» Brav , mein Junge ! Ein tapferer kleiner Kerl ! Da ist Kraft und Selbstbewußtsein drin ! « - nickte Margarete vor sich hin . » Was sagt denn aber die Großmama ? « » Ja , die Frau Amtsrätin , die ist freilich toll und böse , und der junge Herr erst - ach , ach ! « sie fuhr mit der Hand durch die Luft - » da gibt ' s viel böses Blut ! Aber es hilft alles nichts , und wenn ' s noch so deutlich durch die Blume gegeben wird , der Herr Kommerzienrat hat keine Ohren ... Ich glaube , im Anfang hat er ' s gar nicht gesehen , daß das fremde Kind da ' rumgelaufen ist , wo ' s nicht hingehört - er ist ja immer so in tiefen Gedanken - das kömmt vom schwarzen Geblüt , Fräulein , nur davon ! Nun ja , und solche Leute sehen manchmal nicht rechts und nicht links , und andere Menschen sind für sie nicht auf der Welt . Wie ' s ihm aber doch endlich beigebracht worden ist , da hat er gesagt , sie sollten das Kind nur spielen lassen , wo es wollte , der Hof wär ' groß genug - und dabei ist ' s geblieben , und der Aerger muß ' nuntergewürgt werden . « Sie nahm eine Stecknadel aus ihrem Halstuch und steckte eine halbgelöste Schleife am Kleid der jungen Dame fest ; dann zupfte sie die Spitze am Halsausschnitt zurecht und strich mit beiden Händen glättend über den etwas zerknitterten Seidenrock . » So , nun kann ' s losgehen ! « sagte sie zurücktretend . » Die werden gucken da oben ! so unverhofft und so mitten hinein in die große Gesellschaft - « Margarete schüttelte den Kopf , daß die Locken flogen . Das war nun freilich nicht nach dem Sinn der alten Köchin . Es sei heute » extra schön « oben , meinte sie , und beim Champagner würde es wohl richtig gemacht worden sein zwischen der vom Hofe und dem Herrn Landrat ... » Ein paar schöne Menschen , Fräulein , und eine große Ehre für die Familie ! « schloß sie ihre Mitteilungen . » Gesehen hab ' ich freilich von der ganzen Herrlichkeit noch nichts , ich in meiner Küche hier unten ; aber die Leute sagen ' s , und die Neidhammel in der Stadt sagen auch , die Frau Amtsrätin würde ja wohl noch zerplatzen vor lauter Hochmut ... Ja , die losen Mäuler ! Der Mensch kann sich nicht genug in acht nehmen ! « ... Mit diesen Worten nahm sie eine Tischlampe vom Sims , um sie für Margarete anzubrennen ; aber die junge Dame verbat sich alle Beleuchtung . Sie wollte im Dunkeln warten , bis droben alles vorüber sei und stieg wieder auf den Fenstertritt in der Wohnstube . Da saß sie nun und sann ; und zu allem , was durch den jungen Kopf flog , sagte die alte Uhr ihr ruhiges , gleichmäßiges Ticktack und ebnete gleichsam die hochgehenden Wogen in der Seele . Reinholds Gehässigkeit und sein und der Großmama Hochmut machten ihr das Blut wallen ; aber es wurde niedergekämpft - nein , die Heimkehr in das väterliche Haus ließ sie sich absolut nicht verbittern ! Fort mit der unerquicklichen Wahrnehmung ! ... Da war das Gesicht der schönen Dame vom Hofe , das hatte nichts Aufregendes ! Sie mußte sehr überlegenen Verstandes oder eine phlegmatische Natur sein , diese herzogliche Nichte mit der unbeschreiblichen Ruhe und Gelassenheit in Zügen und Gebärden ... Früher hatte man kaum um die Existenz der schönen Heloise von Taubeneck gewußt . Prinz Ludwig hatte einen hohen preußischen Militärposten bekleidet und seinen Wohnsitz in Koblenz gehabt . Nur selten war er an den heimischen Hof gekommen , und das den apanagierten Prinzen des herzoglichen Hauses zur Verfügung gestellte Landschlößchen , der Prinzenhof , hatte lange Jahre unbewohnt gestanden . Es lag außerhalb der Stadt am Fuße eines ehemaligen Burgberges , den noch einzelne Mauertrümmer krönten , und war ein einstöckiger Rokokobau mit Mansarde und den nötigen Remisen und Stallungen , die unter dem Laubdach herrlicher alter Nußbäume völlig verschwanden , während sich vor der geschnörkelten Vorderfront ein hübsches , mit Blumengruppen und Statuen geschmücktes Rosenparterre hinzog . Vom Dambacher Pavillon aus konnte man ja den Prinzenhof fast greifbar nahe liegen sehen . Nun war er wieder bewohnt , und Tante Sophie hatte in Berlin viel von dieser Veränderung gesprochen . Die Witwe des Prinzen Ludwig war froh gewesen , nach seinem Tode hier » unterkriechen « zu können , wie sich der Kleinstädter insgeheim drastisch genug ausdrückte ; denn an Barem hatte der Verstorbene so gut wie nichts hinterlassen , und die Witwenpension war keine allzugroße . Wie man aber wußte , hatte das herzogliche Paar eine warme Zuneigung zu der jungen verwaisten Nichte gefaßt , und vorzugsweise aus dem Grunde mochte es wohl geschehen , daß den beiden Damen Subsistenzmittel zuflossen und Vorrechte zugestanden wurden , auf die sonst nur Ebenbürtige Anspruch hatten . Nun , die Equipage , die eben über den Markt heranbrauste , und draußen vor der Thüre hielt , war elegant genug , um ein fürstliches Geschenk zu sein . Der offene Wagen funkelte und glitzerte im Gaslicht , und das feurige Gespann schnaubte und stampfte vor Ungeduld . Es währte geraume Zeit , bis man sich droben entschloß , aufzubrechen , bis das Stimmengeräusch der Gesellschaft die Treppe herabkam , und der große Flügel des Hausthores zurückgeschlagen wurde , um den starken Lichtschein der Flurlampen auf das Trottoir draußen strömen zu lassen . In diese grelle Beleuchtung trat zuerst die Baronin Taubeneck und watschelte an Herberts Arm nach dem Wagen . Sie war von einer übermäßigen Korpulenz , und die Tochter , die ihr folgte , mochte ihr später darin ähnlich werden . Jetzt freilich hatte ihre hohe , volle Gestalt noch schöne , ebenmäßige Linien .