aber eilte ich trepphinunter aus dem Hause , wo ich meinen Quälgeist ungeduldig meiner wartend fand . » Hast du es getan ? « rief er mir entgegen . » Ja freilich « , erwiderte ich mit leichterm Herzen . » Das ist nicht wahr « , sagte er wieder , » sie sitzt ja die ganze Zeit an jenem Fenster dort und hat sich nicht gerührt . « Wirklich war die schöne Frau hinter dem glänzenden Fenster sichtbar und gerade in der Gegend des Hauses , wo jene Zimmertür sein mochte . Ich erschrak heftig , sagte aber : » Ich schwöre dir , ich habe die Kette und das Armband zu ihren Füßen gelegt und den Ring an ihren Finger gesteckt ! « - » Bei Gott ? « - » Ja , bei Gott ! « rief ich . » Nun mußt du ihr aber noch eine Kußhand zuwerfen , und wenn du es nicht tust , so hast du falsch geschworen ; sieh , sie schaut gerade herunter ! « Wirklich ruhten ihre glänzenden Augen auf uns ; aber der Einfall meines Freundes war ein teuflischer ; denn lieber hätte ich dem Teufel selbst ins Gesicht gespieen , als diese Zumutung erfüllt . Durch meinen jesuitischen Schwur war ich aber erst recht in die Klemme geraten , es gab keinen Ausweg . Rasch küßte ich meine Hand und bewegte sie gegen das Fenster hinauf . Das Mädchen hatte uns aufmerksam angesehen und lachte nun ganz unbändig , indem es freundlich herunternickte ; doch ich lief , so schnell ich konnte , davon . Das Maß war gefüllt , und als mein Gefährte mich in der nächsten Straße wieder erreichte , trat ich vor ihn hin und sagte : » Wie ist ' s eigentlich mit deiner Salamiwurst ? Meinst du , dieselbe sei hinreichend , dergleichen Sachen , wie ich bestehe , das Gegengewicht zu halten ? « Damit warf ich ihn unversehens nieder und schlug ihn mit der Faust ins Gesicht , bis mich ein Mann weghob und rief : » Die Teufelsjungen müssen sich doch immer raufen ! « Das war das allererste Mal in meinem Leben , daß ich einen Schul- und Jugendgenossen schlug ; ich konnte denselben nicht mehr ansehen , und zugleich war ich vom Lügen für einmal gründlich geheilt . In dem lesebeflissenen Hause wurden indessen der Vorrat an schlechten Büchern und die Torheit immer größer . Die Alten sahen mit seltsamer Freude zu , wie die armen Töchter immer tiefer in ein einfältig verbuhltes Wesen hineingerieten , Liebhaber auf Liebhaber wechselten und doch von keinem heimgeführt wurden , so daß sie mitten in der übelriechenden Bibliothek sitzenblieben mit einer Herde kleiner Kinder , welche mit den zerlesenen Büchern spielten und dieselben zerrissen . Die Lesewut wuchs nichtsdestominder fortwährend , weil sie nun Zank , Not und Sorge vergessen ließ , so daß man in der Behausung nichts sah als Bücher , aufgehängte Windeln und die viefältigen Erinnerungen an die Galanterie der ungetreuen Ritter , wie gemalte Blumenkränze mit Sprüchen , Stammbücher voll verliebter Verse und Freundschaftstempel , künstliche Ostereier , in welchen ein kleiner Amor verborgen lag , und dergleichen . Alles in allem genommen will es mir scheinen , daß auch dieses Elend sowohl wie das entgegengesetzte Extrem , die religiöse Sektiererei und das fanatische Bibelauslegen armer Leute , wie ich es im Hause der Frau Margret fand , nur die Spur derselben Herzensbedürfnisse und das Suchen nach einer besseren Wirklichkeit gewesen sei . Bei dem Sohne dieses Hauses machte sich , als er größer wurde , die vielgeübte Phantasie auf andere , nicht minder bedenkliche Weise geltend . Er wurde sehr genußsüchtig , lag schon als Handelslehrling in den Wirtshäusern als ein eifriger Spieler und war bei jedem öffentlichen Vergnügen zu sehen . Dazu brauchte er viel Geld , und um sich dieses zu verschaffen , verfiel er auf die sonderbarsten Erfindungen , Lügen und Ränke , welche ihm nur eine Art Fortsetzung der früheren Romantik waren . Jedoch hielt dies nur halb verdächtige Treiben nicht lange vor , vielmehr sah er sich bald darauf verwiesen , zuzugreifen , wo er konnte . Denn er gehörte zu jenen Menschen , die nicht gesonnen sind , sich in ihren Begierden im mindesten zu beschränken , und in der Gemeinheit ihrer Gesinnung dem Nächsten mit List oder Gewalt das entreißen , was er gutwillig nicht lassen will . Diese niedere Gesinnung ist gleichmäßig der Ursprung scheinbar ganz verschiedener Erscheinungen . Sie beseelt den ungeliebten Herrscher , der , in seinem Dasein jedem Kind im Lande ein Überdruß , doch nicht von seiner Stelle weicht und nicht zu stolz ist , sich vom Herzblute des verachteten und gehaßten Volkes zu nähren ; sie ist der Kern der Leidenschaftlichkeit eines Verliebten , welcher , nachdem er einmal die bestimmte Erklärung der Nichterwiderung erhalten hat , sich nicht sogleich bescheidet , sondern mit gewaltsamer Aufdringlichkeit ein fremdes Leben verbittert ; wie in allen diesen Zügen lebt sie endlich auch in der Selbstsucht des Betrügers und Diebes jeglicher Art , groß und klein ; überall ist sie ein unverschämtes Zugreifen , zu welchem mein ehemaliger Gefährte nun auch seine Zuflucht nahm . Ich hatte ihn im Verlaufe der Zeit ganz aus den Augen verloren , während er schon mehrere Male im Gefängnisse gesessen hatte , und dachte eines Tages an nichts weniger als an ihn , da ich einen verkommenen Menschen durch die Häscher dem Zuchthause zuführen sah . In demselben ist er seither gestorben . Dreizehntes Kapitel Waffenfrühling . Frühes Verschulden Ich war nun zwölf Jahre alt , so daß meine Mutter auf meine weitere Schulbildung denken mußte . Der Plan des Vaters , daß ich der Reihe nach die von gemeinnützigen Vereinen begründeten Privatanstalten besuchen sollte , war nun zerschnitten , indem dieselben inzwischen durch wohleingerichtete öffentliche Schulen überflüssig geworden ; denn die abermalige Regeneration der Schweiz hatte zuerst auf diesen Punkt ihr Augenmerk gerichtet . Der alte Gelehrten- und Lehrerstand