welcher den Menschen von dem Menschen abzieht und den er dem Erklimmen unwirtlicher Gletschergipfel verglich . Es war Konstantin Blümel nicht gegeben , den Begleitstern eines Fixsterns zu entdecken oder seine Bahnelemente auch nur hypothetisch festzustellen . Wäre es ihm aber gegeben gewesen , würde er höchstwahrscheinlich die Mühe der Entdeckung und selber der Hypothese sich erspart und während der Zeit seine alten Heiden und neuen Christen auf den Gehalt der Bergpredigt hin geprüft oder seine Rosenstöcke okuliert haben . Wie aber der Größenwahn in der Himmelsforschung ihm widerstand , so wies er als einen Liebeswahn auch im eigenen Herzen die Versuchung zurück , sich auf einer jener fernen Welten eines leibhaftigen Wiedersehens seiner Vorangegangenen zu getrösten . Denn unsere Heimkehr ist in Gott und Gott ein Geist , der wohl seinen Willen , aber nicht sein Wesen zu offenbaren uns Menschen fähig und würdig erachtet hat . In Schauern der Unendlichkeit sich entzücken beim Aufblick zum nächtlichen Sternenhimmel ; lieben , auch als Symbol , die wärmende Leuchte , die aus dem Erdenstaube neues Leben weckt , das und nicht mehr hieß ihm menschliches Teilhaben an jenen unerreichbaren Weltenräumen , und mit vorlauter Neugier , mit plumpem Werkzeug sich in ihre Bahnen drängen , hieß ihm den Adel ihrer Poesie , den Zauber ihrer Heimlichkeit entweihen . Darum waren es auch nur vorübergehende Bedenken , welche ihm bei seines Pfleglings eigenmächtigem Kalendarium oder seinem Vorsprung in den vier Spezies auf Kantor Beyfußens Schulbank aufstießen , und ferne lag es ihm , aus ihnen den Schluß auf eine Dissonanz für seine Zukunft zu ziehen . Nicht zu einem Arbeiter im Geist , zu einem verständnisvollen , gesitteten Arbeiter in Feld und Flur ihn heranzubilden , hatte er den Knaben an seine Hand genommen , und der ruhig starke Pulsschlag , den er in dem jungen Herzen spürte , galt ihm als Bürge , daß es sich von seinem natürlichen Grunde nicht verirren werde . Weise aber war es , mütterlichen Hirngespinsten , die sich gar leicht dem Kindergemüte einnisten , von vornherein zu steuern ; weise , auch nach außenhin , den Knaben seinem Ursprung und seiner Bestimmung gemäß heranzuziehen ; und wenn der Hirtensohn seinem geistlichen Vater eine Wohltat mehr als die andere gedankt hat , so ist es die Pflege des schlichten Sinnes , der sein mütterliches Erbteil war und der dem Durchbruch seines Wesens aus dem Dunkel zum Licht Raum und Freiheit wahrte . Mutter Hanna verstand und liebte es , ihre Töchter - und das hübsche Nesthäkchen zumal - zierlich zu kleiden . Sie hätte fürs Leben gern auch mit ihrem Sohne ein bißchen Staat gemacht . Wie schicklich ließen sich aus Konstantins abgelegtem Zeug Pumphöschen und Wämschen für den Mus zurechtstutzen ! Aber der Mus trug noch als Dezem , und sogar Sonntags , einen blauen Leinenkittel , reinlicher , aber nicht zierlicher wie der ärmste Frönersohn ; er schlief , schon da er noch Mus hieß , allein in einer kalten Bodenkammer , und wenn Schwester Ma , die ein Leckermäulchen war , ihre Semmel nicht dick genug mit Butter gestrichen und womöglich noch Honig darauf haben wollte , so tunkte Bruder Mus ein Stück Schwarzbrot in seine Morgen- und Abendmilch , ohne nach Butter und Honig zu lechzen . Bis zu Tränen hat es ihn aber oftmals gerührt , wenn er seine Pastormutter , um nichts vor ihrem lieben Jungen vorauszuhaben , auch nur ein Stück Schwarzbrot tunken sah . Er wußte , er war ein armes Waisenkind , und wenn er groß war , diente er als Knecht auf einem Bauernhofe . Seine stolzen Patenaussichten waren gleich luftigen Schemen verflogen . Denn während unter einem liebreichen Walten im Pfarrhause alles Gute zum Besseren sich entwickelt hatte , war im befreundeten Amtshause die Skala des Friedens und der Freude tief unter Null gesunken , seitdem Mutter Rosine zu ihrem winkenden Hannes in den Himmel gegangen . Pate Mus spürte den schlimmen Wandel zum ersten Male , als er an der Hand seiner Pastormutter der Leiche folgte und sein Herr Vizegevatter , der ihm bisher allezeit lachend einen Klaps auf die Backe gegeben und » Mosjö Verwalter « genannt hatte , heute , als Hauptleidtragender , ihn mit einem grimmigen Blick beiseitestieß und » Zudringlicher Bengel ! « zwischen den Zähnen murmelte . Die schlimme Wandlung hatte indessen eine Vorgeschichte , die fast so alt wie Pate Mus selber war . Seit bei dem Besuche des geistlichen Hartenstein ein erster undeutlicher Schatten in Johann Mehlborns stolzes Gemüt gefallen war , sah er die Ehe seiner Tochter in einem getrübten Lichte , das bei den geringfügigsten Anlässen nachdunkelte . Der spekulative Bauer hatte die exzellenzliche Spekulation auf ein von Schulden befreites Erbgut klar genug durchschaut und sie nicht minder berechtigt erachtet wie seine eigene väterliche Spekulation auf ein freiherrliches Wappenschild . Aber , wohlgemerkt ! fest in der Hand , gleich einer Goldbarre , mußte das Besitztum gehalten werden , nicht flüssig wie Quecksilber zwischen den Fingern zerrinnen . Darum hatte er wohl eine Zeitlang die Wechsel des Generals , der Universalerbe seiner Gemahlin war , honoriert , sein Darlehn auf das Gut eintragen lassen und die Zinsen vom Pachtschilling abgezogen . Als sein Guthaben jedoch so hoch angeschwollen war , daß die Zinsen den Pachtschilling überstiegen , protestierte er die Wechsel und öffnete seine väterliche Hand nur noch zu der im Heiratskontrakt bedingten äußerst mäßigen Rente ; ein , wie er meinte , unfehlbares Mittel , das Gut , das er buchstäblich in der Tasche hatte , auch dem Namen nach an sich zu bringen . Daß das Werbensche Erbe , welches die Hartenstein verschleudert hatten , aus Mehlbornscher Hand auf beider Enkel übergehe , das war nun einmal eine von den fixen Ideen , deren vielleicht nur ein so harter Bauernschädel wie Johann Mehlborns fähig ist . Wohlgemerkt aber auch zum zweiten : der Blutsfreundschaft seiner Tochter mußte die Ehre angetan werden , welche den faktischen Besitzern zweier Rittergüter und eines Geldkastens ,