Höre mal , mein Lieber , Du hast wohl die beiden Gracchen zurückgenommen ? Barmann : Ja , und Cicero als Lieblingsrömer proklamiert , wie dieses Stint , der brave Müller-Emil ! Das war Stilpen zuviel . Dieser Vergleich wühlte seine ganze Natur auf , und er sprach : -So ! Also bis zu dieser Niederträchtigkeit depraviert euch ein jämmerlicher Neid ! Wißt ihr , was ich gethan habe ? Ich habe diesem Biedermann gesagt : Nicht die beiden Gracchen verehre ich am höchsten , denn das sind die Nationalliberalen des alten Rom , und sie kommen mir vor , wie zwei rot angemalte Zuckerstengel ... - Das hast Du nicht gesagt ! - Beim Momus , das hab ich gesagt ! Und noch was hab ich gesagt : Mir imponiert überhaupt gar keiner in der ganzen alten Toga-Gesellschaft mit Ausnahme von ... - Von ... ! ? ... Na ... ? ... - Von Catilina ! - Donnerwetter ! Ist der Kerl nicht in Ohnmacht gefallen ? - Ach Der ! So ein Amphibium ! Habt ihr nicht bemerkt , daß er aussieht , als wenn er einen Aquarium entsprungen wäre ? Wenn man ihn grün anstriche , könnte man ihn von einem Laubfrosch nicht mehr unterscheiden . So sprach Schaunard . Sechstes Kapitel Stilpe kam , während er sich auf das Abiturientenexamen vorbereitete , noch manchmal auf seine Hofdichterphantasieen , wie er es nun nannte , zurück . Die Vorstellung , einmal eine Rolle in der großen Welt zu spielen und dabei Verhältnisse mit Herzoginnen anzuknüpfen , that ihm zu wohl , als daß er endgiltig auf sie verzichten sollte . Aber im Ganzen erwies sich Henri Mürger doch stärker , als Geheimrat Ammer . Wenn sich beides vereinigen ließe ! war sein Lieblingsgedanke . Und er verfabulierte sich auch diesen Gedanken . Warum sollte es nicht möglich sein ? Es kam lediglich auf den Potentaten an , mit dem er es zu thun haben würde . War nicht Karl August anfangs ein sehr fideler Bruder gewesen ? Hatte er nicht auch mit der Reitpeitsche geknallt ? Daß er schließlich so gräßlich ernsthaft geworden ist , wer war daran schuld , wenn nicht Goethe selber , der eben in sich den Geheimratskeim schon geerbt hatte von seinem Vater ? Goethe und Lenz in einer Person zu sein , das war das Problem , das war das Ideal ! Indessen dachte er dabei doch mehr an Lenz , als an Goethe . Auch Günther , dem » sein Leben wie sein Dichten zerrann « , fiel ihm zuweilen ein , doch kannte er von diesem nichts . Aber er verehrte ihn sehr und nannte ihn oft , nur eben , weil Goethe so von ihm gesprochen hatte . - Ein fabelhafter Kerl , dieser Günther ! dachte er bei sich , und er las oft , was Goethe über ihn geschrieben hat . Man sollte ihn eigentlich lesen . Na , später ! Überhaupt , er schob jetzt noch mehr auf , als es ohnehin seine Art war . Das Examen bedrückte ihn doch , obwohl er nicht mehr daran zweifelte , daß er durchkommen würde . Aber es blieb eine unangenehme Perspektive und fatal wie alles Unvermeidliche . Sein Haupttrost war Bertha , das Dienstmädchen . In Deinen blauen Augen , Schatz , Sind keine Wolken , Also sage ich : Es giebt Keine Wolken . Stöffel machte eine Parodie auf diese freien Rhythmen : Unter Deinen tümpelbraunen Augen , Schaunard , Sind schwarz-grüne Wolken , Also sage ich : Du bist Eine schwarz-grüne Wolke . Und das war richtig : Stilpe sah sehr schlecht aus , so schlecht , daß man wirklich glauben konnte , er überarbeite sich wegen des Examens . Er fand das riesig interessant und gewöhnte sich überdies an , die Lippen nach unten zu ziehen , um das Ansehen beständiger Weltverachtung zu haben . Freilich stimmte das nicht zur Heiterkeitsdevise des Cénacles , aber eben das war wieder paradox , und das Paradoxe hielt Stilpe damals für die Hauptsache . Das Examen kam heran . Alle Vorbereitungen waren getroffen . Die Übersetzung ins Griechische abonnierte er bei Wippert , die ins Lateinische bei Barmann , die Mathematikaufgabe bei Stöffel . Es war sehr gut , daß für jedes Manco seiner Schultüchtigkeit im Cénacle Rat geschafft werden konnte . - Wir sind die reinen Freimaurer , sagte Stilpe , wir lassen keinen * * * Bruder bankerott gehen . Es lebe Müsette ! Es lebe der Kommunismus der überflüssigen Kenntnisse ! Schade , daß ich euch gar nichts dagegenbieten kann . Höchstens , daß Barmann von meinem französischen Stile zehren könnte . Aber Barmann verzichtete und meinte , er könne seine grammatikalischen Fehler alleine machen . Und es ging Alles gut vorüber , obwohl Stilpe die Mathematikaufgabe sogar falsch abschrieb . Dafür errang er einen Triumph im deutschen Aufsatz , der das tiefe Thema behandelte : Wie befreite sich Goethe von den Fehlern der Sturm- und Drangperiode ? Hei , wie da Stilpe ins Zeug ging ! Er war ganz Hofpoet , ganz Harmonie , ganz » Weltauge « . Ohne es sich merken zu lassen , natürlich , identifizierte er sich während der fünf Stunden , da er seine Perioden baute , völlig mit Goethe und endete mit einem feierlichen Panegyrikus auf Karl August , der gleichfalls » aus Sturm und Drang emporgedieh zur fürstlichen Ruhe schönheitbeschirmender Macht « . So gut hatte er den königlichen Komissarius verstanden . Auch im mündlichen Examen ging Alles vortrefflich , und das Ende war , daß Stilpe mit Note 2b das Zeugnis der Reife zum Universitätsstudium erhielt . Eine große Cénaclefeier schloß sich der Verkündigung der Examenergebnisse an . Man trank lediglich deutschen Schaumwein , und Stilpe verwahrte sich gegen alle literarischen Gespräche . Dafür wurde lebhaft darüber debattiert , ob ein Cénaclier in ein Corps oder in eine Burschenschaft einspringen müsse . Man kam aber zu keinem Entschluß , sondern setzte fest , daß darüber