nicht auf lange mehr . Auch darüber hat Onkel Kurt Anton mit mir gesprochen , namentlich im Hinblick auf die Sellenthiner Mama , die sich , bei seiner letzten Anwesenheit in Rothenmoor , in dieser sie lebhaft beschäftigenden Sache nicht nur mit großer Entschiedenheit , sondern auch mit einem Anflug von Gereiztheit ausgesprochen hat . Ob das Haus Rienäcker vielleicht glaube , daß ein immer kleiner werdender Besitz , nach Art der Sibyllinischen Bücher ( wo sie den Vergleich herhat , weiß ich nicht ) , immer wertvoller würde ? Käthe werde nun zweiundzwanzig , habe den Ton der großen Welt und verfüge mit Hilfe der von ihrer Tante Kielmannsegge herstammenden Erbschaft über ein Vermögen , dessen Zinsbetrag hinter dem Kapitalsbetrag der Rienäckerschen Heide samt Muränensee nicht sehr erheblich zurückbleiben werde . Solche junge Dame lasse man überhaupt nicht warten , am wenigsten aber mit soviel Beharrlichkeit und Seelenruhe . Wenn es Herrn von Rienäcker beliebe , das , was früher darüber von seiten der Familie geplant und gesprochen sei , fallenzulassen und stattgehabte Verabredungen als bloßes Kinderspiel anzusehn , so habe sie nichts dagegen . Herr von Rienäcker sei frei von dem Augenblick an , wo er frei sein wolle . Wenn er aber umgekehrt vorhabe , von dieser unbedingten Rückzugsfreiheit nicht Gebrauch machen zu wollen , so sei es an der Zeit , auch das zu zeigen . Sie wünsche nicht , daß ihre Tochter in das Gerede der Leute komme . Du wirst dem Tone , der hieraus spricht , unschwer entnehmen , daß es durchaus nötig ist , Entschlüsse zu fassen und zu handeln . Was ich wünsche , weißt Du . Meine Wünsche sollen aber nicht verbindlich für Dich sein . Handle , wie Dir eigene Klugheit es eingibt , entscheide Dich so oder so , nur handle überhaupt . Ein Rückzug ist ehrenvoller als fernere Hinausschiebung . Säumst Du länger , so verlieren wir nicht nur die Braut , sondern das Sellenthiner Haus überhaupt und , was noch schlimmer , ja das schlimmste ist , auch die freundlichen und immer hilfebereiten Gesinnungen des Onkels . Meine Gedanken begleiten Dich , möchten sie Dich auch leiten können . Ich wiederhole Dir , es wäre der Weg zu Deinem und unser aller Glück . Womit ich verbleibe Deine Dich liebende Mutter Josephine von R. « Botho , als er gelesen , war in großer Erregung . Es war so , wie der Brief es aussprach , und ein Hinausschieben nicht länger möglich . Es stand nicht gut mit dem Rienäckerschen Vermögen , und Verlegenheiten waren da , die durch eigne Klugheit und Energie zu heben er durchaus nicht die Kraft in sich fühlte . » Wer bin ich ? Durchschnittsmensch aus der sogenannten Obersphäre der Gesellschaft . Und was kann ich ? Ich kann ein Pferd stallmeistern , einen Kapaun tranchieren und ein Jeu machen . Das ist alles , und so hab ich denn die Wahl zwischen Kunstreiter , Oberkellner und Croupier . Höchstens kommt noch der Troupier hinzu , wenn ich in eine Fremdenlegion eintreten will . Und Lene dann mit mir als Tochter des Regiments . Ich sehe sie schon in kurzem Rock und Hackenstiefeln und ein Tönnchen auf dem Rücken . « In diesem Tone sprach er weiter und gefiel sich darin , sich bittre Dinge zu sagen . Endlich aber zog er die Klingel und beorderte sein Pferd , weil er ausreiten wolle . Und nicht lange , so hielt seine prächtige Fuchsstute draußen , ein Geschenk des Onkels , zugleich der Neid der Kameraden . Er hob sich in den Sattel , gab dem Burschen einige Weisungen und ritt auf die Moabiter Brücke zu , nach deren Passierung er in einen breiten , über Fenn und Feld in die Jungfernheide hinüberführenden Weg einlenkte . Hier ließ er sein Pferd aus dem Trab in den Schritt fallen und nahm sich , während er bis dahin allerhand unklaren Gedanken nachgehangen hatte , mit jedem Augen blicke fester und schärfer ins Verhör . » Was ist es denn , was mich hindert , den Schritt zu tun , den alle Welt erwartet ? Will ich Lene heiraten ? Nein . Hab ich ' s ihr versprochen ? Nein . Erwartet sie ' s ? Nein . Oder wird uns die Trennung leichter , wenn ich sie hinausschiebe ? Nein . Immer nein und wieder nein . Und doch säume und schwanke ich , das eine zu tun , was durchaus getan werden muß . Und weshalb säume ich ? Woher diese Schwankungen und Vertagungen ? Törichte Frage . Weil ich sie liebe . « Kanonenschüsse , die vom Tegler Schießplatz herüberklangen , unterbrachen hier sein Selbstgespräch , und erst als er das momentan unruhig gewordene Pferd wieder beruhigt hatte , nahm er den früheren Gedankengang wieder auf und wiederholte : » Weil ich sie liebe ! Ja . Und warum soll ich mich dieser Neigung schämen ? Das Gefühl ist souverän , und die Tatsache , daß man liebt , ist auch das Recht dazu , möge die Welt noch so sehr den Kopf darüber schütteln oder von Rätsel sprechen . Übrigens ist es kein Rätsel , und wenn doch , so kann ich es lösen . Jeder Mensch ist seiner Natur nach auf bestimmte , mitunter sehr , sehr kleine Dinge gestellt , Dinge , die , trotzdem sie klein sind , für ihn das Leben oder doch des Lebens Bestes bedeuten . Und dies Beste heißt mir Einfachheit , Wahrheit , Natürlichkeit . Das alles hat Lene , damit hat sie mir ' s angetan , da liegt der Zauber , aus dem mich zu lösen mir jetzt so schwerfällt . « In diesem Augenblicke stutzte sein Pferd , und er wurde eines aus einem Wiesenstreifen aufgescheuchten Hasen gewahr , der dicht vor ihm auf die Jungfernheide zujagte . Neugierig sah er ihm nach und nahm seine Betrachtungen erst wieder auf , als der Flüchtige zwischen den Stämmen der Heide verschwunden