selbst gesehen , daß Hallwig nicht daran teilnahm . Das ist ein schlimmes Symptom . Und auch Delius soll gemurrt haben , daß man dem Cäsar Ehren erwies , die nur Göttern zukommen . Aber noch hofft man auf Zeichen und Wunder , und alles wird davon abhängen ... « Während der letzten Worte war Susanna ins Zimmer getreten ; unten fiel die Haustür dröhnend ins Schloß , der Panther schien sich entfernt zu haben . » Hört auf , hört um Gottes willen auf « , sagte sie , » wir werden ja allmählich noch alle verrückt . Hofmann ist ganz aufgeregt fortgegangen , Konstantin hat sich aus Verzweiflung schlafen gelegt , Chamotte bläst unentwegt die Flöte , und Maria sitzt in der Küche und weint . « » Außerdem ist es bald zwei Uhr nachmittags , und wir sitzen hier beim ersten Frühstück « , bemerkte Willy strafend , » wenn Maria in der Küche weint , werden wir wohl schwerlich zu einem Mittagessen kommen . « Ich schlug vor , wir könnten in die Stadt gehen und nachher den Philosophen besuchen . » Und an Orlonsky telegraphieren , daß er wiederkommt « , sagte Willy energisch , » es ist Zeit , daß wir wieder eine geordnete Existenz anfangen . « Und Susanna erklärte sich einverstanden . 14 Eine Woche später im Eckhaus Wenn Willy recht hätte - wenn ich zu spät gekommen bin - ich komme ja immer zu spät oder zur unrechten Zeit , bei den Frauen , bei allem möglichen . Es ist kein besonders freundlicher Stern , der über meiner Biographie waltet , das weiß ich längst , und doch erscheint es mir unfaßlich , daß die Götter Wahnmochings Untergang beschlossen haben , nur damit sich meine Biographie vollendet - nur damit ich auch dieses Mal zu spät komme , gerade da , wo mein größtes Erleben - Miterleben - sich erfüllen sollte . Aber auch Willy sagt ja , daß man noch auf Zeichen und Wunder hofft . Das Zeichen und Wunder eben steht bei Hallwig - ach , ich wiederhole mich beständig und verwirre mich immer mehr , obwohl all mein Streben nur nach Klarheit geht . Ich bin hier geblieben , ich bleibe vielleicht noch lange hier , denn Susanna und Maria haben mich darum gebeten . So hause ich hier unten in dem großen Gastzimmer , und meine Biographie verwächst immer inniger mit der des Eckhauses . Meine Gegenwart sei ihnen so tröstlich , sagten die Mädchen . Gerade die matte , neutrale Note , die mir eigen ist , und daß mir trotzdem immer das Herz weh tut . Das haben sie gern , und ich selbst weiß mir wohl nichts Besseres , als um diese Frauen zu sein , die mich milde zu meinem eigentlichen Wesen verurteilen . Orlonsky ist zurückgekommen , das Interieur wiederhergestellt , nur geht das Leben etwas stiller als vorher - Besuche kommen und gehen - wir selbst kommen und gehen , aber die laute Freude und sorglose Unruhe scheint etwas gedämpft . Und draußen weht Frühlingswind . 10. März Mit Maria bei Hofmann . Es war kein Jour , und wir trafen nur zwei Gäste dort . Aber diese zwei sind in unserem Stadtteil eine seltene und auffallende Erscheinung - eine junge Polin mit flammend rotem Haar und bleichem , fanatischem Gesicht , sie nennt sich Jadwiga , und ihr Begleiter ist ein Rabbi von der deutschen Ostgrenze . Wir haben sie im Karneval kennengelernt , ich glaube , es war die Kappadozische , die sie entdeckt und in Wahnmoching lanciert hat . Wieso und warum die beiden in das Faschingstreiben gerieten , ist bisher unklar geblieben , denn eigentlich sind sie nur unterwegs , um für den Zionismus Propaganda zu machen . Darüber wurde auch an diesem Nachmittag viel gesprochen , und es war nicht uninteressant , wie Jadwiga von dem Elend der israelitischen Bevölkerung in ihrer Heimat erzählte . Sie saß auf einem Schemel zu Füßen der Hausfrau und sprach immer weiter von ihrer Kindheit ; was sie erzählte , waren zum Teil seltsame , phantastische Erlebnisse , und unleugbar ging ein gewisser Charme von ihr aus , der die Zuhörer mehr oder minder gefangennahm ( der Rabbi lehnte derweil finster und schweigend an der Wand ) . So schilderte sie einen alten , moosbewachsenen Ziehbrunnen und wie sie als Kind immer in diese runde , grüne Tiefe hineingesehen und dabei förmliche Visionen gehabt habe . Und noch vieles andere - aber bei der Geschichte vom Ziehbrunnen sprang der Professor auf , durchmaß das Zimmer mit großen Schritten und fragte ganz erregt : » Wissen Sie , daß Brunnen kosmische , dionysische Erlebnisse sind ? « » Ich wußte es nicht « , antwortete sie , und ihr blasses Gesicht strahlte vor Freude . Aber nun kam Delius aus dem Nebenzimmer , er hatte dort schweigend gesessen und in einem Buch geblättert - wir wußten gar nicht , daß er da war . » Gewiß « , sagte er , » gewiß , Herr Professor , aber es kommt vor allem darauf an , wer sie erlebt . « Gleich darauf verabschiedete er sich , warf noch einen kalten Blick auf den Rabbi und ging . Es war keine Szene , nicht einmal ein Wortwechsel ; es war gar nichts , und doch hatte man das Gefühl , es sei etwas vorgefallen , und gab sich alle Mühe , das peinliche Gefühl wieder zu verwischen . » Ach , Barmherzigkeit « , sagte Willy , als wir ihm davon erzählten , » ist der Rabbi immer noch da ? Bei mir ist er auch schon einmal gewesen , um mich für Zion zu gewinnen , aber es lockt mich nicht - das Eckhaus ist viel sympathischer . Und die Jadwiga ist mir ein Schrecken - sie sieht zum Beispiel immer einen schwarzen Hund , wenn jemand irgendwie abtrünnig wird , solche Leute sind ungemütlich . « 16. März Ein aufregendes