fühle - er kommt nie wieder . Und doch enthält die Welt keinen zweiten Menschen für mich ! So gut , so edel , so geistvoll ist keiner mehr - und so lieb wie ich Dich gehabt hätte , Friedrich , so lieb hat Dich keine andere , Deine Prinzessin - zu der Du zurückgekehrt zu sein scheinst - schon gewiß nicht . Mein Sohn Rudolf , Du sollst mein Trost und mein Halt sein . Fortan will ich von Frauenliebe nichts mehr wissen ; nur die Mutterliebe soll mir Herz und Leben ausfüllen ... Wenn es mir gelingt , einen solchen Mann aus Dir zu bilden , wie jener einer ist - wenn ich einst von Dir so beweint werde , Rudolf , wie jener seine Mutter beweint , so werde ich mein Ziel erreicht haben . « Eigentlich eine thörichte Einrichtung , das Tagebuchschreiben . Diese stets wechselnden , zerfließenden und neu erstehenden Wünsche , Vorsätze und Anschauungen , welche den Lauf des Seelenlebens bilden , durch aufgeschriebene Worte verewigen zu wollen , das ist ein verfehltes Beginnen und bringt dem älteren nachlesenden Ich die immerhin beschämende Erkenntnis der eigenen Veränderlichkeit . Hier standen nun auf demselben Blatte und unter demselben Datum , zwei so grundverschiedene Stimmungen verzeichnet : zuerst die zuversichtlichste Hoffnung - daneben die vollständigste Entsagung und die nächsten Blätter sollten doch wieder ganz Neues berichten ... Der Ostermontag war vom herrlichsten Frühlingswetter begünstigt und die an diesem Tage hergekommenermaßen stattfindende Praterfahrt - eine Art Vorfeier des großen Ersten-Mai-Corso , fiel besonders glänzend aus . Ich weiß noch , wie dieser Glanz , diese Fest- und Lenzwonne , die mich da umgab , mit der Traurigkeit kontrastierte , welche mein Gemüt erfüllte . Und doch - ich hätte meine Traurigkeit nicht hergeben wollen - nicht wieder so heiteren , dabei aber leeren Herzens sein , wie vor etwa zwei Monaten , als ich Tilling noch nicht kannte . Denn wenn meine Liebe auch allem Anschein nach eine unglückliche war , so war es doch Liebe - das heißt eine Steigerung der Lebensintensität : dieses warme , zärtliche Gefühl , welches mein Herz schwellte , so oft das teure Bild mir vor das innere Auge trat - ich hätte es nimmer missen mögen . Daß ich den Gegenstand meiner Träume hier im Prater , mitten im Gewühle weiblicher Fröhlichkeit zu Gesicht bekommen würde , erwartete ich nicht . Und doch : als ich einmal zerstreut die Blicke nach der Reit-Allee schweifen ließ , sah ich von weitem , die Allee in unserer Richtung herabgaloppierend , einen Offizier in welchem ich sogleich - obschon mein kurzsichtiges Auge ihn nur undeutlich ausnahm - Tilling erkannte . Als er nun in die Nähe kam und , zu uns herübersalutierend , sich mit unserem Wagen kreuzte , da erwiderte ich seinen Gruß nicht nur mit einem Kopfnicken , sondern mit lebhaften Winken . Im selben Augenblick war ich gewahr , daß ich da etwas Unpassendes und Ungerechtfertigtes gethan . » Wem hast Du solche Zeichen gemacht ? « fragte meine Schwester Lilli : » War es etwa Papa ? ... Ah , ich sehe , « fügte sie hinzu , » da spaziert ja eben der unvermeidliche Konrad - dem galt Deine Handverrenkung ? « Dieses rechtzeitige Erscheinen des » unvermeidlichen Konrad « kam mir sehr gelegen . Ich war dem treuen Vetter dankbar dafür und bethätigte diese Dankbarkeit sofort : » Schau , Lilli , « sagte ich , » er ist doch ein lieber Mensch und gewiß nur wieder Deinetwegen hier - Du solltest Dich seiner erbarmen , Du solltest ihm gut sein ... O , wenn Du wüßtest , wie süß es ist , Jemanden lieb zu haben , Du würdest Dein Herz nicht so verschließen . Geh , mach ihn glücklich , den guten Menschen . « Lilli schaute mich erstaunt an . » Wenn er mir aber gleichgültig ist , Martha ? « » So liebst Du vielleicht einen anderen ? « Sie schüttelte den Kopf : » Nein , niemand . « » O Du Arme ! « Wir fuhren noch zwei- oder dreimal die Allee auf und nieder . Aber denjenigen , nach welchem meine Blicke jetzt spähend umhersuchten , sah ich kein zweites Mal . Er hatte den Prater wieder verlassen . Einige Tage später , um die Nachmittagsstunde , trat Tilling bei mir ein . Er traf mich jedoch nicht allein . Mein Vater und Tante Marie waren auf Besuch gekommen , und außerdem befanden sich noch Rosa und Lilli , Konrad Althaus und Minister » Allerdings « in meinem Salon . Ich hatte Mühe , einen Überraschungsschrei zu unterdrücken : der Besuch kam mir so unerwartet und so freudig erregend zugleich . Aber mit der Freude war es bald vorüber , als Tilling , nachdem er die Anwesenden begrüßt und sich auf meine Einladung mir gegenüber niedergesetzt hatte , in kaltem Tone sagte : » Ich bin gekommen , Ihnen meine Abschiedsaufwartung zu machen , Gräfin . Ich verlasse in den nächsten Tagen Wien . « » Auf lange ? « » Und wohin ? « » Und warum ? « » Und wieso ? « fragten gleichzeitig und lebhaft die anderen , während ich stumm blieb . » Vielleicht auf immer . - Nach Ungarn . - Zu einem anderen Regiment versetzen lassen . - Aus Vorliebe für die Magyaren , « gab Tilling nach den verschiedenen Seiten Bescheid . Indessen hatte ich mich gefaßt . » Das war ein rascher Entschluß , « sagte ich möglichst ruhig . » Was hat Ihnen denn unser Wien zu leid gethan , daß Sie es auf so gewaltsame Weise verlassen ? « » Es ist mir zu lebhaft und zu lustig . Ich bin in einer Stimmung , welche die Sehnsucht nach einsamer Pußta mit sich bringt . » Ach was , « meinte Konrad , » je trüber die Stimmung , desto mehr soll man Zerstreuung suchen . Ein Abend im