In seinem Gesicht zuckte es . Und da wandte sich ihm Frau Lange auch wieder voll zu . Sie bemerkte den ironischen Zug um Adams Mund und Nase , bemerkte die etwas zusammengekniffenen Augen . Ein sehr verzweigter , im Ganzen aber doch mehr angedeuteter , als erschöpfend ausgeführter Gefühlscomplex : momentane Wuth ... Haß ... Zorn ... Neid ... drängte sich ihr auf . Dieser Mensch konnte doch zu impertinent , zu moquant sein . - » Nun ? « fragte Frau Lange indignirt . » Hedwig Irmer , gnädige Frau ... « - Adam setzte absichtlich , mit einer kleinen , unscheinbaren und doch , wie er wußte , nicht wirkungslosen Betonung den Rufnamen voran - » Hedwig Irmer - ja ! ... habe ich die Dame denn seitdem - - seitdem ? - richtig ! ich machte ihrem Vater neulich einen Besuch - und da - « » Gefällt Ihnen Hedwig , Herr Doctor - ? « Frau Lange hatte sich zurückgelehnt und streckte die Hand nach ihrem Weinglase aus . Die wundervolle Plastik des Armes trat berückend hervor . Der Aermel straffte sich zurück , und das volle , runde Handgelenk schimmerte verführerisch auf in seiner frischen , gelbweißen Waizenfarbe . Nun hatte Lydia das Glas zum Munde geführt und blinzelte Adam über den Rand hin an . » Warum sollte mir Fräulein Irmer nicht gefallen - ? « erwiderte Adam spöttisch-nachlässig . » Die Dame hat entschieden etwas sehr Eigenthümliches . Sie scheint auch intellektuell nicht unbedeutend zu sein . - Allerdings ! ein Bissel zu viel triste , dürre Abstractions-Philosophie hat sie unter der Anleitung ihres Herrn Vaters wohl doch schon geschluckt . Unmittelbares ... Ursprüngliches geht ihr vollkommen ab . Ich glaube , man muß sich ... man müßte sich erst durch einen dicken Wall von Vorurtheilen und Voreingenommenheiten hindurcharbeiten - ganz abgesehen von der seelischen Schwerfälligkeit , die gar nicht zu brechen sein wird - « » Hm ! ... « Adam sah Frau Lange an . Sie verstanden sich wieder einmal . » ... Die gar nicht zu überwinden sein wird ... sein würde - - wenn ... wenn also ein seelisch einigermaßen intimer Verkehr ermöglicht werden sollte . Interessant ist die Dame aber zweifellos . Nun ... es wird nachgerade Zeit , auf Urwüchsigkeit überhaupt zu verzichten . Man hat sie ja selbst längst ... längst eingebüßt - es ist rabbiater Unsinn , sie immer wieder mit Pathos zu fordern und zu erwarten . Wenn man bedenkt , wie bescheiden man eigentlich schon geworden ist ! Es ist mitunter rein zum Todtlachen ! Das heißt : man wird ... man ist unkritisch geworden . Von welchen kargen , geradezu dämonisch kargen Reizen läßt man sich nur immer wieder ködern und bewältigen ! Man studirt und liest und schreibt und plaudert und verkehrt mit Menschen ... man besucht Gesellschaften , treibt sich in Localen herum ... wie gesagt : fast ohne jede Kritik mehr ... ohne sich noch darüber klar zu werden , daß man sich mit dem Allen doch eigentlich furchtbar vor sich selber compromittirt ! Gott sei Dank , daß ich kein sogenannter Dichter bin ! Diesen Leuten sollen ja alle Creaturen auf Gottes Erdboden ... ob sie nun vierbeinig oder zweibeinig oder x-beinig , wie der liebe Hummer , herumlaufen , interessant sein ... Das schwatzt nämlich immer einer von diesen Herren Dichtern dem ander ' n vor : Du ! Höre ' mal ! Du mußt für Alles Sympathie haben ! Du mußt hinter Allem das rein Menschliche suchen , wie hinter dem Spiegel das Quecksilber . Stöbere nur - du wirst ' s schon finden , lieber Freund ! Als ob der sogenannte Dichter nicht auch geistige Selektionstendenzen besäße ! Nein ! Es ist oft zum Verzweifeln , wenn man sieht , was für Phrasen heutzutage colportirt werden auf der Welt ! - - Schätzen Sie sich glücklich , gnädige Frau , daß Sie von all ' dem elenden Wirrwarr , von der colossalen Begriffsverwirrung , die sich allenthalben breit macht , hier in Ihrem schönen buen retiro so wenig , so blutwenig hören ! ... « » Aber Sie wollten ja von Fräulein Irmer sprechen , Herr Doctor ... Sie begannen doch wenigstens in der Tonart - und nun sind Sie wieder einmal ... wieder einmal bei mir angelangt - das ist doch - « » Wundern Sie sich darüber , Lydia - ? « Das hatte Adam halb absichtlich , zweckbewußt , halb unabsichtlich , von seiner Stimmung , seiner momentan auffahrenden Leidenschaft hingerissen , mit leiser , vibrirender Stimme gesprochen . Die Beiden sahen sich an . Und Adam versuchte , Frau Lange ' s linke Hand - Lydia saß rechts von ihm auf dem Sopha - zu erhaschen . Es gelang ihm . Lydia hatte sich abgewandt . Sie athmete erregter . Einen Augenblick fühlte Adam die kleine , warme , weiche Hand der schönen Frau zwischen seinen bebenden Fingern . Ein heftiges Begehren durchschüttelte ihn . Er bezwang sich . Und elegant zog er Lydias Hand an seine Lippen . Frau Lange seufzte leise auf und erhob sich . » Da haben Sie ' s , Herr Doctor : das Mädchen läßt sich nicht wieder blicken . Es ist unerhört . Nun , ihre längste Zeit ist sie hier gewesen , die Dame . Ich muß doch ' mal selber nachschauen , wo sie eigentlich steckt . Verzeihen Sie - ich bin sogleich zurück - « » Bitte sehr , gnädige Frau ... « Lydia verließ das Zimmer . Im nächsten Augenblick öffnete sie noch einmal die Thür von außen und rief ins Cabinet zurück : » Ich hatte ganz vergessen ... die Cigaretten ... wollen Sie sich bedienen , Herr Doctor ! - auf meinem Schreibtisch - rechts ... neben dem Couverts-Carton ... steht die Schachtel ... fangen ... fangen Sie nur Feuer - ! « Lydia lächelte berückend zu Adam hinüber . Nur ein kleiner Raum lag zwischen den