der zwei folgenden Wochen in und ausser dem Dienst sehr energisch zusammen . Sie arbeitete so tüchtig , wie in der ersten Zeit , so dass Herr Strömer täglich mehr als zehnmal sein melancholisches » Schade , Schade « wiederholen konnte . Mit Bornstein kam sie in dieser Zeit kein einziges Mal zusammen . In vierzehn Tagen war sie frei , dann konnte sie machen was sie wollte . Da Lenas Herz bei der ganzen Sache sehr wenig beteiligt war , dünkte ihr die Trennung wohl langweilig , wurde ihr aber , von der Gemütsseite aus betrachtet , nicht im geringsten schwer . Bornstein hingegen wurde viel tiefer davon betroffen . Je öfter er mit Lena zusammenkam , je verliebter wurde er in das lustige frische Ding mit dem hellen Verstande , der in seinen Augen die fehlende Bildung reichlich ersetzte . Ihre Zurückhaltung machte ihm den Verkehr mit ihr nur noch reizvoller . Er war übersättigt von alledem , was ihm um seines Reichtums willen jahrelang mühelos in den Schoss gefallen war . Dass Lena eine ausgemachte kleine Egoistin war , störte ihn durchaus nicht . Ganz im Gegenteil . Ihre im Grunde harmlose Genusssucht befriedigen zu können , freute ihn . Ihm selbst war schon als Kind gelehrt worden , dass ohne einen gesunden Egoismus heut niemand mehr durch die Welt komme . Und sein Lehrmeister war kein grauer Theoretiker , sondern ein tüchtiger Praktiker gewesen , jener Grossvater , der selbst noch hinter dem Ladentisch gestanden und den Grund zu dem bedeutenden Wohlstande der Familie gelegt hatte . Lotte erfuhr vorerst kein Wort von Lenas Kündigung . Wozu das arme Ding , das sich das ganze Leben mit Nahrungssorgen verdarb , vor der Zeit ängstigen ? Sie würde das alles noch früh genug erfahren . Der ungeduldig ersehnte März kam endlich heran . Lena war frei . Draussen schien die Sonne so warm und hell , als wäre man schon mitten darinnen im lebenspendenden Frühling gewesen . Lena stiess die Fenster ihrer engen Schlafkammer auf und steckte den Kopf weit hinaus in den Sonnenschein und die warme Luft . Alles was sie sonst bekrittelt hatte , gefiel ihr heut . Der Hof mit dem noch kahlen Nussbaum , auf dem die Spatzen lustig zwitscherten , die schmalen Seitenflügel mit ihren vielen Fenstern , die heute an dem ersten schönen Tage des Jahres alle weit geöffnet standen , die lustig im Morgenwind flatternden Gardinen , die sie wie wehende Fahnen grüssten . Lena zog sich gleich fix und fertig an , obwohl sie nichts zu thun und den ganzen köstlichen Tag zur freien Verfügung vor sich hatte . Als Lena zum Frühstück kam , das Lotte schon längst für sie bereit gestellt hatte , fand sie neben ihrer Tasse einen Brief von Bornstein . Sie liess sich Zeit mit dem Oeffnen . Erst nachdem sie mit Lotte geplaudert und ihr Frühstück beendigt hatte , nahm sie eine Nadel aus dem vollen Haarknoten und schnitt den Umschlag damit auf . Bornstein schrieb : » Liebste Lena , Dir und mir allerbesten Glückwunsch zur wiedergewonnenen Freiheit ! Wenn es Dir recht ist , wollen wir diesen ersten März feierlich begehen . Hoffentlich ist der Himmel uns gnädig - « Lena lachte und blickte über Lottes über die Arbeit gesenkten Kopf hinweg in den Sonnenschein . » Wenn es nicht gerade in Strömen giesst - in diesem Fall erhältst Du bis zehn andere Nachricht - wollen wir uns Punkt elf Bahnhof Friedrichstrasse unter der Uhr treffen . Fürchte nicht , dass ich Dich nach Dahlow entführen will , so gern ich es thäte . Dein Eigensinn - pardon Kleine - Deine Willensstärke ist ja leider ! unbesiegbar . Wir wollen nach Wannsee oder Potsdam fahren , was Dir lieber ist , ein gutes Diner einnehmen , wogegen Du doch vermutlich nichts haben wirst , gegen Abend zurückkommen und in ein Theater gehen . Ich schlage Dir Central-Theater vor , Thomas soll in der neuen Posse zum Brüllen komisch sein . - Danach - na , das magst Du bestimmen . Also auf Wiedersehen Punkt elf unter der Uhr . B. « Nachdem sie gelesen , fragte sie Lottchen , was es wohl an der Zeit sei . » Neun vorbei « , gab sie , die schon seit dem frühesten über der Arbeit sass , mit einem ganz kleinen Vorwurf zurück . Lena stand auf und küsste sie . Die Schwester that ihr in diesem Augenblick unbeschreiblich leid . Nun würde sie wieder den ganzen schönen Tag lang hier sitzen und sticheln um elenden Hungerlohn , während sie draussen in vollen Zügen das himmlische Leben geniessen würde . Auch ein wenig Gewissensbisse hatte sie . War es nicht eigentlich ihre Pflicht , Lotte endlich zu sagen , dass sie ausser Stellung sei , es ihr zu sagen , ehe sie für den ganzen Tag das Haus verliess ? Nachdenklich blickte Lena ein paar Augenblicke in den Sonnenschein hinaus . Draussen im Nussbaum zwitscherten noch immer die Spatzen und aus den offenen Nachbarfenstern tönte ein lustiges Lied . Nein heute nicht - morgen - morgen bestimmt . Heute wollte sie einmal einen rechten , echten Feiertag haben , durch keine Sorgen , keine Vorwürfe getrübt . Es drängte sie aber doch , Lotte durch irgend etwas ihre mitleidige Zuneigung zu beweisen . Sie legte die Arme von rückwärts um den Hals der Schwester . » Du Lotte , kann ich Dir nicht ein bischen helfen ? Ich brauche erst um halb elf fort . « Lotte sah mit einem herzlichen Blick zu Lena auf . » Ich danke Dir , liebe Lena - aber es ist wirklich nichts zu thun . Mit dem Mittagbrot hat es noch lange Zeit , und eingeholt ist schon alles . « Nun fiel Lena ein , dass sie der Schwester doch wenigstens sagen musste , dass sie heut nicht zu Tisch kommen würde . Nicht gerade fliessend kam das Bekenntnis heraus . Aber Lotte schien über