Das kam daher , daß ich niemals etwas zu ihm sagte , wofür ich nicht einstehen konnte . Sein Vertrauen zu meinem Worte war geradezu rührend . Er stand jeden Augenblick bereit , auf mich zu schwören . Seine eigene Wahrheitsliebe hatte mich verpflichtet , gegen ihn , selbst im Scherz , auch nur wahr zu sein . Das stach freilich so sehr gegen die orientalische Weise ab , daß er mich verehrte , wie wohl noch Niemand von ihm verehrt worden war . Ich bemerkte oft , wenn ich mich plötzlich nach ihm umdrehte , daß sein stiller Blick mit Liebe auf mir geruht hatte ; er fühlte sich dann ertappt und errötete wie ein kleines Mädchen . Andere Herren sagten mir aufrichtig , daß sie mich um die Anhänglichkeit dieses Dieners beneideten . Auf diesem Wege erfuhr ich auch , wie er mich gegen Andere zu nennen pflegte : » Unser Herr ! « Waren wir auf einem Schiffe , so war ich in seinem Auge der vornehmste Herr an Bord , und er nannte mich selbst gegen den Kapitän nicht anders als » unser Herr « . Im Hotel mußte es sich der Wirt gefallen lassen , daß Omar nicht ihn , sondern mich als » unsern Herrn « bezeichnete . Und selbst wenn ich Gast des Vizekönigs von Indien gewesen wäre , so hätte dieser hören müssen , daß ich » unser Herr « sei , nicht aber er . So kam es , daß ich überall , wohin wir kamen , sehr bald von aller Welt , natürlich hinter meinem Rücken und in scherzhafter Weise als » unser Herr « angegeben , verkündigt und erläutert wurde . Ich hatte ihm zwar zu verstehen gegeben , daß ich nur sein , nicht aber auch der Herr aller anderen Leute sei , doch vergeblich ; er blieb bei seiner Verehrung und also auch bei » unserm Herrn « . Und wie er keinem Andern als nur mir vertraute , so stand es auch jetzt ganz unerschütterlich bei ihm fest , daß wir trotz der Aussagen des Kapitäns und seiner beiden Offiziere und trotz aller ihrer nautischen Berechnungen halb zehn Uhr in Colombo eintreffen würden , und zwar allein nur deshalb , weil ich es gesagt hatte . Er sah mich forschend an , um zu ergründen , ob er weitersprechen dürfe , und da ich nicht abmahnend dreinschaute , fuhr er fort : » Sihdi , ist Ceylon die große , schöne Insel , welche arabisch Quelb esch Schark15 genannt wird ? « » Ja . Sie ist sehr schön , und du wirst viele Orte von ihr kennen lernen . « » Was für Menschen wohnen da ? « » Singhalesen , Tamilen , eingewanderte Araber , Malayen und Mischlinge . Die Leute , welche hier auf diesem Deck sitzen , sind meist Singhalesen . « Er schnippste abwehrend mit den Fingern und sagte : » Ich habe sie beobachtet . Sie sind ja Abadet el Assnam16 , die man nicht berühren darf , wenn man sich nicht verunreinigen will . Es wird mir keiner zu nahe kommen , und tut er es , so wehre ich ihn mit dem Stocke von mir ab ! « Da legte ich ihm die Hand wie damals auf die Schulter , sah ihn ernst an und warnte : » Du bist Sejjid Omar , aber noch immer nicht ein guter Mensch . Wer kein guter Mensch ist , der kann auch kein guter Moslem sein . Wir sind alle Brüder . Wohnt der Glaubensirrtum etwa im Körper ? Wie kann dich die Berührung des Leibes , der mit dem Glauben gar nichts zu tun hat , verunreinigen ? ! « Ich drehte mich um und ging . Ich mußte zwischen den Singhalesen hindurch . Es saßen da mehrere Familien beisammen , liebe , freundliche , saubere Menschen , die Väter , die Mütter und die Kinder . Ein kleiner , fast splitternackter Junge war dabei , dunkeläugig , bausbäckig , vollbäuchig , mit quatscheligen Händen und Füßen . Ich hob ihn zu mir empor , küßte ihn auf die Stirn , setzte ihn wieder hin , drückte ihm ein kleines Silberstück in die Miniaturpatschen und ging . » O Sahib ! Sahib is good ! Sahib have thank ! « rief es hinter mir her . Diese Leute sprechen immer einige Brocken englisch . Nach Omar sah ich mich nicht um . Er hatte seine Lehre und seine Strafe weg ! Es war für mich gar nicht schwer gewesen , zu bestimmen , wann wir ankommen würden . Man weiß ja ganz genau , wieviel Seemeilen zu machen sind , und man erfährt , so oft man will , wieviel das Schiff zurückgelegt hat und wieviel Knoten es in der Stunde macht . Aber gewöhnlichen Fragern steht ein Offizier natürlich nicht gern Rede . Er sagt irgend eine Zahl , und damit ist es gut . Das dunkle , satte Grün der Südwestküste Ceylons tauchte vor uns auf . Wir machten eine Schwenkung . Zur linken Hand erschien die Mutwal-Spitze , rechts der Damm ; Masten und hohe Dampferessen ragten auf - - da kam Sejjid Omar gelaufen , hielt mir die Uhr hin , welche ich ihm als Unterstützung seiner Pünktlichkeit geschenkt hatte , und rief : » Sihdi , du hast wieder Recht : Es fehlen sogar noch vier Minuten an halb zehn ! Wirst du als Gast bei Jemand wohnen oder im Hotel ? « » Grand Oriental-Hotel . Zwei Minuten vom Landeplatz . Nenne meinen Namen nicht ! « Mehr brauchte ich nicht zu sagen . Er war gewohnt , Alles ganz allein und auf das Beste zu besorgen . Ich hatte nur auszusteigen und nach dem Hotel zu gehen , was der Kürze des Weges wegen erlaubt war . Sonst aber wird ein Europäer , der in Colombo zu Fuß geht , Jeden , mit dem er verkehrt , blamieren . Es gab ,