des ersten Stockes Nannette und ihre Tochter beim Abendessen . Regula hatte keinen Appetit und machte schon zum zweitenmal die Bemerkung , daß Graf Ronald ein angenehmer , aber doch gar stiller und schweigsamer junger Mann sei . Mit ihr zum Beispiel habe er keine Silbe gesprochen . Nannette legte das Stückchen Brot , das sie eben im Begriffe war in den Mund zu stecken , auf den Tisch , betrachtete es eine Weile tiefsinnig und sagte , indem sie einen fast schalkhaften Blick auf ihre Tochter warf , nichts könnte mehr für ihn sprechen , als - daß er nicht gesprochen habe . In ihrem Zimmer , im zweiten Geschosse des Hauses , saß Bozena bei einer flackernden Kerze und nähte an einem Kinderkleidchen . Neben ihrem großen Bette stand ein kleines , das einst Rosa gehört hatte , als diese noch ein Kind war . Jetzt schlief ihr verwaistes Töchterchen darin . Sie selbst aber , und ihrer gedachte Bozena in dieser Stunde , sie schlief am Fuße des Negoi , in einem stillen Alpentale im fernen Grabe . Dort ruhte sie , umsungen von den geheimnisvollen Liedern des Sturmes , umhüllt von der schimmernden Decke des Schnees , für alle tot ; nur lebend noch in der Erinnerung einer armen Magd und in den Träumen eines schlafenden Kindes . Mansuet hatte recht gehabt . Nannette hütete sich wohl , Bozena zu entlassen . Sie war viel zu klug , um sich über ihre geringe Befähigung zur Ausübung des Hausfrauenberufes zu täuschen , und daß Regel in diesem Punkte in ihre Fußtapfen trat , wußte sie ebenfalls . So konnte ihr nichts willkommener sein als Bozenas tätige und umsichtige Hilfe . Und nicht nur praktischen , auch moralischen Vorteil schaffte deren Gegenwart . Daß Frau Heißenstein das Kind und die Magd der entlaufenen Stieftochter , die ihr eigener Vater verstoßen , aufgenommen hatte , erregte die Bewunderung der ganzen Stadt . Sich ein Verdienst aus einer Handlung machen , die ihr zum Nutzen gereichte , wie entsprach das Nannettens Neigungen ! Bozena trachtete » der Frau « das kleine Röschen soviel als möglich aus den Augen zu schaffen , denn sein Anblick berührte die Stiefgroßmutter sehr unangenehm . Um keinen Preis jedoch hätte Bozena zugegeben , daß es auch nur einmal heißen könne , sie habe dem Kinde zuliebe das geringste im Dienste Nannettens oder Regulas versäumt . So traf es sich , daß , infolge einer schweigenden Übereinkunft zwischen der Magd und ihrem alten Gönner , dieser sehr oft die Stelle einer Wärterin und eines Hofmeisters bei der Kleinen versah . Er weihte sie in die Geheimnisse des Lesens und Schreibens ein , lehrte sie die Volkshymne singen , führte sie sonntags zur Kirche und war täglich in der Mittagsstunde mit ihr auf der Promenade zu sehen . Und wie stolz schritt er da neben ihr einher ! So schreitet nur noch ein ruhmbedeckter Kanonier neben der schönen Köchin seines Herzens . Der sechzigjährige Mansuet lebte auf in der Liebe zu Röschen ; diese neue Leidenschaft stellte sogar seine alte Neigung für Bozena in den Schatten . Ja , ja - es ist nicht zu leugnen : allmächtig wirkt der Reiz der Jugend , unwiderstehlich der Zauber der Anmut , er bezwingt selbst die gefeite Seele , und : » ein gebrechlich Wesen ist « - der Mann . Woche um Woche verging , Monat um Monat . Im Hause Heißenstein wurde es immer stiller , denn seine Gebieterin kränkelte und siechte dahin . Tiefe Melancholie hatte sich ihrer seit dem Tode ihres Mannes bemächtigt . » Er zieht sie nach « , sagten die Leute . Sie nahm sichtbar ab ; wenn man sie aber fragte , ob sie sich krank fühle , erwiderte sie fast erschrocken , sie habe sich niemals besser befunden . Der Arzt meinte , ihre Nerven seien angegriffen , der herannahende Frühling , der häufige Aufenthalt in freier Luft werde sie herstellen . Der Frühling kam , doch brachte er keine Veränderung im Befinden Nannettens herbei . Sie litt an Schlaflosigkeit , sie fieberte . Eines Tages ließ sie Doktor Wenzel rufen und ersuchte ihn , alle gesetzlichen Schritte einzuleiten , um Regula , die im Begriffe stand , in ihr zwanzigstes Jahr zu treten , großjährig sprechen zu lassen . Nannette sah der Erfüllung dieses Wunsches mit einer Ungeduld entgegen , die wohl verriet , daß sie keineswegs so ruhig über ihren Gesundheitszustand war , wie sie vorgab . Was sie quälte , war aber nicht die Furcht vor dem Tode , sondern eine peinliche Erinnerung , von der sie sich vergeblich loszumachen suchte . Sie wurde , was sie niemals gewesen war , zerstreuungsbedürftig und zu gleicher Zeit außerordentlich fromm . Sie brachte , trotz aller Warnungen des Arztes , der die größte Schonung empfahl , ihre Tage damit zu , ihre Bekannten und die Kirchen zu besuchen . Erschöpft oder aufgeregt kehrte sie heim , niemals jedoch aufgeregter , als wenn sie aus dem Beichtstuhle kam . An solchen Tagen wirkte der Anblick Röschens wie der eines Schrecknisses auf sie . Niemand konnte sich das erklären , nur Bozena sagte zu Mansuet , sie verstehe es wohl . Bozena war übrigens die Vorsicht selbst ; niemals kam ein Wort über ihre Lippen , das auch nur dem Schatten eines Vorwurfs gegen » die Frau « geglichen hätte . Der Arzt fand endlich einen Namen für Nannettens Krankheit , er nannte es ein Zehrfieber und erteilte seiner Patientin den Rat , nach der Schweiz zu reisen . » Werde ich dort gesund ? stehen Sie mir dafür ? « fragte sie und rief , als er eine ausweichende Antwort gegeben hatte : » Schon gut , schon gut . Lassen Sie mich zu Hause ... « Sie vollendete den Satz nicht , warf einen feindlichen Blick auf den Arzt und entließ ihn . Er ging , durchdrungen von Bewunderung für die starkmütige Frau , und sorgte für die Verbreitung