, die Angst haben , im Krankenzimmer ... Da - so eine Ruhe ! Das ist das Richtige , da nehmen Sie sich ein Beispiel . « Er deutete auf Maria , die das Knäblein auf dem Schoß hielt . Weiß in ihren schneeweißen Gewändern , unverwandten Blickes jede Veränderung beobachtend und anzeigend , welche bei dem Kleinen vorging , führte sie des Doktors Anordnungen selbst aus und hielt ein stummes Gespräch mit ihrem Kinde . -Willst du voran - mich drüben zu erwarten ? Ich folge dir bald nach . - Aber dein armer Vater , soll ihm beides zugleich genommen werden - ein echtes Gut : du ! und ein wertloses , falsches , das er in seinem lauteren Glauben betrauern wird , als wäre es wirklich ein köstlicher Besitz gewesen ? ... Bleibe bei ihm , mein Liebling , biete ihm überreichen Ersatz . - Sie drückte ihn an ihre Brust , und er richtete seine großen Augen auf sie und murmelte : » Liebe Mutter . « » Es geht besser , Doktor , nicht wahr ? « fragte Maria . » Wenn nicht alle Zeichen trügen « , gab er zur Antwort . Sie verstand ihn . Er gebrauchte wieder eine bedingte Redeweise ; die ernste Sorge , die ihn seiner kleinlichen Vorsicht untreu gemacht hatte , war geschwunden . Am Morgen erst erfuhr Hermann , daß sein Söhnchen in Lebensgefahr gewesen sei und daß es gerettet war . Dir gerettet , dachte Maria , zu deinem Troste , wenn ich nicht mehr bei dir sein werde . Sie war im reinen mit sich . Gott erhörte sie nicht , überantwortete sie der Verzweiflung , so faßte sie denn einen Entschluß der Verzweiflung . Ein schöner Spaziergang im Walde führte bequem zu einer Burgruine hinan , welche die Felsenspitze eines bis weit über die Mitte mit Schmuck-Edeltannen bewachsenen Berges krönte . Man konnte jedoch von der entgegengesetzten Seite auf einem viel kürzeren Wege zu der Ruine gelangen . Dieser ging über einen schmalen , geländerlosen Steg und mündete am Fuße des beinahe senkrecht abfallenden Felsens , unweit von halbzerbröckelten , in den Stein gehauenen Stufen . Ein kühner und geschickter Kletterer durfte sie immerhin noch benützen , um zur Kuppe zu gelangen ; wenn er nämlich schwindelfrei war . Sonst konnte ihm ein Blick zurück in die Tiefe gefährlich werden . Dasselbe Flüßchen , das einige hundert Schritte weiter zwischen Wiesen dahinglitt als friedliches , mit Kähnen befahrbares Gewässer , wurde in der Enge zum Wildbach . Kochend und brausend stob der Gischt , bildete Wirbel , drehte und drehte sich kreisförmig , trichterförmig , stieg auf in Säulen aus Schaum , warf sich wieder wie toll in sein steiniges Bett und lockte herab zur Teilnahme an seiner sprudelnden , unerschöpflichen Lebenslust . In ihrem ersten Ehejahre hatte Maria die Ruine besucht . Angewandelt von einer Regung der unbezähmbaren Freude an der Gefahr , von der sie in früher Jugendzeit gar oft ergriffen worden , war sie die Felsentreppe herabgestiegen und hatte den Steg festen und sicheren Ganges überschritten . Hermann , dem sie ihr Wagnis eingestanden , war erst durch ihr förmliches Versprechen , es nie zu wiederholen , zu beruhigen gewesen . - Nun mußte das gegebene Wort gebrochen werden . Mit peinlich erfinderischer Genauigkeit malte Maria sich alles aus , sah sich den Fuß setzen auf den Steg und wandern und langsam mit Bedacht ausgleiten an der rechten Stelle ... wanken , sinken , zerschellt werden an den ewig blanken , ewig feucht glänzenden Klippen , die aus dem Wasser herausragten . Vorahnend gab sie sich Rechenschaft von dem Schmerze Hermanns , er würde nicht frei sein von Groll - und das war recht . Ein reines Andenken zu hinterlassen , hatte die Schuldige nicht verdient . Sie bereitete sich vor auf die entsetzliche Trennung von ihrem kleinen Kinde , das der Mutter noch so sehr bedurfte , nahm Abschied von ihm Tag um Tag . Morgen geschieht ' s , sagte sie sich , bis der Morgen kam , an dem sie begriff , daß sie nicht sterben könne , ohne einen zweifachen Mord zu begehen . Und davor schauderte sie zurück . Wohl lohte es in ihr auf : Begrabe die Frucht des Frevels mit dir ! ... Aber töten , um zu sühnen ? - Noch war sie fromm und gläubig und fragte in ihrer Seelenqual : Wie würdest du die Kindesmörderin empfangen , ewiger Richter , Herr , mein Gott ? Der mächtigste Instinkt im Weibe erhob seine gewaltige Stimme ... Vielleicht auch rang der nun verzweifachte Lebenstrieb - ihr unbewußt - gegen die Vernichtung . Sie kam wieder auf den Ausweg zurück , der ihr zuerst als der selbstverständliche , der einzige erschienen war : Hermann alles zu gestehen , ihm zu sagen : So bin ich , behandle mich , wie ich es verdiene . Ich ertrage deine Güte nicht mehr , ich lechze nach Strafe , nach Buße . Die strengste wird die beste sein , gönne sie mir , gönne mir das Labsal , zu büßen . Sei unbarmherzig , nur verehre mich nicht mehr . Und während sie in Gedanken also zu ihm sprach , rief ihr Verstand ihr zu : Phrasen , hohle Worte ! Du weißt es wohl , daß er dich nicht verstoßen , dich nicht der Geringschätzung preisgeben wird ; er wird , auch wenn sein Glück den Todesstreich durch dich empfangen , den Fuß nicht auf deinen Nacken setzen , Gesunkene . Er wird unerschütterlich bleiben in seiner Langmut . Von dir getrennt , dir im Innersten entfremdet , wird er von anderen noch Achtung für dich verlangen . Dann hast du eine neue Last der Dankbarkeit auf dich geladen und vergeblich das Beste zerstört , woran sein Herz sich erquickt und seine Seele sich erbaut . Du hast nichts zu verlieren , er alles . Du hättest ihn umsonst unselig gemacht ... Du darfst es nicht !