Gesicht , und wenn sie das nicht konnte , so schwieg sie . Sie war nicht geliebt , aber sehr geachtet und verdiente es auch . Im ersten Wagen wurde , solange man innerhalb der Stadt war , kein Wort gesprochen ; Holk und die Schimmelmann saßen aufrecht einander gegenüber , während sich die Prinzessin in den Fond zurückgelehnt hatte . So ging es durch die Bred- und Ny Öster-Gade zunächst auf die Osterbroer Vorstadt , und als man diese passiert , auf den am Sunde hinlaufenden Strandweg zu . Holk war entzückt von dem Bilde , das sich ihm darbot ; unmittelbar links die Reihe schmucker Landhäuser mit ihren jetzt herbstlichen , aber noch immer in Blumen stehenden Gärten und nach rechts hin die breite , wenig bewegte Wasserfläche mit der schwedischen Küste drüben und dazwischen Segel-und Dampfboote , die nach Klampenborg und Skodsborg und bis hinauf nach Helsingör fuhren . Holk würde sich diesem Anblick noch voller hingegeben haben , wenn nicht das Leben auf der Chaussee , drauf sie hinfuhren , ihn von dem Landschaftlichen immer wieder abgezogen hätte . Fuhrwerke mannigfachster Art kamen ihnen nicht bloß entgegen , sondern überholten auch die Prinzessin , die , wenn sie Spazierfahrten machte , kein allzu rasches Tempo liebte . Da gab es dann in einem fort Begegnungen und Erkennungsmomente . » Das war ja Marstrand « , sagte die Prinzessin . » Und wenn ich recht gesehen habe , neben ihm Worsaae . Der fehlt auch nie . Was will er nur bei dem de-Meza-Fest ? De Meza soll gefeiert , aber nicht ausgegraben werden . Er lebt noch und hat auch nicht einmal das Maß für Hünengräber . « Es schien , daß die Prinzessin dies Thema noch weiter ausspinnen wolle ; sie kam aber nicht dazu , weil im selben Augenblicke mehrere Offiziere bis ganz in die Nähe des Wagens gekommen waren und die Prinzessin von links und rechts her zu cotoyieren begannen . Unter diesen war auch Oberstlieutenant Tersling , unser Bekannter von Vincents Restaurant her , ein schöner großer Mann von ausgesprochen militärischen Allüren . Er sah sich mit besonderer Freundlichkeit seitens der Prinzessin begrüßt und erkundigte sich seinerseits nach dem Befinden derselben . » Es geht mir gut , doppelt gut an einem Tage wie heute . Denn ich höre , daß Sie und die anderen Herren de Meza ein Fest geben wollen . Das hat mich herausgelockt ; ich will mit dabeisein . « Tersling lächelte verlegen , und die Prinzessin , die sich dessen freute , fuhr erst nach einer Weile fort : » Ja , mit dabeisein ; aber erschrecken Sie nicht , lieber Tersling , nur an der Peripherie . Wenn Sie den Toast auf den König oder den zu Feiernden ausbringen , werd ich mich mit meiner lieben Gräfin hier und mit Ebba Rosenberg , die Sie wohl schon in dem zweiten Wagen gesehen haben werden , in unserem Klampenborger Tiergarten ergehen und mich freuen , wenn das Hoch gut dänischer Kehlen zu mir herüberklingt . Übrigens bitte ich Sie , de Meza meine Grüße bringen und ihm sagen zu wollen , daß ich immer noch an alter Stelle wohne . Generäle sind freilich nie leicht zu Hofe zu bringen , und wenn sie gar noch Beethoven Konkurrenz machen und Symphonien komponieren , so ist es vollends vorbei damit ; indessen , wenn er von Ihnen hört , daß ich Idstedt immer noch in gutem Gedächtnis habe , so hält er es vielleicht für der Mühe wert , sich meiner zu erinnern . Und nun will ich Sie nicht länger an diesen Wagenschlag fesseln . « Tersling küßte der Prinzessin die Hand und eilte , die versäumte Zeit wieder einzubringen ; die Prinzessin aber , während sie sich zu Holk wandte , fuhr fort : » Dieser Tersling , schöner Mann ; er war einmal Prinzessinnentänzer und Kavalier comme il faut , die spitzeste Zunge , der spitzeste Degen , und Sie werden sich vielleicht noch des Duells erinnern , das er schon vor 48 mit Kapitän Dahlberg hatte ? Dahlberg kam damals mit einem Streifschuß am Hals davon , aber nun liegt er lange schon vor Fridericia . Pardon , liebe Schimmelmann , daß ich dies alles in Ihrer Gegenwart berühre ; mir fällt eben ein , Sie waren selbst die Veranlassung zu dem Duell . Offen gestanden , ich wüßte gern mehr davon . Aber nicht heute , das ist Frauensache . « Holk wollte seine Diskretion versichern , und daß er Dinge , die nicht direkt für ihn gesprochen würden , überhaupt gar nicht höre ; die Prinzessin blieb aber bei ihrem Satz und sagte : » Nein , nichts heute davon , verschieben wir ' s ! Und dann Diskretion , lieber Holk , das ist ein langes und schweres Kapitel . Ich beobachte diese Dinge nun seit fünfundfünfzig Jahren , denn mit fünfzehn wurd ich schon eingeführt . « » Aber Königliche Hoheit werden sich doch der Diskretion Ihrer Umgebung versichert halten . « » Gott sei Dank , nein « erwiderte die Prinzessin . » Und Sie können sich gar nicht vorstellen , mit wieviel Ernst ich das sage . Diskretion à tout prix kommt freilich vor , aber gerade wenn sie so bedingungslos vorkommt , ist sie furchtbar ; sie darf eben nicht bedingungslos auftreten . Die Menschen , und vor allem die Menschen bei Hofe , müssen durchaus ein Unterscheidungsvermögen ausbilden , was gesagt werden darf und was nicht ; wer aber dies Unterscheidungsvermögen nicht hat und immer nur schweigt , der ist nicht bloß langweilig , der ist auch gefährlich . Es liegt etwas Unmenschliches darin , denn das Menschlichste , was wir haben , ist doch die Sprache , und wir haben sie , um zu sprechen ... Ich weiß , daß ich meinerseits einen ausgiebigen Gebrauch davon mache , aber ich schäme mich dessen nicht , im Gegenteil , ich freue mich darüber . « In dem