Frömmigkeit abgewandt hatte , war dieser noch immer der Meinung , sie habe acht auf ihn und schaue zu ihm empor . Doch wußte sie es einzurichten , daß er nur selten mit ihr sprechen konnte . Der Gottesdienst in der protestantischen Kirche erschien ihr wie eine Versammlung von Händlern , die , anstatt wie an Wochentagen untereinander , an Sonntagen mit dem Himmel ein Geschäft abschließen . Sie vermißte die Würde , bei den Predigten wurde sie nicht warm , die Zeremonien stimmten sie nicht andächtig . Nirgends und von keinem Menschen vernahm sie ein nachhallendes , ein erleuchtendes Wort . Es war die Nüchternheit einer ganzen Zeit , die sie bis in die Adern hinein spürte , die Verflachung einer ganzen Welt . Und wenn sie ihr Herz wärmen wollte , wenn sie sich fürchtete vor der öden Luft und dem öden Tag , ging sie heimlich in die Frauenkirche oder in die Sankt Josephskirche , wo man den Raum Gottes feierlicher schmückte , wo viele Lichter angezündet waren , die Gebete geheimnisvoller klangen , der Priester ergriffener schien , der Andächtige schaudern konnte . Und doch haßte sie alles äußerlich Schöne , haßte sogar die schöne Natur als ein den Menschen zur Verlockung und zur Betörung Hingesetztes . Liebte auch nichts an ihrer eigenen Person , weder ihr Gesicht , noch ihre Stimme ; erschreckend war ihr die eigene tiefe Stimme ; weder ihre Haare , noch ihre Hände . An einem Winterabend warf sie einen goldenen Ring , der aus dem Nachlaß der Mutter stammte , und den ihr der Vater gegeben hatte , in den Brunnenschacht . Dann beugte sie sich hinüber und sah in die Finsternis hinab wie von einer Bürde befreit . Oftmals wollte Lenore der Schwester vertrauend nahen und fühlte sich immer zurückgestoßen . Wenn auch Gertrud wenig mit Menschen sprach , so gelangte doch alles Gerede zu ihr , das über Lenore ging ,