sein Haus ein christliches Weib führen müsse , und die Mutter hatte schon oft stundenlang über das Glück gesprochen , welches für die Tochter einer Verlorenen eigentlich ein unfaßliches Gnadengeschenk sei , wenn jener junge Geistliche wirklich als Werber käme . Severina , die den herzensguten und liebenswürdigen Mann achtete , wenn gleich sie den Gedanken , die Seine zu werden , unerträglich fand , hatte sich innerlich schon in dumpfer Verzweiflung dazu gerüstet . Aber nun schrie alles in ihr nein ! tausendmal nein ! Unauslöschlich brannte auf ihrem Munde die Glut , welche die Lippen Joachims dort entzündet . Sein Gesicht , sein Lächeln , seine Stimme waren vor ihr Tag und Nacht . Alle Schönheit der Natur erblaßte , alle Offenbarung der Kunst ward Gestammel , die Weihe des Gottesdienstes ward inhaltlos gegen den brünstigen Gedanken an ihn , an ihn . Die Welt war ihr untergegangen in seinem Dasein . Nur mit ihm konnte sie die Freude daran , das Bewußtsein davon zurückerlangen . Das war Wahnsinn , denn er ging eines Tages wieder aus ihrem Leben , in das er so plötzlich , mit so viel Uebermut getreten , und dann ? Severinas Augen wurden finster . O - wie lagen die kommenden Zeiten vor ihr ! Wie ein Marsch durch eine schatten- und quellenlose Steppe . Vielleicht , wenn nächstes Jahr der Weizen sich wieder goldete , befahl eines andern Stimme , die Sensen zu schleifen ; dann konnte Severina über die Stoppeln gehen und an den denken , der die Saat beschafft . Nein , das war nicht auszudenken . Das war der Tod ! Sie erbleichte und schlug beide Hände vor ihr Gesicht . Da schrie das Kind im Wagen . Severina sprang auf , riß es heraus und nahm es auf ihren Schoß . Das war wie ein Teil von ihm . Er liebte es . Die Liebe , die sie dem Kind erwies , freute ihn . Sie küßte das Kind , das ihr entgegenlachte , und preßte es an sich . Ihr Herz war zum Zerspringen voll von stummen , heißen Geständnissen . Dies kleine Menschenwesen , sein Liebling , umfing sie mit unermüdlichen Zärtlichkeiten . » Madonna mit dem Kinde , « sagte Joachim . Er war am Waldsaum , der nah bei Severinas Sitz eine Biegung machte , daher gekommen , den Reifestand der Weizenkoppel zu prüfen . Severina schrak zusammen und sah zu ihm empor . Das war kein Madonnenblick . Ihn durchrann es . Aber die schnelle Regung durch einen ebenso schnellen Vernunftgedanken bezwingend , setzte er sich mit fröhlichem Wort neben Severina in das hohe Gras . Das Kind , welches nun schon seine ganze Umgebung kannte , jauchzte ihm entgegen und strebte mit Händen und Füßen aus ihren Armen in die seinen . » Wenn der Junge Sie sieht oder nur Ihre Stimme hört , ist er nicht mehr zu halten . Das kommt daher : Sie tollen am übermütigsten mit ihm herum und werden noch einen schönen Wildfang aus ihm machen , « sagte Severina lächelnd . » Von Vater und Mutter her , fürchte ich , steckt ihm zu viel Ernst und Trübsinn im Blut ; als mein Neffe aber muß er auch nach mir arten - lustig muß er sein , das bring ' ich ihm beizeiten bei , « antwortete Joachim und hob das Kind mit einer schwenkenden Bewegung hoch über sich in die Luft . Der Kleine schrie vor Vergnügen auf . » Ja , Adrienne hat kein Talent , sich am Leben zu freuen , « bemerkte Severina . » Sie aber auch nicht . Wenn Fanny nicht noch ein bißchen Spaß verstände , wäre es ja vor Ernsthaftigkeit nicht mehr auszuhalten . Au - Junge - au - das ist mein neuer Strohhut und das ist meine Frisur ! Willst Du loslassen ! « Der Kleine hatte Joachims Hut erfaßt und einfach weggeworfen , dann fuhr er mit seinen kleinen , rundlichen Fingerchen in Joachims blondes Haargelock und riß und wühlte und lachte vor Freude hell auf ; dabei war der ganze kleine Körper so lebendig , daß Joachim ihn mit beiden Händen vor einem Fall bewahren mußte . » Erretten Sie mich doch , können Sie so grausam zusehen , wenn der Junge mich zum Kahlkopf macht ? « Severina lachte . Sie erhob sich halb , kniete auf ihrem bisherigen Sitz , und da ihre Ellenbogen auf diese Weise in einer Höhe mit Joachims Kopf waren , machte sie sich mit ihren beiden Händen daran , die runden Fingerchen , die sich so fest in die Locken gekrallt hatten , auseinanderzubiegen . Joachim hielt ganz still , und die kleinen Finger , die sich eben , der Gewalt gehorchend , öffnen mußten , schlossen sich immer wieder . Es war für das Kind ein Spiel . Severina war geduldig , ihre Hände aber zitterten ein wenig , und Joachim saß so ruhig , so atemlos , als belausche er mit allen seinen Sinnen die Empfindung , welche ihm das Wühlen der schönen Frauenhand in seinen Locken verursachte . Plötzlich ließ der Kleine los , ein großer Schmetterling schwebte lautlos nahe vorüber , nach ihm streckten sich die Händchen . Severinas Hände sanken bleischwer herab . Joachim setzte das Kind vorsichtig neben sich ins Gras , und alles blieb stumm und atemlos . Dann sah er Severina an , sie schloß die Augen und verharrte in ihrer knieenden Stellung . Er nahm die beiden Hände , die schlaff an ihrem Gewand niederhingen , und küßte jede wiederholt , zwischen jedem Kuß zu Severina aufblickend . Plötzlich drückte er sein Gesicht gegen ihr Kleid und schlang erschauernd seine Arme um ihre Hüften . So verharrte er wohl eine Minute lang , dann sprang er empor , fiel ihr um den Hals und küßte die zitternden Lippen , die sich ihm entgegen öffneten . » Hast Du mich wirklich so lieb ? « flüsterte er dazwischen .