sich das Kinn ein . Grünfeld , der alte Diener , stand hinter ihm und sah aufmerksam zu , wie sein Herr sich rasierte . » Also , « sagte Dachhausen , » was hört man von der Nacht der Frau Baronin ? « Grünfeld machte ein trauriges Gesicht , denn er merkte es wohl , daß sein Herr ihn im Spiegel anschaute . » Die Amalie sagt , « erwiderte er , » die Nacht der Frau Baronin ist nicht gut gewesen . In der Nacht hat die Frau Baronin Licht gemacht und Briefe gelesen . Später ist der Schlaf auch nicht gekommen , vielleicht , meint Amalie , daß die Briefe die Frau Baronin aufgeregt haben . « » Briefe ? « fragte Dachhausen . » Ja , Briefe , « bestätigte Grünfeld , » die Amalie hat sie heute morgen noch auf dem Tisch neben dem Bette gesehen . « » Unsinn , « meinte Dachhausen ärgerlich , » die Frau Baronin hat gar keine Briefe , die sie aufregen könnten . « Da Grünfeld darauf nichts zu antworten wußte , begann Dachhausen sich zu rasieren ; da dieses seine ganze Aufmerksamkeit auf sich nahm , gingen ihm die Gedanken nur stoßweise durch den Kopf . Was für Briefe ? Die Briefe , die er Liddy als Bräutigam geschrieben ? Aber die waren doch gewiß nicht aufregend . Ob er fragte , wie die Briefe ausgesehen haben ? Ob es viele waren ? Nein , das ging denn doch nicht . Mit dem Rasieren war er fertig und setzte nun seine Toilette fort . Da begannen die Gedanken eifriger zu arbeiten . Diese Nachricht von den Briefen öffnete plötzlich eine ganze Schleuse unangenehmer Gedanken . Immerfort begegneten ihm jetzt solche geheimnisvoll beunruhigende Dinge . Liddys ganze Krankheit hatte doch etwas Unheimliches und Unerklärliches . Gut , man war nervös , das kam bei Frauen vor , aber ein Hauptsymptom von Liddys Krankheit war , daß sie ihren Mann nicht recht vertragen konnte . Das ging nun schon seit Wochen . Wann fing es denn an ? Es war an jenem Abend , als Gertrud Port da war und Liddy den Ohnmachtsanfall bekam . Gertrud hatte die Nachricht von Dietz Egloffs Verlobung mit Fastrade gebracht . Hier hielten die Gedanken an , hier hatten sie in letzter Zeit schon öfters Halt gemacht , als fürchteten sie etwas , als wollten sie sich feige um etwas herumdrücken . Dachhausen war jetzt fertig , Grünfeld fuhr ihm noch einmal sanft mit der Bürste über die Kleider , dann gingen sie beide in das Frühstückszimmer hinaus . Es war ein freundlicher Tag , das Zimmer voller Sonnenschein und Hyazinthenduft . Als Dachhausen sich an den Tisch setzte und sich den Tee servieren ließ , wurde ihm plötzlich ganz unerträglich wehmütig ums Herz . Wie sehr hatte er stets diese Mahlzeit geliebt , wenn Liddy ihm hier gegenüber saß , rosa und fröstelnd vom Morgenbade sich mit dem hübschen vernossenen Gesichtchen über ihre Tasse beugte . Ach Gott , das Leben mit dieser hübschen Frau war bisher so unendlich unterhaltend gewesen , alles an ihr war so raffiniert , so überraschend kapriziös und ergötzlich . Und nun plötzlich war alles gestört . Warum denn ? Von wem ? Er dachte diesen Gedanken , der alle diese Tage in ihm gelegen , in ihm gearbeitet wie ein Maulwurf , warum fiel sie gerade damals in Ohnmacht , als die Nachricht von Dietzes Verlobung kam ? Ist Liddy in Dietz verliebt ? Der Tee , den er trank , schmeckte ihm bitter , ihm wurde körperlich elend zumute , war denn das möglich ? Er begann in seinen Erinnerungen zurückzugehen und wirklich , es hatten sich in ihm eine ganze Menge kleiner Erinnerungen aufgespeichert , die jetzt hervorkrochen und eine schmerzliche Bedeutung annahmen . Da war ein Abend gewesen , an dem er Liddy und Dietz allein gelassen hatte , weil jemand ihn zu sprechen wünschte . Als er zurückkam , war Liddy seltsam erregt und rot und Egloff hatte sein spöttisches Lächeln . Liddy stand auf und verließ schnell das Zimmer , und dann hatte jemand einmal einen Brief gebracht . » Ah , von Gertrud « , hatte Liddy gesagt . Wenn Dachhausen jetzt an ihr Gesicht und an den Ton ihrer Stimme dachte , dann wußte er , daß sie gelogen hatte . Und anderes noch fiel ihm ein , das er meinte damals nicht beachtet oder vergessen zu haben , aber all das war in ihm da gewesen , er hatte es nur nicht zu Worte kommen lassen . Endlich , warum traf es sich so häufig , daß Dietz Egloff nach Barnewitz kam , wenn er , Dachhausen , nicht zu Hause war ? Liddy sagte dann stets : » Er hat sehr bedauert dich verfehlt zu haben , aber ich habe ihn doch zum Abendessen behalten , ich bin so allein . « Dachhausen schlug mit der Faust auf den Tisch , nein , da wollte er nicht weiter denken , das war ja nicht zu ertragen . Er befahl dem Diener , ihn bei der Frau Baronin zu melden , es kam jedoch die Antwort , die Frau Baronin sei müde und wolle versuchen zu schlafen . Gut , Dachhausen beschloß , wie er es jeden Morgen tat , den Rundgang in seiner Wirtschaft zu machen . Es war ein hübscher Tag , Sonnenschein und blauer Himmel . Diese letzten Wochen des April waren wunderbar , die Birken begannen auszuschlagen und die Fliederbüsche hatten dicke Knospen . Jedesmal wenn Dachhausen am Morgen die Freitreppe hinab in den Hof stieg , hatte er ein angenehmes Herrengefühl , er wußte , sein Erscheinen war hier überall bedeutsam , gefürchtet und entscheidend . Auch heute tat ihm das wohl , ihm wurde leichter ums Herz , schließlich , was war denn geschehen ? Er ging in die Schmiede hinüber , der Schmied stand am Amboß und hieb auf ein rotglühendes