sie geworden , und es ist , als übersähen sie vieles , was sich unsern Blicken aufdrängt , und als gewahrten sie dafür schon Dinge , die uns noch verborgen sind . Harmonie und Ruhe strahlten von ihm aus . Er lebt in seiner besonderen Welt , und ich merkte bald , dass er sich gegen alles , was ihn daraus reissen könnte , ablehnend verhält , als fürchte er sich zu zersplittern und mit einer grossen Aufgabe nicht mehr fertig zu werden . Er sprach gleich von seinem Lebenswerk » Florenz in der Renaissancezeit « , an dem er arbeitete , als ich vor Jahren in die Fremde gezogen bin und das jetzt in herrlichen illustrierten Lieferungen erscheint . Er zeigte mir die neuesten Blätter . - Wie klein und zwecklos erscheinen doch die meisten Existenzen , mit ihren hastigen , wechselnden , folgelosen Bestrebungen , neben solch einem Leben , durch das sich ein einziges grosses Interesse bestimmend hindurchzieht ! Ich traf beim Onkel noch einen anderen Gast . Ein kleines , buckliges , engbrüstiges Männchen , mit gescheitem , scharf geformtem Kopf , durchdringenden Augen , und bitterem Lächeln um die feinen schmalen Lippen . Ein alter Bekannter von früher ist mir Hanz- In einem hohen , altersgrauen Gebäude an der Spree , verwaltet er seit Jahren eine Bibliothek ; und in den Mussestunden , die ihm diese Arbeit und häufiges Kranksein lassen , übersetzt er klassische italienische Dichtungen , verfasst selbst formvollendete Sonette satirischen Inhalts und versammelt abends eine auserwählte Gesellschaft um sich . Hanz-Buckau ist einer der wenigen Menschen in Berlin , die einen Salon gebildet haben . Die Leute , die zu ihm kommen , erscheinen in seinen vier Wänden viel gescheiter , als bei sich zu Hause . Es ist , als locke er den versteckten Geist aus den verschiedensten Menschen heraus . Vielleicht auch leiht er ihnen von dem eigenen . Eine grenzenlose Bewunderung hat Hanz-Buckau für schöne Frauen , und sie müssen wohl fühlen , welchen Altar dieses arme , verwachsene Männchen ihnen in seinem Herzen errichtet , denn ich kenne keine , die ihm nicht gut gewesen wäre . Der arme Hanz-Buckau , der alle Schönheit so intensiv empfindet und darum unter dem eigenen missgestalteten Äussern so besonders schwer leidet , der führt auch in seiner Art einen beständigen Kampf zwischen Geist und Körper . Er erinnert mich stets an Leopardi , an jenen grossen Italiener , der ewig ungestillte Sehnsucht im Herzen trug , der um die Vergangenheit trauerte und nie eine Gegenwart besessen hatte . Hanz-Buckau ist solch eine Leopardi-Natur , mit einem starken Zusatz echt Berliner Schärfe . Für den Onkel hegt er eine rührende Freundschaft und hat seine Eigenart des vornehm Massvollen richtig erkannt . » Professor Lichte Höh « ist der neckende Spitzname , den er ihm gegeben . Durch seine Abwehr gegen alles Exzessive und sein inneres Gleichgewicht ist der Onkel dem leidenschaftlichen Hanz-Buckau wahrscheinlich wohltuend . Dieser betrachtet alles sehr kritisch , lässt wenig gelten und spottet gern über die Herdennatur der Menschen , über die Leichtigkeit , mit der sie sich Götzen aufnötigen lassen , die sich stets als blecherne erweisen . Auch heute redete er viel davon . Er hat sich noch nicht mit der Welt abgefunden , und es entrüstet ihn die falsche Bewertung , die er überall sieht . » Gegen physische Faulheit wird genug geeifert und gepredigt « , sagte er , » aber geistige Trägheit wird eher unterstützt . Die eine Hälfte der Menschheit soll überhaupt prinzipiell darin verharren und von der anderen Hälfte so viele als irgend möglich . Durch diese künstliche Beförderung der Unselbständigkeit sind all die vielen falschen Grössen möglich . « Und später sagte er : » Wir sogenanntes Volk der Denker tun eigentlich nichts weniger gern , als nachdenken , besonders nicht über Dinge , die uns doch praktisch angehen . Drum ist man im Ausland auch immer ganz verwundert , wenn sich in Deutschland mal die öffentliche Meinung wirklich äussert . Gewöhnlich schläft sie , im Bewusstsein , dass Minister , Geheimräte , Professoren , die alle etwas vom Gottesgnadentum an sich haben , für sie wachen . Wir verlassen uns darauf , im gegebenen Moment immer die nötigen grossen Männer zu haben , als hätten wir sie ein für allemal gepachtet , und wollen nicht sehen , dass wir in dieser Ware doch oft recht übervorteilt werden . Wir sind unverbesserliche Heroenanbeter und nehmen fürlieb . Sind die Zeiten schlecht , so werden die Helden kleiner , ganz wie die Brötchen während der Teuerungen . « Der Onkel antwortete : » Was Ihnen , lieber Hanz-Buckau , als charakteristisch erscheint für Land und Epoche , in denen Sie zufällig geboren sind , hat in Wirklichkeit immer und überall bestanden , denn alle Zeiten sind stets davon überzeugt gewesen , an grossen Männern reich zu sein . Durch das spätere Urteil der Geschichte entsteht aber oftmals gerade dort eine Öde , wo die Zeitgenossen ein Gewühl sahen . In unmittelbarer Nähe sieht alles gross aus , aber wenn die Erscheinungen erst in eine gewisse Entfernung rücken , die Vergleiche und die Anlegung eines allgemeinen Massstabes gestattet , ergibt sich die wahre , dauernde Bedeutung der Dinge . Die echten Riesen , auf die es allein ankommt , kommen schliesslich immer zum Durchbruch , und Werte ganz zu fälschen , ist nur auf kurze Zeiten möglich - drum lasset den Eintagsgötzen die Eintagsanbeter . « » Ihr Onkel , « wandte sich Hanz-Buckau an mich , » hat zeitliche Begriffe bereits überwunden . Für ihn sind Luther , Friedrich der Grosse , Goethe und Bismarck gegenwärtige Realitäten , Manifestationen ein und desselben grossen germanischen Geistes , die zusammen bestehen . Geringeres übersieht er . Der Ärger von uns Kleinen über die zeitweilige falsche Grösse anderer ebenso Kleiner ist ihm ganz gleichgültig . Nur auf die Genies kommt es dem Onkel an . - Ich will Ihnen ganz leise ein Geheimnis verraten :