sich im Spiegel , der schief an der Thür hing . » Mit meiner Nase scheint eine bedenkliche Umfärbung vorzugehen . Das keusche Weiß weicht einem schamhaften Roth . Auch die Augen gefallen mir nicht . Unschöne bläuliche Ringe . Und der müde Schnurrbart ... « Schlichting , ohne von seiner Schreiberei aufzublicken : » Natürlich , wenn man ganze Nächte durchkneipt ... Als Zecher wenigstens bist Du groß ... Pernoctari ... hm ... « » Zum Teufel , was schmierst Du denn da zusammen ? Dauert ' s noch lange ? Zeig ' mal her ! « » Gleich ! « » Ah , mein Lieber , das ist eine harte Geduldsprobe . Weiht was , ich geh ' einstweilen allein - die Isar entlang ; es schwant mir , als gäb ' s im Ketterl oder nebenan im grünen Baum einen famosen frischen Anstich . Meinst Du nicht ? Ich lass ' Dir eine schäumende Ganze steigen . In einer kleinen Stunde bin ich wieder zurück . « » Geht nicht , ist gegen unser Nachmittags-Programm , « entgegnete Schlichting mit ruhiger Bestimmtheit und steckte eine neue Stahlfeder in den Halter . » Ich kenne Deine kleine Stunde - hinter dem Maßkrug . Wolltest Du mich nicht auf einen Sprung zum Doktor Trostberg und zum Bildhauer Achthuber begleiten ? « » Gut , so lass ' uns gehen ! Ehrlich gesagt , bin ich heute recht flau aufgelegt , neue Sonderlings-Bekanntschaften zu machen . Ich habe einstweilen an Dir vollauf genug . Und dann gleich zwei Originale auf einmal , das verdau ' ich nicht . Ich meine , der Trostberg allein thut ' s auch ; ich muß mich heute schonen . Es ist ja recht schön von Dir , meine Menschenkenntnis erweitern zu helfen , - aber nicht immer gleich des Guten zu viel . Hoffentlich ist dieser Geheimdichter des Königs und Schopenhauerianer wenigstens ein trinkbarer Mann und setzt uns nicht bloß alte Schrullen , sondern auch einen frischen Suff vor . Also gehen wir , mit Gott , für König und Vaterland ! « » Ist noch um dreißig Minuten zu früh . « » Du bist ein Pedant . Hätt ' ich nur nicht dieses verdammte Brennen im Hals - und dazu dieses durstige Frühlingswetter . « » Für Deine Kehle ist das ganze Jahr Frühlingswetter . « » Gott sei Dank ja ! « rief Kuglmeier entzückt , drehte sich auf einem Bein und fuhr dann mit den ausgespreizten Fingern seinem Freund Schlichting in das braune Haargelock . » Ewiger Frühling , so lange der Zapfen aus dem Spundloch fliegt - davon verstehst Du Grübler freilich nichts . Eigentlich solltest Du nicht Schlichting heißen , sondern Nüchterling . Bist ein herzensguter Bursch , aber trinken kannst halt nicht . Das fehlt Dir zu Deiner menschlichen und bayerischen Vollendung . « » O , nicht so ganz ! Aber lass ' mich doch ! Nur noch eine halbe Seite ... « Kugelmeier legte ihm von hinten den Arm um den Hals und zupfte ihn am Ohr . » Weißt Du , Du bist wie die Sommervögelein , von denen es im Liede heißt : Sie aßen Licht und tranken Tau . Drum wirst auch immer schlanker . Dein Kopf ist das Größte an Dir und Deine braunen schwermütigen Augen ... « » Wie an Dir das . Größte - « » Der Bauch ? Nun , sprich ' s nur gelassen aus , das große Wort ! « Und Kuglmeier lachte und patschte mit beiden Händen auf seinen Leib . » Ja , das verspricht eine imposante Entwickelung . Aber weißt Du , was noch größer ist ? Gelt , das errätst Du nicht ? Meine Geduld ! « Bei diesem Worte versuchte er von hinten den Stuhl zu heben . Schlichting stemmte sich gegen den Tisch . Dann warf er die Feder weg . » Quälgeist ! « » Also darf ich lesen ? « » Meinetwegen . « Kuglmeier nahm die Blätter und kugelte sich damit wieder in ' s Bett . Schlichting legte sich inzwischen zum Fenster hinaus und ließ die Zweige des Rosmarinbusches durch die Finger gleiten mit zartem Reiben , wie liebkosend . Ein herbsüßer , würziger Duft hauchte ihm entgegen . Gedämpft rauschte die Isar herüber ... Kuglmeier las , auf dem Rücken liegend , halblaut vor sich hin . * * * Es ist ein vierstöckiger , neuer Mietsbau im unteren Isarsträßchen , nur vier Fenster in der Front , so daß der Steinkasten , den dazu noch uralte einstöckige Knallhütten mit windschiefen , mosigen Schindeldächern flankieren , viel höher aussieht , als er wirklich ist . Mit seinen fensterlosen , rotbraunen Backstein-Seitenmauern , die immer noch vergeblich auf Anbau harren , ragt er wie ein Symbol moderner Ungemütlichkeit und poesieverlassener , plumper Spekulationsbauerei über das romantische hölzerne Winkelwerk des armseligen Stadtviertels , das sich planlos , von Mühlbächen und krummen ungepflasterten Gäßchen durchzogen , an die Isar nördlich von der Maximiliansbrücke herandrückt , - eine Ansiedelei von armen Teufeln , die instinktiv zusammenrücken , um sich warm zu halten , wenn vor Winterskälte Stein und Bein kracht , und sich den Buckel zu wärmen im traulichen Neben- und Durcheinander , wenn die Sommersonne feuernd über dem Isarthale steht . Eine stille , träumende Welt für sich , in welche erst an einzelnen Stellen die moderne Zeit hineingegriffen hat , um da einen eisernen Gaslaternenpfahl aufzurichten , dort einen hohen Steinkasten als Mietsbau hinzustellen , da einen Bach brückenmäßig zu überwölben , dort ein Stückchen Pflaster auf den Erdboden zu legen , wo sich höckerige Gäßchen kreuzen . Abseits vom Großverkehr liegend , hat sich für die sorgsamen Väter der Stadt noch keine Notwendigkeit ergeben , planmäßig und gründlich umgestaltend sich mit diesem alten Wasservorstadt-Überbleibsel einzulassen . Die eigentliche Herrschaft über die mehrere tausend Köpfe zählende Bevölkerung dieser romantischen Ansiedlung führen die Franziskaner vom nahen Lehel-Kloster , unterstützt im Notfalle von der kleinen Kriegsmacht der Gendarmerie ,