geträumt ... Er war also in der Welt ? So reich war die traurige Erde ? Josefine wendete sich jäh gegen die Stadt zurück ; rote Kreise und grüne Flecke tanzten über das fahle Gras , über die goldbraunen Büsche , über den violetten Abendhimmel , an dem keine Sonne mehr stand . So reich ist die traurige Erde ? Und auf dem ganzen Heimweg brannten ihr die Wangen , und es war ihr , als sei sie nur ausgegangen , um ihn zu suchen , den sie nicht kannte . Bis Josefine zu ihrem Hause kam , war die Sonnenfeier vorüber . Grau lag der » Graue Ackerstein « auf seinem Hintergrund von schwarzen Bäumen , und auf dem Platze vor der Treppe drängte sich ein Trüpplein Buben . Sie waren aneinander geraten , geballte Fäuste stießen hinaus , zwei lagen am Boden und pufften sich . » Was gibt ' s hier ? « fragte Josefine hastig , » steh auf , Hermannli , laß los , sag ich dir . « Sie ergriff ihren Buben an der Schulter und zwang ihn , aufzustehen . Verdutzt und verdrießlich blickte Hermann die Mutter an . Seine Nase blutete , die Augen waren verschwollen , der Sonntagsanzug beschmutzt . Wie er sich mit den beschmierten Händen durch das zerzauste dünne Haar fuhr , sah er nicht aus wie ein Sieger , obgleich der stämmige , rotbäckige Widersacher unter ihm gelegen hatte . » Du bist emal zugerichtet ! Warum hast gerauft ? « fragte die Mutter , widerwillig sein blasses , altkluges Gesicht mit den frischen Knabenzügen der Kameraden vergleichend . Hermann schüttelte seiner Mutter Hand ab . » No , no , Mama , wir haben Versammlung ! Wegen em Faschtnachtsfüer.5 Wir haben dann gefunden - « » Na , na - wir net , unser Lehrer hat g ' funden - « fiel der Nächststehende ein . » Ja , ' s wär geschieter , wir täten das Geld fürs Faschtnachtsfüer eme armi Weible geben , « unterbrach ihn Hermann in sicherem Ton . » Schtatt daß man ' s Holz unnötig verbrennt , wo ' s so düer6 ist , « berichtete ein ganz Kleiner . » Eme armi Wibli , wo kein Mann mehr hat , « schrie jemand aus dem Hintergrunde und lachte hell auf . Noch einer lachte . Hermannli fuhr hastig herum nach der Stelle , von woher das Lachen kam . Er holte zum Schlagen aus und traf seine Mutter in die Brust . Sie umfaßte ihn mit beiden Armen und hielt seine Hände nieder . » Das ischt der Ebstein , wo den saudummen Antrag geschtellt hat ! « schrie der Bub und versuchte , sich zu befreien . Seine hängende Unterlippe zuckte , seine Augen füllten sich mit Tränen ohnmächtiger Wut . Die Buben drängten plötzlich auseinander . Einige stellten sich an entfernteren Bäumen auf , andere gingen ganz fort , ohne umzublicken . » Der Ebstein ischt ' n saudummes Luder ! « kreischte Hermann und wollte sich nicht ins Haus ziehen lassen . Josefine fühlte den alten Druck auf dem Herzen zurückkehren . Sie haben über mich gesprochen , die Kinder auf der Straße spotten über mein Unglück , dachte sie , und ihre Hände wurden schlaff . » Em armi Wible , wo kein Mann mehr hat ! « höhnte ein verhallender , unterdrückter Ruf aus der Ferne . Hermann riß sich los und sprang mit seinen langen , schlanken Beinen über einen Zaun , hinter dem er den Spötter vermutete . Das ist mein Leben , dachte die Unglückliche , das ist mein Leben . Die Buben hatten sich alle verlaufen , die Versammlung war zu Ende . Hermann kam zurück ; er weinte laut und ohne alle Beherrschung ; er hatte seinen Gegner nicht gefunden und drängte sich rücksichtslos an der Mutter vorüber in die Haustür . Der Anblick seines verzerrten nassen Gesichtes erinnerte sie qualvoll an ein anderes , das sie ebenso naß von Tränen und verzerrt von Wut gesehen . Sie hatte Mühe , sich zu bezwingen . » ' s ischt nit der Wert , sich aufzuregen ! komm ! « sagte sie . Aber der Bub stieß ihre Hand von sich . » Wo ischt der Pappe ? « heulte er , » sie sagen so Züegs7 - i will zum Pappe ! I lauf denn emal in d ' Welt , du wirscht schon sehn . Er sait - weißt , was der Ebstein sait ? er sait , wir sollten ' s Geld dir geben , du häbist auch kein Mann und seiest ' n armis Wible . « Seine matten , grauen Augen glitzerten rachsüchtig und tückisch , und doch war etwas unsäglich Elendes , Erbarmungswürdiges in diesem häßlichen Jungen , der schon zusammenbrach unter einem schweren Schicksal . Schweigend legte die Mutter den Arm um seine dünne Gestalt und zog ihn mit die Treppe hinauf und in ihr Schlafzimmer . Dort stand sie eine Weile wortlos mit ihm , der in ihren Arm hineinschluchzte . » Ein armes Weib ist deine Mutter , Bub , sie haben ja recht , « flüsterte sie seufzend in sein Haar , » ein armes Weib ... « Wie der Knabe heftiger weinte , besann sie sich . » Aber so arm nit , das weißt ja auch . Mußt dir nichts draus machen ... « Hermann erhob sein Gesicht . » Ischt der Pappe tot ? « » Nein . « » Kommt er emal heim ? « » Ja . « » Wo ischt der Pappe ? « » Du weißt ' s ja , Hermannli . « » ' s ischt nit wahr ! « winselte der Junge , » meine Kameraden sagen - der Pappe sei net in Afrika , er sei wo anders - « Josefine drückte sein weinendes Gesicht fest an ihre Brust . Sie bebte vor Entsetzen , und doch schien es ihr ja