, die einzige Vernünftige von uns allen sitzt da hinten hinaus , nämlich diese Frau Fechtmeisterin , Na , schlägt die aber auch die Hände über unsern Doktor zusammen ! Sie habe doch in Jena und sonst auf ihren Universitäten manchen kuriosen Gesellen kennengelernt , aber so einen verrückten wie Ihren Freund Andres noch nicht , meint sie . Das einzige Glück ist , daß sie sich doch nicht ausnimmt , wenn sie von der Kolonie - der Narrenkolonie redet , die sich hier in der Dorotheenstraße zusammengefunden habe . Die einzige übrigens , die mir bei der Geschichte wirkliche Sorge macht , Herr Assessor , das ist meine Leonie . Mein Junge findet sich schon noch zurecht im praktischen Leben , denn auch dazu haben wir von der Kolonie , diesmal meine ich unsere französische , die Anlage unserm Kurfürsten seinerzeit mitgebracht und zur Verfügung gestellt . Wird er nicht Kommerzienrat , so wird er doch Kommissionsrat , oder das Geschäft macht ihn dazu , ob er will oder nicht . Aber das Mädchen - was von eu- unserm deutschen Blut in das im Laufe der letzten zwei Jahrhunderte hereingekommen ist , das entzieht sich vollständig meiner Berechnung . Meinen armen Leon verstehe ich zur Not noch ziemlich genau aus mir selber ; aber meine Leonie - lieber Herr Assessor , ich wollte viel drum geben , wenn ich sagen dürfte , daß ich auch ihren Sprüngen folgen könnte . Hieße sie nicht noch wie wir anderen des Beaux , so merkte es der doch keiner von uns königlich preußischen Staatsbürgern mehr an , daß sie auch eurer sogenannten Tanzmeisternation entsprungen sei . Ich habe ja gegen den Verkehr mit dem Hinterhause nicht das geringste einzuwenden ; aber etwas zuviel ist ' s mir doch , daß sie nur bei der Frau Fechtmeisterin zu finden ist , wenn man nach ihr fragt und sucht . Ich nenne sie oft nur la Belle au bois dormant , wenn ich wieder einen von meinen Jungen oder Leuten habe hinschicken müssen , um sie in das gewöhnliche Leben heimzuholen . « - - Da war wieder der lärmvolle Hof , auf dem die vornehmsten Rosse der großen Hauptstadt dem berühmtesten Hufarzt und seinen Gehülfen in die Kur gegeben wurden . Da war wieder der dunkle Eingang und die steile , enge Treppe , die zu der Frau Fechtmeisterin Feucht und ihrer wechselnden studentischen Mieterschar hinaufführte . Die Türglocke hatte noch denselben schrillen Klang wie früher , und was die Tür öffnete , war noch dasselbige ritterliche Zwergenweiblein wie früher , und wer sich am wenigsten verändert hatte , das war die Frau Fechtmeisterin Feucht , und wie immer mit dem Strickzeug in den Händen und dem dazugehörigen Garnknäul unterm linken Arm : wohin kommen alle die Strümpfe , die solche liebe , auf dem Altenteil und ihren Erinnerungen sitzende alte Damen stricken ? Von denen , die aus den Händen der Frau Fechtmeisterin hervorgingen , hätte es manch ein akademischer Bürger der Friedrich-Wilhelms-Universität zu Berlin durch manch ein Semester statistisch ganz genau nachweisen können . - Sie erkannte mich nicht gleich . Es lagen ja zwei Staatsexamina zwischen unserm letzten Zusammensein und dem heutigen Besuch . » Sie ? « rief sie dann . » Also endlich ? Wenn ich nach einem Menschen auf Erden ausgesehen habe , so sind Sie das . « Und mir die Tür ihres Stübchens öffnend , schob sie mich hinein . » Da haben wir den zweiten aus dem Vogelsang , Leonie . Jetzt aber auf die Mensur mit mir , Assessor Krumhardt ! Sehen Sie wohl , daß Ihnen die Schmarre über der Nase daheim bei Ihren Leuten am grünen Tisch nichts geschadet hat ! Und der andere Tresenhüpfer und Ellenreiter drunten bei des Beaux Sohn und Nachfolger ! Sie kennen doch Fräulein Leonie des Beaux noch , Herr Kommilitone ? « Oh , wohl kannte ich sie noch ! Das liebe Mädchen erhob sich wie sonst aus ihrem Sessel , der absonderlichen , greisen Freundin gegenüber , sie schien mir noch ruhig-schöner , stattlich-vornehmer geworden zu sein und lächelte . » So leicht vergißt man doch wohl seine guten Freunde nicht , Mama Feucht ! Vorzüglich wenn man aus dem Vogelsang - « » Nach Berlin kommt und endlich einmal wieder die weißeste Hand aus dem Roman von der Rose küssen möchte . « Sie reichte sie mir lächelnd , aber nicht zum Kuß , und sagte : » Hier , Herr Assessor , wie sonst aus der Schneiderwerkstatt und dem Herzen der Romantik heraus ; seien Sie uns willkommen , da mit der alten Treue unser altes , närrisches Spielzeug doch auch sein Recht bei Ihnen behalten hat , Messire Charles du Pré-aux-Clercs . « » Von der Schreiberwiese ! « rief ich , die feine Ironie wohl verstehend . » Jawohl , jawohl , gnädiges Fräulein ! Und der Chevalier sans peur et sans reproche da unten im Vorderhause hinter den Geschäftsbüchern des Herrn Kastellans sitzt heute besser zu Roß auf seinem Dreibein , mit der Feder hinterm Ohr , als je ein Rittersmann , der in Stahl und Eisen auszog für das Trecrestien , franc royaume de France ; und die Frau Fechtmeisterin Feucht ist schon abgef- geschlagen , noch ehe sie sich recht ausgelegt hat für ihr Rittertum von der Saale . « » Wenn ein junger Mensch zuerst doch nach Jena gehörte und vom Hausberge und dem Fuchsturm in die Welt hätte hineinsehen müssen , so war das doch mein Herr Velten « , seufzte , zugleich verdrossen und betrübt , die Frau Fechtmeisterin . » Oh , dies Berlin ! Wie kann ein deutscher Student mit Berlin sein Dasein anfangen und in Berlin hängenbleiben ? Und noch dazu ein Kind mit solchen Naturgaben wie dieses , das meinen Seligen zu Rührungstränen gebracht haben würde - trotz seiner lahmen Linken der beste Schläger , den sie jetzt hier haben , und - verkriecht sich nun hinter einem Kontortisch !