Immortellenkranz , dessen Öffnung das Haldernsche Wappen zeigte . Hinter dem Stationshause hielten mehrere herrschaftliche Wagen , die Kutscher mit einem Trauerflor um den Hut , in einem als Ausläufer des Perrons sich hinziehenden Gartenstreifen aber schritten ein Dutzend schwarzgekleidete Personen auf und ab , Dorfleute von mittleren Jahren , und sprachen ernst und leise miteinander . Drei Uhr dreißig kam der Zug . » Haldern « , » Klein-Haldern « , riefen die Schaffner und öffneten ein paar Coupés , aus denen verschiedene Personen ausstiegen : zunächst ein alter Geistlicher von besonderer Würde , dem man seines Amtes und seiner Jahre halber den Vorrang gönnte , dann ein Oberst mit seinem Adjutanten und endlich mehrere reichbordierte Herren , die selbst der Klein-Halderner Stationsbeamte nicht kannte . Die Hüte mit Federbüschen aber und mehr noch der ausgesuchte Respekt , mit dem ihnen selbst von seiten des Obersten begegnet wurde , ließen keinen Zweifel darüber , daß es , wenn nicht Prinzlichkeiten , so doch Personen vom Hof oder vielleicht auch hohe Ministerialbeamte sein mußten . Alle gingen auf den Ausgang zu , vor dem die Wagen im selben Augenblicke vorfuhren , und eine Minute später sah man nichts mehr als eine Staubwolke , die sich , immer dichter werdend , auf dem halbchaussierten Fahrwege dem nächsten Dorfe zu bewegte . Während diese Szene sich in Front des Stationsgebäudes abspielte , wurde weiter abwärts im Zuge die große Schiebetür des letzten Wagens geöffnet und von innen her ein Sarg herausgehoben , den jetzt sechs Träger aus der Zahl derer , die bis dahin im Garten auf und ab marschiert waren , in Empfang nahmen und auf ihre Schultern hoben ; andere sechs gingen zur Ablösung nebenher , und was sonst noch auf dem Bahnhof war , folgte . Solange dieser Zug den auf eine kurze Strecke zur Seite des Bahnkörpers hinlaufenden Fahrweg innehielt , war alles still ; im selben Augenblick aber , wo Sarg und Träger von eben diesem Fahrweg her in eine Kirschallee einbogen , die von hier aus gradlinig auf das nur fünfhundert Schritt entfernte Klein-Haldern zuführte , begann die Klein-Haldernsche Schulglocke zu läuten , eine kleine Bimmelglocke , die wenig feierlich klang und doch mit ihren kurzen , scharfen Schlägen wie eine Wohltat empfunden wurde , weil sie das bedrückende Schweigen unterbrach , das bis dahin geherrscht hatte . So ging es nach Klein-Haldern hinein , ohne daß man etwas anderes als die Schulglocke gehört hätte ; kaum aber , daß man nach Passierung der Schmiede - mit der das Dorf nach der andern Seite hin abschloß - in die von Klein-Haldern nach Groß-Haldern hinüberführende , beinah laubenartig zusammengewachsene Rüsterallee einmündete , so nahm auch schon ein allgemeines Läuten , daran sich die ganze Gegend beteiligte , seinen Anfang . Die Groß-Halderner Glocke , die sie die Türkenglocke nannten , weil sie von Geschützen gegossen war , die Matthias von Haldern aus dem Türkenkriege mit heimgebracht hatte , leitete das Läuten ein ; aber ehe sie noch ihre ersten fünf Schläge tun konnte , fielen auch schon die Glocken von Crampnitz und Wittenhagen ein , und die von Orthwig und Nassenheide folgten . Es war , als läuteten Himmel und Erde . Halben Wegs zwischen den Dörfern lief ein Grenzgraben , über den eine steinerne Brücke führte . Jenseits dieser Brücke betrat man die Groß-Halderner Feldmark , und hier begann denn auch das Spalier , das alt und jung auf dieser letzten Wegstrecke gebildet hatte . Den Anfang machten die Schulen . Danach kamen die Kriegervereine mit einem Trompetercorps aus der nächsten kleinen Garnison , und immer wenn die Träger an einer Sektion vorüber waren , schwenkte diese dreigliedrig ein und folgte mit » Jesus , meine Zuversicht « . Am Schluß aber marschierten ein paar Dreizehner Veteranen mit der alten Kriegsdenkmünze , lauter Achtziger , die den Kopf schüttelten , niemand wußte zu sagen , ob vor Alter oder über den Lauf der Welt . Und so ging es nach Groß-Haldern hinein , an dem alten Giebelschlosse vorüber und unmittelbar auf die Feldsteinkirche zu , die , höher gelegen als das sie umgebende Dorf , von terrassenförmig ansteigenden und um diese Jahreszeit dicht in Blumen stehenden Gräberreihen eingefaßt wurde . Vor dem kleinen Rundbogenportale stand der Dorfgeistliche , neben ihm zwei Amtsbrüder , und empfing den Toten an geweihter Stätte . Zugleich setzten die Träger den Sarg nieder , auf den jetzt zunächst Palmenzweige gelegt wurden , und trugen ihn , als dies geschehen , den Mittelgang hinauf , bis vor den Altar . Hier stand der alte Generalsuperintendent , der von Berlin aus mitgekommen war , um die Parentation zu halten ; die großen Lichter brannten , und ihr dünner Rauch wirbelte neben dem großen , halbverblakten Altarbilde auf . Es stellte den Verlornen Sohn dar . Aber nicht bei seiner Heimkehr , sondern in seinem Elend und seiner Verlassenheit . Die Kirche hatte sich , als der Sarg unmittelbar über der Gruftsenkung niedergelassen war , auf all ihren Plätzen gefüllt , und auch die seit dem Tode Friedrich Wilhelms IV. sonntäglich meist leerstehende herrschaftliche Loge , heute war sie besetzt . In Front erblickte man den alten Grafen , Waldemars Vater , in grauem Toupet und Johanniterkreuz , neben ihm in tiefer und soignierter Trauer die Stiefmutter des Toten , eine noch schöne Frau , die , was geschehen war , lediglich vom Standpunkte des » Affronts « aus ansah und mit Hilfe dieser Anschauung über die vorschriftsmäßige Trauer mit beinah mehr als standesgemäßer Würde hinwegkam . Hinter ihr der jüngere Sohn ( ihr eigener ) , Graf Konstantin , dem der ältere Bruder , um das mindeste zu sagen , in nicht unerwünschter Weise Platz gemacht hatte . Seine Haltung war untadelig und gleichfalls von bemerkenswerter Gefaßtheit , ohne die der Mutter ganz erreichen zu können . Ein langes Lied , das teilweis in allerkräftigsten Wendungen allem Erdendunkel einen Riegel vorzuschieben trachtete , wurde gesungen ; dann sprach der alte Generalsuperintendent schöne ,