seinem Werte war er durchgedrungen . Nicht so zur Wegeerkennung , wie ein anderer , als ein richtiger Traumgänger aus ihm je hervorgehen sollte ? Einhart war mit solchen Empfindungen die zwei Stiegen langsam emporgeklettert und war in einer Erregung , die ihm fast den Atem nahm . Daß er noch immer nicht zu klingeln wagte und lange stand . Da merkte er , daß an der Tür sich ein Schild befand , worauf Herr Selle mit eigner , großer Handschrift das Klingeln durchaus verbat . Das machte ihn entschlossen , daß er klopfte . Johanna kam , versorgt , ganz leise . Katharina auch , die schön und groß geworden . Alle bleich und ganz leise , ihn nebenher küssend , und ihn wie tröstend gleich . Und Emma kam , die völlig verstört aussah und verängstigt . Die ganz vergaß , guten Tag zu sagen . Die ihn gleich flehentlich bat , daß Mutter nicht sterben sollte ! Und Rosa zuletzt , sorgend , gütig und schön in ihrer Tatkraft , nur einen Schluchzer plötzlich herausweinend , dann wieder sanft die leise fließenden Tränen nicht achtend , als sie klar zu Einhart redete : » Mutter ist so unendlich schwach , « sagte sie . » Wärst Du doch einen Tag früher gekommen ! « » Ach mein Gott im Himmel ! « sagte sie und klagte sie . » Sie hat sich gesehnt nach dir ! Nun wird es zu spät sein ! Nun wird es zu spät sein ! « begann sie jetzt zu weinen . Einhart sah das Leid und die grauen Mienen . Aber daß es zu spät wäre ? » Was ist zu spät ? « sagte er verzehrt , als Herr Selle selber kam , um Einhart stumm die Hand zu reichen . Einhart nahm Vaters Hand und küßte sie inbrünstig . » Vater ? Um Gotteswillen ? Was ist zu spät ? Was ist zu spät ? « sagte er in Leidenschaft und lief , was er nur konnte hin , wo die Mutter im Bette lag . Aber da richtete sich Einhart auf , als wenn er ein Raubtier zum Sprunge wäre , lang machte er sich . Denn es lag da eine weiße Gestalt . Es lag da etwas in den Kissen , was er nicht mehr kannte . Ärzte standen daneben , ganz unbeweglich . Die lebten . Aber die weiße , fremde Gestalt war wie eine Marmorgestalt , steinern . Die Mutter konnte es unmöglich sein ? Einhart schlich ganz nahe . Er streckte auch gleich seine Arme nach dem Bette aus . Er bebte bis zu den Füßen . Die Tränen sprangen aus seinen Augen heraus . Während Vater und die vier Schwestern ihn halten wollten . Weil er zum ersten Male im Leben jetzt einen furchtbaren Schrei plötzlich ausstieß , flehend nach der bleichen , entfremdeten Muttergestalt die Arme reckend in zerreißender Sehnsucht - und ebenso plötzlich auch schon in Ohnmacht hingesunken war . Der Tod hatte im Raume gestanden . Einhart hatte den Tod noch nicht mit Augen gesehen . Drittes Buch 1 Oben im Gebirge wehte der Südwind über Felsen und Knieholz nieder ins Tal , und der Himmel war wie eine helle , blaue Glocke , rein in seinem Glanze . In den Talgeländen , die sich bis zum Waldgürtel erstreckten , lagen Kirche und Haus und Hütte in friedsamer Stille , und es schwammen Krähenscharen von der letzten Wiesenfläche oben auf und zogen mit Gekreisch ferner und ferner . Man hatte Grummet eingebracht in mächtigen Hocken . Vater Sender , der alte Bauer , und seine große Tochter , waren beide vielemale Schritt um Schritt gegangen , so breit und hoch war die Last , die sie immer neu auf den Rücken genommen , und der einsame Feldweg bis zum Gehöft an der Lehne lag voll Heu , weil der Windstoß mit unsichtbaren Händen den Tragelasten Büschel entriß und sie hinwarf und umtrieb und verwehte . Vater Sender war ein gebeugter Mann . Sein Rücken hatte das Leben lang Lasten getragen , Schritt um Schritt , aber ohne zu wanken , auch wenn es Zentnerlasten gewesen . Sein Gesicht war lang und glatt rasiert , daß man nur die großen Furchen sah , die Sorge und Sinnen eingegraben . Sein Grauauge sanft und innerlich , und sein großer Schädel blank , wenn er die vergilbte Mütze einmal in die große Schwielenhand nahm , um sich den Schweiß mit der andern Hand zu wischen . Vater Sender war ein Träumer , so in seiner Weise . Als er heute mit seiner großen Tochter zusammen , die Ella hieß , sich am Grashange unter dem Wildrosenbusch sorglich niedergelassen , um seine Brotstücke mühsam hinunterzukauen , während Ellas junger Mund hineinbiß wie eine Schlange , die gleich ganze Bissen einfach glatt hinunterschlingt , hatte ihn bald eine tiefe Müdigkeit ergriffen , daß der alte Blankschädel , mit den weißen Haarfransen unregelmäßig im Nacken , in dem Schattengemuster des Rosenbusches hingestreckt wundersam friedlich lange dagelegen , wie ein Toter , still und ergeben . Und wie er dann von neuem sich erhoben , um mit leichtem Geseufz und sehr für sich , wie immer , mit Ella zusammen zu rechen , und Schritt um Schritt mit seiner markigen Kummergestalt die Gurten für die neuen Hocken auszubreiten , da mußte er es Ella doch erzählen , daß er wieder die liebe , heilige Jungfrau gesehen , leibhaftiger als je im Leben . Des alten Sender Augen waren groß und grau und demütig und schüchtern , wie die eines Knaben , der von der ersten Liebe einen Glanz verbirgt , wenn er davon redete . Diese Träume gehörten zu ihm und beseligten ihn manchmal . » Gesehen - so wie ich dich sehe - Tochter , « sagte der alte Mann . » Und wie gesehen , « sagte er nach langer Weile sinnend . » Früher habe ich die heilige Jungfrau manchmal mit Augen gesehen .