grellen Fahnen standen sie . Absonderliche Gestalten , die als Uniform armselige bunte Jacken über ihre alltägliche , noch zerfetztere Kleidung gezogen hatten . Bogenschützen , nicht kriegstüchtiger wie die Theaterscharen , unter denen Tschun mitgewirkt ; Flintenträger , die zu zweien die unförmige , in blaue Baumwollappen gewickelte Waffe auf den Schultern schleppten und gelegentlich den Fächer oder das Pfeifchen aus dem Gürtel zogen . Zwischendurch ritten Militärmandarine niederer Grade auf mageren Pferdchen . Höhere Befehlshaber kamen in blau bezogenen Maultierkarren angefahren ; vornehmste Würdenträger wurden mit Ehrerbietung heischendem Geschrei der Vorreiter in Sänften zum Richtplatz getragen . Auf dem Platze waren zwei offene Verschläge aus Mattenflechtwerk errichtet . In dem einen saßen im Halbkreis die Beamten , die der Urteilsvollstreckung beiwohnen sollten . An ihrer Spitze ein Mandarin des Ministeriums der Strafen , mit rotem Knopfe . In dem anderen harrten die Verurteilten , von Wachen umgeben . Diese Soldaten waren nicht unfreundlich gegen ihre Gefangenen , sondern schienen eher geneigt , ihnen die letzten Augenblicke , soweit erlaubt , zu erleichtern . Tschun sah , wie sie ihnen zu rauchen anboten . Die Gefangenen zeigten sich völlig ruhig , beinah gleichgültig , als stände ihnen nichts Sonderliches bevor . Es war ein ganz junger darunter , und Tschun hörte die Umstehenden sagen , das sei ein Bruder Kang yu weis , der nun statt seiner hingerichtet werden sollte . Niemand schien etwas Staunenswertes daran zu finden . Ein Literat in der Menge erzählte zum Ueberfluß : Kang yu wei habe die Ermordung der Kaiserin angestrebt , und es sei altes geheiligtes Gesetz , daß Familien , in denen ein Königsmörder vorkäme , ausgerottet werden sollten . Tschun hörte es mit Grauen und er dachte bestimmt , noch im letzten Augenblick müsse ein Wunder geschehen , eine irdische oder göttliche Macht erscheinen , die das Schreckliche hinderte . In der Mitte des freien Platzes war ein Altar errichtet . Auf dem lagen die Schwerter des Scharfrichters , Stricke und die Winden zum Erdrosseln . Neben dem Altar hatte man aus einigen Ziegeln einen kleinen Herd erbaut , auf dem in einem großen Kessel Wasser heiß gehalten wurde , um die Schwerter drin zu wärmen . Die Gehilfen des Scharfrichters kauerten herum , und Tschun hörte sie über die verschiedenen Schwerter reden . Sie trugen alle Namen und sollten jedes seine besondere Wesensart haben . Alle hatten sie schon viel Arbeit getan . Endlich kam der Ueberbringer des Todesediktes . Die Gefangenen wurden auf den Platz geführt , um die Verlesung mit anzuhören und , dem Brauch gemäß , zu bestätigen , daß die Strafe gerecht sei . Doch von diesen Verurteilten tat das keiner ! Sie wendeten sich an das gaffende Volk und einer von ihnen erklärte , mit ruhiger , weithin vernehmlicher Stimme : » Mögen wir immerhin getötet werden , wir sterben für ein gute Sache . Und wir wissen , daß für einen von uns , der heute fällt , bald Tausende erstehen werden , die dieselben Ziele wollen und sie trotz allem schließlich erreichen werden . Ihnen wird es beschieden sein , die Sonne wieder an ihrem rechtmäßigen Platz und den usurpatorischen Komet vernichtet zu sehen . « Doch die Mandarine traten dazwischen , um weitere Ansprachen zu verhindern . Die Verurteilten konnten sich nur noch gegenseitig förmlich voreinander verbeugen , wobei der eine feierlich sagte : » Wir werden uns binnen kurzem bei den gelben Quellen wiedertreffen , « und der andere ebenso antwortete : » Der Tod ist nur eine Heimkehr . « Schon stand der Scharfrichter bereit . Es war ein breiter , schwerer Mann , der den Mantel abgeworfen und eine blutbefleckte Lederschürze vorgebunden hatte . Er trug den präokkupierten Ausdruck eines Menschen , der entschlossen ist , schwere Arbeit möglichst gut zu verrichten . Die Schwerter wurden ihm gebracht , prüfend wählte er eines . - Nun ward der erste Verurteilte angeführt und mußte niederknien . Ein Strick wurde ihm um den Hals geschlungen und daran zog ihm einer der Gehilfen den Kopf weit vor . Das erhobene Schwert sauste nieder . Aber im selben Augenblick ertönten laute Schreie , und wie große indigofarbene Wellen durchbrachen die Volksmengen das Soldatenspalier und fluteten auf den Platz . - Nun werden sie sie doch noch retten ! dachte Tschun frohlockend . - Aber er täuschte sich . Was er für elementare Empörung gehalten , war nur ein plötzlicher Ausbruch wildester Neugier gewesen . Nicht hindern , nicht retten wollten die Tausende , - nur besser sehen ! In all den unzähligen Augenpaaren stand nichts wie die Gier nach dem Schauspiel , das zugleich grausigste Wirklichkeit war . - Mühsam schoben die Soldaten die Vordrängenden zurück . Und das Geschäft ging weiter . Im schnellsten Tempo . Schon lag der zweite Kopf am Boden . Der lange Zopf hing daran wie eine schwarze Schlange , die das sickernde Blut schlürfen möchte . Dann folgten die Erdrosselungen . In fliegender Eile wurden die Schlingen um die Hälse der Knienden geworfen und durch rasendstes Drehen der Winden zugezogen . Die gelben Gesichter wurden plötzlich dunkelviolettrot , die Augen quollen glotzend aus den Höhlen . Es war vorüber . - - - Da lagen die Männer , die all das gewollt , was ihnen die Europäer seit Jahrzehnten gepredigt hatten . Sie waren dafür gestorben . Keine Hand hatte sich um sie gerührt . Tschun konnte es nicht begreifen , daß die Fremden das zugelassen hatten . Aber warum hatten sie nicht eingegriffen ? Wollten sie etwa gar nicht das Beste Chinas , wie sie doch immer zu tun vorgaben ? Tschun mochte ihnen das nicht zutrauen , obgleich sein erster , unbedingter Glaube an die Fremden und ihre Weisheit freilich schon manche Erschütterung erfahren hatte . - Nein , eigentlich weise waren sie nicht . Und in diesem Mangel an Weisheit , diesem Nichtwissen von den inneren Zusammenhängen zwischen den geschehenen Dingen und ihren künftigen Folgen , lag vielleicht hier , wie so manches