wir denn zu schwach , dem Erlebnis gegenüber so zu bleiben , wie wir zu sein glaubten , indem wir es ersehnten ! « rief Daumer verzweifelt . Der Fremde verzog sein faltigaltes Gesicht zu einer Grimasse des Bedauerns . Eine leichte Gebärde verriet , daß das Gespräch für ihn erschöpft sei , und sie mischten sich wieder unter die übrigen Gäste . Daumer , völlig aus der Fassung gebracht , wünschte nichts weiter , als den lärmenden Kreis zu verlassen . Er suchte Caspar und bemerkte ihn , blaß und schweigsam , mitten unter schillernden Roben und grauen und braunen Fräcken ; Frau Behold saß auf einem niedrigen Schemel fast zu seinen Füßen , und ihr Gesicht sah hart und düster aus . Der Abschied war umständlich . Als sie auf den vereinsamten Gassen schweigend ein Stück Wegs zurückgelegt hatten , schlang Daumer den Arm um Caspars Schulter und sagte : » Ach , Caspar , Caspar ! « Es klang wie eine Beschwörung . Caspar , den es nach Belehrung dürstete und dessen Herz zum Überfließen voll von Fragen war , seufzte auf und lächelte seinem Lehrer in wiedererwachtem Vertrauen zu . Sei es nun , daß Blick und Lächeln Daumer an einer Stelle seines Innern trafen , wo er sich unsicher und schuldig fühlte , sei es , daß die Nacht , die Einsamkeit , die quälenden Zweifel , das wunderliche Gespräch , das er eben geführt , seinen Geist zu übertriebener Inbrunst entzündeten , er blieb stehen , umarmte Caspar noch fester und rief mit emporgewandten Augen : » Mensch , o Mensch ! « Das Wort ging Caspar durch Mark und Bein . Ihm war , als eröffne sich ihm auf einmal , was dies zu bedeuten habe : Mensch ! Er sah ein Geschöpf , tief unten verstrickt und angekettet , von tief unten hinaufschauend , fremd sich selbst , fremd dem andern , dem es das Wort Mensch zuschrie und der ihm nichts antworten konnte als eben diesen inhaltsvollen Ruf : Mensch . Sein Ohr hielt den Klang fest , der durch die Ergriffenheit Daumers etwas Weihevolles für ihn bekommen hatte . Am andern Morgen nahm er sein Tagebuch zur Hand , und die erste Eintragung , die er darin machte , waren die drei Worte : Mensch , o Mensch , für jeden andern natürlich eine sinnlose Hieroglyphe , für ihn aber ein deutungsvoller Hinweis , ein entschleiertes Geheimnis beinahe , ein Wahl- und Zauberspruch zur Abwendung von Gefahren . Es entsprach seinem kindischen Wesen , daß er von derselben Stunde ab das Tagebuch als eine Art von Heiligtum betrachtete , welches nur in Zeiten der Andacht und Sammlung zugänglich war , und in einer jener sehnsüchtigen und angstvoll traurigen Stimmungen , die ihn häufig befielen , faßte er den sonderbaren und folgenschweren Entschluß , daß kein andrer Mensch außer seiner Mutter jemals Einblick in dieses Heft erlangen , jemals lesen sollte , was er darin aufschreiben würde . Solche Vorsätze starrsinnig zu halten , dazu war er durchaus imstande . Als wenige Tage nachher die Prinzessinnen von Kurland in Daumers Haus kamen , die mit Feuerbach befreundet waren und große Teilnahme für Caspar hegten , kam zufälligerweise die Rede auf das Geschenk , das der Präsident seinem Schützling gemacht , und da Daumer erzählte , es befände sich in dem Büchlein ein sehr gutes Stahlstichporträt des Präsidenten , wünschten die Damen das Heft gern zu sehen . Zu aller Erstaunen weigerte sich Caspar , es zu zeigen . Daumer warf ihm erschrocken seine Unhöflichkeit vor , aber er blieb hartnäckig . Die Damen bestanden nicht weiter darauf , ja sie lenkten sogar die Unterhaltung taktvoll in eine andre Richtung , aber als sie fortgegangen waren , nahm Daumer den Jüngling ins Gebet und fragte ihn nach dem Grund seiner Weigerung . Caspar schwieg . » Und würdest du auch mir , wenn ich es verlangte , das Heftchen vorenthalten ? « fragte Daumer . Caspar sah ihn groß an und antwortete treuherzig : » Sie werden es gewiß nicht verlangen , bitte schön ! « Daumer war sehr betroffen und entfernte sich still . Gegen Abend kam Herr von Tucher , bat Daumer um eine Unterredung unter vier Augen , und als sie allein waren , sagte er ohne weitere Einleitung : » Ich muß Sie leider davon in Kenntnis setzen , daß ich unsern Caspar zweimal beim Lügen ertappt habe . « Daumer schlug stumm die Hände zusammen . Das fehlte nur noch , dachte er . Beim Lügen ! Zweimal beim Lügen ertappt ! Ei du gütiger Himmel , wie war das zugegangen ? Die Sache verhielt sich so : Am Sonntag sei er mit dem Bürgermeister in Caspars Zimmer getreten , erzählte Herr von Tucher , und habe den Jüngling ersucht , ihn in seine Wohnung zu begleiten . Da habe Caspar , der bei den Büchern gesessen , erwidert , er dürfe nicht , Daumer habe ihm verboten , das Haus zu verlassen . Dem Bürgermeister sei das gleich bedenklich erschienen , besonders da ihn Caspar kaum anzusehen gewagt ; er habe sich unauffällig bei Daumer erkundigt , wie dieser sich wohl erinnern werde , und seinen Verdacht bestätigt gefunden . Am andern Tag seien beide , Herr Binder und Herr von Tucher , während Daumer vom Hause fortgewesen , zu Caspar gekommen und hätten ihm seine Unwahrheit vorgehalten . Unter Erglühen und Erblassen habe er sein Vergehen zugestanden , habe aber , wie ein gescheuchter Hase in die Enge getrieben und den ersten besten Ausweg ergreifend , albernerweise eine Geschichte erfunden von einer Dame , die bei ihm gewesen und die ihm ein Geschenk versprochen , weshalb er auf sie gewartet habe . » Auf unser mehr bestürztes als strenges Zureden bekannte er sich auch dieser Unwahrheit schuldig « , fuhr Herr von Tucher mit unerschütterlichem Ernst fort . » Er gab zu , daß er nur in Ruhe habe studieren wollen und daß ihm kein