und vergessen werden . Und doch , was sollte kommen ! In Doralice klangen die Worte wieder , die sie heute morgen gehört : » Jeder Augenblick , den Sie allein sind , ist für einen von uns anderen eine wahnsinnige Verschwendung « . Hans fürchtete sich vor dieser Verschwendung nicht , er fürchtete nicht , etwas zu versäumen , er ging schlafen . Wie sicher er ihrer war ! Wie sicher , daß er ein ganzes Leben vor sich hatte , um mit ihr zusammen zu sein , ein ganzes Leben . Ein ganzes Leben ! klang es eintönig in ihr wider nach dem Takte des Regens , der da draußen mit seinem flachen Plätschern eifrig in die große , schicksalsvolle Stimme des Meeres hineinplauderte . Wie er dort oben vor ihr gekniet hatte . Wie hatte er doch von seinem Reiten gesagt ? » Man denkt nur eins , man will nur eins , so stark , daß man sich wundert , daß das Ziel einem nicht entgegenkommt . « Es war doch ein seltsam starkes Leben , wenn man fühlte , wie ein fremdes Begehren und Wollen wild an einem zog . Das hatte sie auch bei Hans dort auf dem Schlosse empfunden , damals , als er noch nicht abgeklärt war , als er über sie kam wie ein Sturm und wie ein unwahrscheinliches , köstliches Wagnis . Und jetzt war wieder so etwas nahe . Aber nein , das konnte sie nicht wollen , sie würde sich sehr wundern , wenn sie so wäre , daß sie das wollen konnte . Jetzt plötzlich quälte sie das Alleinsein , der graue Tag mit seiner Ereignislosigkeit und die fremden Möglichkeiten , die sie in sich empfand . Etwas tun , dachte sie , und dann sprang sie auf , sie wußte schon , was sie zu tun hatte . Sie ging in ihr Schlafzimmer hinüber , wo die großen Koffer standen , die Graf Köhne ihr nachgesandt hatte . Sie öffnete einen derselben , ein schwüler Jasminduft strömte ihr entgegen , das war das Parfüm gewesen , das der Graf Köhne an ihr geliebt hatte . » Je mehr ich in Jahren vorrücke « , pflegte er zu sagen , » um so mehr gehe ich in meiner Vorliebe für Düfte in den Jahreszeiten zurück . Jetzt bin ich beim Frühsommer angelangt . « Da lagen nun all die Kleider , an die Doralice seit einem Jahre nicht mehr gedacht hatte . Sie blätterte nachdenklich in ihnen , strich mit der Hand über den Sammt , den Krepp , die Seide , und diese Berührung erregte so etwas wie ein festliches Gefühl in ihr . Da war das blaue Kleid , das sie so geliebt hatte . Sie nahm es heraus , weiche pfauenblaue Seide , eine alte Stickerei als Brusteinsatz , grünliche und rötliche Goldfäden auf rahmfarbenem Grunde . Doralice breitete es auf einem Stuhle aus , betrachtete es , dann begann sie langsam sich auszukleiden , legte das Kleid , das sie trug , ab und legte das pfauenblaue an . Jetzt war sie fertig , stand da in dem grauen Lichte und das sanfte Schimmern der Seide , des Goldes an ihr gab ihr eine angenehme Erregung . Sie ging wieder in das Wohnzimmer hinüber , setzte sich auf ihren Sessel und wartete auf Hans . Das mußte auch auf ihn wirken , das mußte auch ihm etwas von früheren Tagen zurückgeben . Sie wartete lange , Hans nahm es gründlich mit seiner Nachmittagsruhe und es begann bereits zu dämmern , als Doralice hörte , daß er sich im Schlafzimmer regte . Endlich kam er . Er machte einige Schritte und fragte : » Warum duftet es hier so süß ? so schwül nach Schlössern ? « Als er sie dann anschaute , meinte er : » Oh ! Du hast dich schön gemacht . Dieses Kleid kenne ich . « Das klang ein wenig trocken und Doralice wurde befangen . Sie entschuldigte sich : » Es war hier so grau und häßlich und da zog ich es an , ich dachte , es würde dir auch gefallen . « Hans setzte sich auf einen Stuhl , zerrte an seinem Bart und schaute an Doralice vorüber zum Fenster hinaus . » O gewiß , sehr schön , sehr schön « , sagte er zerstreut . » Nur , sag ' mal , willst du die Erinnerungen , von denen dieses Kleid voll ist ? « » Ich will überhaupt keine Erinnerungen « , erwiderte Doralice und das Weinen war ihr nahe . Hans sann noch vor sich hin : » Ja , ja « , murmelte er , » dir war es hier grau und häßlich und du wolltest etwas Schönes haben , natürlich , ich verstehe . Schön , schön . « Beide schwiegen nun eine Weile und Doralice empfand , daß das bißchen Festlichkeit , welche das Kleid ihr gegeben hatte , fort war . Hans erhob sich und ging nervös im Zimmer auf und ab , dann blieb er stehen und fragte : » Wirst du das Kleid anbehalten ? « » Ich kann es ja wieder ausziehen « , erwiderte Doralice kleinlaut . » Ja , « fuhr Hans fort , » es ist nämlich hier in diesem Zimmer etwas fremd . Ich habe das Gefühl , als ob ein Modell bei mir wäre . « » Ein Modell « , wiederholte Doralice gekränkt . » Nein , nein , nicht ein Modell « , beruhigte Hans sie , » es war dumm , daß ich das sagte . Höre , ich werde es dir erklären . Es war in München , ich wohnte im vierten Stock , in einem sehr häßlichen Zimmer natürlich . Da verliebe ich mich beim Kunsthändler in eine französische Glasschale , ein hübsches Ding wie aus rosa und grünem Eis , für mich viel zu teuer . Gut . Aber ich bin verliebt und als