, nämlich zur gnädigen Komtesse . Na , da komm mal rein zu mir , Mädel ! « Die Dame faßte Pauline ohne weiteres an der Schulter und schob sie in das Zimmer , dessen sich Pauline von früher her recht gut entsann ; es war die » Mamsellstube « . Pauline mußte sich setzen und erzählen . Für die Bumille war der Klatsch Lebensbedürfnis . Sie interessierte sich mit seltener Weitherzigkeit für die intimen Verhältnisse von jedermann ; am liebsten freilich hörte sie Liebesgeschichten . In der herrschaftlichen Küche stand tagein , tagaus eine Kaffeekanne am Feuer . Die Mamsell wußte nur zu gut , welch zungenlösende Wirkung dieser Trank besonders auf ihr Geschlecht ausübt . Auch vor Pauline wurde heute eine Kanne aufgesetzt nebst Kuchen , der ebenfalls für solche Gelegenheiten stets vorrätig war . Nun wurde das Mädchen ausgefragt . Vor allem mußte sie über ihren Gustav berichten , ihren » Bräutigam « , wie die Mamsell sich gewählt ausdrückte . Was er treibe und ob er viel an sie schreibe . Die Bumille ging in ihrer Teilnahme so weit , zu forschen , ob Pauline etwa Briefe von ihm bei sich habe , und schien zu bedauern , als Pauline das verneinte . Ob sie denn auch sicher sei , daß er sie heiraten werde , fragte sie schließlich . Pauline errötete und meinte mit gesenkter Stimme , sie glaube es . Die Bumille war eine große , wohlbeleibte Frauensperson . Ihren grauen Scheitel deckte eine weiße Haube mit lila Bändern . Das meiste an ihr und um sie , von diesen Bändern anzufangen , trug das Gepräge des Hängenden . Die Säcke unter den runden Augen , die schlaffen Lippen zwischen bauschigen Wangen , das Unterkinn , der Busen - kurz , alles an dieser Person zeigte das Bestreben , sich in schlaffer Fülle bodenwärts zu senken . Übrigens wiesen ihre Züge den Ausdruck ungemachter Gutmütigkeit auf . Sie sprach mit etwas schwerer Zunge , was ihren Redeeifer aber keineswegs beeinträchtigte . Mit erstaunlicher Gedächtnisstärke , besonders für unwichtige Dinge , schien sie begabt und von ungewöhnlichem Interesse für die Geheimnisse anderer erfüllt . Nachdem sie aus Pauline alles Wissenswerte herausbekommen , rief sie das Küchenmädchen herbei . » Von dem Dessert einpacken ! Mandeln und Rosinen , Schokolade kann auch dabei sein ! « befahl sie . » Für den kleinen Gustav was zum knabbern , « fügte sie in leutseligem Tone hinzu . Die Bumille war bekannt durch ihre Freigebigkeit . Für Betller und Landstreicher war Schloß Saland ein wahres Eldorado , oder wie es in der Vagabundensprache heißt : eine » dufte Winde « , wo anständig » gestochen « wurde . Es war bei Mamsell Bumille Gesetz , niemanden unbeschenkt von dannen ziehen zu lassen , so erforderte es die Ehre eines herrschaftlichen Haushaltes . » Almosengeben armer nicht ! « war ihr Lieblingswort . Und da sie die Freigebigkeit nur auf Kosten ihrer Herrschaft ausübte , traf das Sprichwort bei ihr auch wörtlich ein . Pauline wurde mit einer großen Tüte , angefüllt mit Süßigkeiten , die sie in ihre Rocktasche versenken mußte - damit » die Herrschaften nichts merkten « - entlassen . Sie bekam auch Grüße für ihre Mutter mit , die sollte die Wirtschafterin doch bald einmal besuchen . Eine Zofe , von denen es in diesem Hause eine Menge zu geben schien , wurde angewiesen , Pauline zu der Komtesse zu führen , deren Zimmer sich im ersten Stockwerke befand . Pauline folgte dem Mädchen . Zunächst ging es durch die geräumige Haushalle . Ein Raum , der mit Waffen , Jagdtrophäen und allerhand fremdartigen bunten und blinkenden Gegenständen ausgestattet war . Dann die Treppe hinauf ! Pauline fühlte ihren Fuß in weichen Teppichen versinken . Das rief ihr mit einem Male ihre früheren Besuche mit wunderbarer Deutlichkeit ins Gedächtnis zurück : dieses leichte , wohlige Gefühl , das der unter den Füßen nachgebende Pfühl gibt , das sie seit der Kinderzeit nicht wieder gehabt hatte . Sie stand schließlich im Zimmer der Komtesse , ohne recht zu wissen , wie sie dahin gekommen . Ida hatte an ihrem Schreibtisch gesessen . Sowie Pauline eintrat , erhob sie sich und kam auf das Mädchen zu . Heute , wo sie in ihrem eigenen Heim war , ohne Zeugen , umarmte die Komtesse die ehemalige Spielgefährtin . Dann rückte Ida einen Rohrsessel heran , auf den sich Pauline setzen mußte , sie selbst nahm neben ihr Platz . Pauline blieb scheu und fühlte sich befangen , vielleicht gerade wegen des freundlichen Entgegenkommens der Komtesse . Früher , als sie beide noch kleine Dinger gewesen waren , die miteinander getollt und in den Büschen des Parkes Verstecken gespielt hatten , war Pauline der anderen entschieden überlegen gewesen , nicht bloß durch Körperkraft und Geschicklichkeit , auch durch Findigkeit und Mutterwitz . Das Dorfkind , vor dessen Augen kein Geheimnis der Natur künstlich verborgen gehalten worden , war in tausend Dinge eingeweiht , die der Komtesse rätselhaft waren . Das hatte ihr jene natürliche Schärfe der Sinne und der Instinkte gegeben , wie sie etwa der Wilde vor dem zivilisierten Menschen voraus hat . Dieses Verhältnis hatte sich nun freilich in den letzten Jahren verschoben . Wer die beiden Mädchen jetzt nebeneinander sah , Pauline , in ihr Konfirmationskleid gezwängt , mit plumpen Schuhen , unter ihrem neuen Hute , dessen aufdringlicher Blütenschmuck ihre bräunliche Hautfarbe schändete , dazu die schlechte Haltung des Oberkörpers , der an das wahrscheinlich viel zu enge Korsett nicht ! gewöhnt war , die Haltung der Arme , die wohl zur Arbeit kräftig waren , die sich aber hier im Boudoir ihrer eigenen Kraft zu schämen schienen - und dieser ländlichen Schönheit gegenüber nun die andere , mit ihrem stolzen Gesichtsschnitt , der edlen Kopfform , den verfeinerten wie gemeißelten Zügen , den unbewußten Ausdruck von Überlegenheit in Blick und Lächeln , mit durchsichtigem Teint und schlanken , weißen Händen , alles gepflegt und