behaupten , als andre Leute einstiegen mit einem Kind , das sich vor ihr fürchtete und zu schreien begann - und der Schaffner wieder hereinkam und sie immer verdutzter ansah . Nicht einmal Lisa und Detlev erkannten sie , als Ellen über den Perron auf sie zustürzte . Der Bruder war heimlich gekommen , um diesen Tag mitzuerleben , sie flogen sich in die Arme und lachten bis zu Tränen . Durch das stürmische Frühlingswetter gingen sie alle drei zu Lisas Wohnung . Es war wie der Wahrheit gewordene Traum all ihrer Jugendjahre , daß Ellen jetzt ihre Ketten gebrochen hatte , und tagelang war mit den beiden Geschwistern kein vernünftiges Wort zu reden . Sie sprangen über Tische und Stühle , erfüllten das ganze Haus mit Lärm und Lachen , gingen Arm in Arm durch die Stadt , verkauften Ellens Schmucksachen , um Rheinwein zu trinken , und kamen abends singend nach Hause , um das fröhliche Gelage fortzusetzen . » Jetzt wollen wir doch endlich ein ernstes Wort über Ellens Zukunft reden « , sagte dann Detlev , während er die mitgebrachten Flaschen auf den Tisch stellte - und gleich darauf klangen die Gläser und sie lachten . Selbst die Freundin schüttelte manchmal den Kopf - sie hatte ein warmes Interesse für diese beiden jungen Menschen und ihr Schicksal lag ihr sehr am Herzen . Aber was sollte wohl einmal aus ihnen werden , besonders aus Ellen , wenn das Leben sie hart anfaßte ? Dazwischen erwarteten sie jeden Augenblick , daß plötzlich irgendein Abgesandter der Familie erscheinen , Ellen zurückfordern und gewaltige Szenen und Stürme mit sich bringen würde . Aber es geschah nichts von alledem , es kam nur ein kurzer Brief von Ellens Vater an ihre Freundin ; er sähe jetzt , daß er seine Tochter nicht mehr zurückhalten könnte , sich ins Verderben zu stürzen . Als der Bruder fort war , kam Ellen wieder etwas mehr zur Besinnung und fing an , Stellung zu suchen - fuhr hierhin und dorthin , meldete sich auf alle Annoncen oder bei Schulvorsteherinnen und Schulräten . Aber es vergingen Wochen , ohne daß sich irgendeine Aussicht bot . Ellen machte keinen vertrauenerweckenden Eindruck mit ihrem adligen Namen und ihren etwas abgetragenen Kleidern : einmal fand man , sie sähe viel zu jung aus , ein andermal erkundigte man sich nach ihren Familienverhältnissen . Endlich kam Antwort auf eine Annonce , in der sie sich als Reisebegleitung oder Gesellschafterin angeboten hatte : sie sollte ihre Photographie einschicken und mitteilen , über welche Sprachen und Kenntnisse sie verfügte . Der Brief kam aus Straßburg und war mit » Louis Michel « unterzeichnet . In einem zweiten Schreiben wurde sie aufgefordert , zu einer persönlichen Vorstellung nach Köln zu kommen . Lisa und Ellen ergingen sich in Vermutungen - vielleicht war es ein kränklicher , älterer Herr oder ein Witwer mit Kindern . Am Abend vor der Abreise war Ellen allein zu Hause , und es kam ein Bekannter von Lisa - Doktor Laurenz . Sie hatte ihn während dieser Wochen oft gesehen , denn er wußte von ihrer Lage und nahm französische Stunden bei ihr . Als sie mit ihren Büchern auf dem Balkon saßen , erzählte Ellen ihm , daß sie jetzt Aussicht auf eine Stellung habe und morgen nach Köln fahren werde . Doktor Laurenz war ein hochgewachsener Mann mit raschen , jugendlichen Bewegungen und klugen , blauen Augen , die etwas Forschendes im Blick hatten , und Ellen fühlte etwas wie Respekt vor ihm , weil er so überlegen lächeln konnte . » Ich finde das ziemlich bedenklich für Sie « , meinte er , » so aufs Geratewohl hinzufahren . « » Aber das ist ja gerade schön - ich habe keine Ahnung , was für Leute das sein mögen und wozu sie mich engagieren wollen - am Ende werde ich noch Kindermädchen . « » Und was sagt Herr Allersen dazu ? « » Den habe ich gar nicht gefragt , nur geschrieben , daß ich nach Köln fahre . « Ihm kam das Verhältnis überhaupt etwas merkwürdig vor , es schien sie immer zu bedrücken , wenn sie davon sprach . Es wurde dunkel , und das Mädchen kam mit der Lampe - Doktor Laurenz nahm den Klemmer herunter und sah Ellen an . » Ich glaube , Sie lassen sich überhaupt nicht gern dreinreden - aber wollen Sie mich nicht ein wenig als älteren Bruder betrachten , der hier und da raten darf ? - Nehmen Sie wenigstens einen Revolver mit auf die Reise . « Ellen versprach es und lachte über seine Bedenklichkeit . Am nächsten Morgen kam er an die Bahn und brachte ihr Rosen . » Haben Sie den Revolver ? « » Ja . « Lisa fand es auch etwas übertrieben . Sie gingen zusammen zurück , als der Zug fort war und sprachen über Ellen . » Ich wollte ihr wünschen , daß sie endlich was fände « , sagte die Freundin . » Das arme Kind , sie hat wirklich keine frohen Jahre hinter sich und gehört so sehr zu denen , die das Leben mit Jubel genießen möchten . « » Glauben Sie eigentlich , daß sie diesen Allersen liebt ? « » Ach « , Lisa machte ein Gesicht , » lieben - Ellen tut mit ihm , was sie will , und das ist ihr ganz bequem . Er hat gar kein Rückgrat - ich glaube auch nicht , daß die Geschichte noch lange dauert . Ich habe schon oft beobachtet , daß sie ganz ungeduldig wird , wenn ein Brief von ihm kommt . « Dann trennten sie sich . Ellen machte ihre ernsthafte Gouvernantenmiene - sie hatte sich ihr Benehmen für solche Fälle mit vieler Mühe einstudiert - zurückhaltend , liebenswürdig , bescheiden - und möglichst weltgewandt . Jede Bewegung mußte sagen : ich bin allem gewachsen , verlangt , was ihr wollt . Innerlich kämpfte sie mit einer fast unbezähmbaren