plötzlich laut : » Hanne ! « » Was , Leopold ? « » Schau mich an ! « Sie blickte verwundert zu ihm hin , wurde aber mit einem Male verwirrt , bewegte ängstlich den Kopf und fragte schüchtern : » Warum ? « » Ei , weil du schöne Augen hast , langes Mädel « , sagte er lachend , und sie lachte auch und wurde dunkelrot dabei . » Schau , wenn du nur ganz kleine rote Röserln im Gesichte hättest , könntest bald mitreden « , scherzte der Mann und löste mit seinen erfahrenen Augen den dichten Haarknoten , zog das übelpassende Kleid fester um den schlanken Leib , da trat die Büste feiner heraus , und der eckige Körper bekam gefälligere Formen . Na , vielleicht haben die anderen besser gesehen als ich ? dachte er und schaute dem Mädchen nach , das den Buben aufgenommen hatte und mit leichten Schritten hinausging . Seitwärts der Trockenwiese lag ein kleiner abgegrenzter Garten . Die Planke , die ihn von der Wiese trennte , war altersgrau und morsch , und es bedurfte nur zweier tüchtiger Fäuste , um sie zum Falle zu bringen , und dennoch wagten selbst die schlimmsten Buben nicht daran zu rütteln . Woher die Kinder die Sage hatten , daß da drinnen ein Jude begraben liege , das wußte niemand , aber groß und klein sprach mit verständnisvollem Augenzwinkern im Flüstertone davon , sobald die Rede darauf kam . Der abgeplankte Raum hieß auch der Judengarten . Wenn auf der Trockenwiese kein Grashalm mehr grün war , wenn oben auf den Feldern das Korn schon schwer und goldgelb stand , wenn die hohen Fliederbüsche wie krachdürre versengte Baumgerippe im Winde knarrten und klapperten , wenn der Herbst rundum Herr wurde , so sah es in dem kleinen Garten wie mitten in der Sommerszeit aus . Vielleicht kam das von der geschützten Lage und von der Feuchtigkeit , die jene Menge von Steinen gleichsam ausschwitzte , denn immer war es in der Nähe des hohen Mauerteiles , an dem das Gärtchen lehnte , kühl , und wenn die Sonne unterging oder wenn Regenwetter in der Luft lag , liefen an den Steinen große Tropfen herab . Der abgeplankte Raum war nicht größer als die große Waschküche in der Blauen Gans , aber die Kinder wußten sich genau die Stelle auszusuchen , wo sie durch ein passendes Astloch hineingucken konnten , ohne in das niedere dichte Blätterdach der Bäume oder in das hohe Gras zu sehen . Kaum zwei Hände breit war Raum zwischen dem federartigen langen Gras und den tief niederhängenden Ästen . Wenn es Obstbäume gewesen wären , so hätte wohl die Naschsucht oder der Hunger über die Furcht gesiegt , und die Buben wären doch über die fast doppelt mannshohe Planke geklettert oder hätten sich sonst Eingang verschafft , aber da standen nur Linden und Buchen und breitblätterige fremdländische Bäume , einer knapp neben dem anderen , es gab nichts zu holen , nicht einmal die Blumen reizten sie , die drinnen wuchsen ; oben auf den Feldern gab es ja Korn- und Mohnblumen und Kamillen , so groß , wie sie nirgends sonst zu sehen waren . Die rückwärtige Seite des Judengartens lehnte an der hohen Steinmauer , die sich rechts neben der Trockenwiese und neben den Feldern hinzog , den Berg hinanlief , aber immer niederer und niederer wurde , bis sie oben die Gleiche mit einem geraden Wege bekam . Dieser Weg führte dann noch weiter hinaus durch die Felder in ein Dorf , nach Währing , und dann ging es fort bis in den Wald . Ein paar armselige Hütten , die Wäscherburg , standen auf dem Hügelgrunde , den die Mauer wie ein Damm abschloß und schützte ; aus der Ferne sahen sich die niederen Häuser wie Kinderspielzeug an , und die Mauer , die aus großen ungleichen Bruchsteinen war , wie ein Felsen . An dem höchsten Teile der Mauer , etwa drei Stockwerke hoch über der Trockenwiese , genau über dem abgeteilten Garten , hing ein Korbbalkon . Das Haus , zu dem er gehörte , hatte keinen Vorplatz , der Eingang hing in der Luft , wer in den Flur wollte , mußte über eine Treppengasse , die Bleicherstiege hieß , auf diesen schwebenden Vorplatz , der mit einem hohen , seltsam verschnörkelten Eisengitter umgeben war . Von diesem Balkon herab mochte vorzeiten irgendeine Verbindung nach dem Judengarten gegangen sein , nur wie , darüber waren die Weisen der Vorstadt uneinig . Frevler sagten , es seien Dachrinnen hinabgezogen gewesen . Deutlich sah man rechts und links von dem großen Eisenkorbe handtiefe Furchen , die gerade und gleichmäßig von oben bis unten in die Steine gerissen waren . Als die Hanne den Kleinen davontrug , ging sie wie immer hinüber auf die Trockenwiese , setzte sich dort nieder und begann ihre Flickarbeit auszukramen , als sie aber sah , daß die Weiber , die eben dort beschäftigt waren , heimgingen und der Wächter sich umwandte und die Runde um die ganze Wiese machte , da lief sie hastig an die Mauer , schob und hob das letzte Brett der Gartenplanke fort , legte den Kleinen hinüber in das hohe Gras und drückte sich dann selbst durch den schmalen Spalt . Sorgfältig schob sie von innen das Brett wieder vor , nahm das Kind auf und watete zusammengebeugt durch das Gras , bis sie sich auf einen grünen Hügel setzte , der wohl ehemals eine Rasenbank war , der aber bei jenen , welche ihn vor Jahren gesehen hatten , für das Judengrab galt . Durch Zufall hatte die Hanne vor Monaten das bewegliche Brett entdeckt , vielleicht war es eine Türe , die sich irgendein Strolch zurechtgemacht hatte , der in dieser grünen Wildnis ein geschütztes Nachtlager fand . Für die Hanne war dieses einsame Versteck ein Ort des Friedens , der Rast und Freude geworden . Da lehnte sie zuweilen mit zitternden Armen