also , vor etwa zweihundert Jahren sieht die Frau des Jägers Ferber , als sie in der Morgenfrühe die Hausthür aufmacht - - dieselbe , die jetzt auch mein Hab und Gut verschließt - ein Kindlein auf der Schwelle liegen . Heisa , die hat die Thür wacker zugeschlagen , denn damals hat sich viel Zigeunergesindel in den Wäldern umhergetrieben , und sie hat gemeint , es sei solch ein unreines Wesen . Ihr Mann aber war christlicher , er hat das Kind hereingeholt , es war kaum einen Tag alt . Auf seiner Brust hat ein Zettel gelegen , der hat gesagt , man möge sich des kleinen Knaben annehmen , er sei ehelich geboren und habe in der heiligen Taufe den Namen Hans erhalten , man werde später näheres über das Kind erfahren . In dem Wickelkissen hat auch ein Beutelchen mit etwas Geld gesteckt . Die Jägersfrau ist sonst ein gutes Weib gewesen , und als sie gehört hat , daß der Knabe von christlichen Eltern und wahrscheinlich ein ehrlich Soldatenkind sei , das wohl die Eltern ausgesetzt hatten , um es nicht in die Gefahren des Krieges zu bringen , da hat sie ihn an ihr Herz genommen und mit ihrem kleinen Mädchen aufgezogen , als ob sie Geschwister seien . Und das war sein Glück , denn es hat sich keine Menschenseele von seinen Verwandten wieder um ihn gekümmert . Später hat ihn sein Pflegevater adoptiert , und um sein Glück vollzumachen , hat er auch sein schönes Milchschwesterlein heimführen dürfen . Er sowohl wie auch sein Sohn und ein Enkel haben als Jäger derer von Gnadewitz in meiner jetzigen Wohnung darin gelebt und sind auch darin gestorben . Erst mein Großvater ist auf die Besitzung nach Schlesien versetzt worden ... Als Knabe ärgerte ich mich immer unbeschreiblich , daß nicht nach so und so viel Jahren eine gräfliche Mutter aufgetaucht war , die in dem Findlinge ihr durch Bosheit geraubtes Kind erkannt und ihn triumphierend in ihr Schloß zurückgeführt hatte . Diese fehlende romantische Wendung im Geschicke unseres Ahnherrn habe ich freilich später um so lieber verschmerzt , als mir der Gedanke kam , daß mein Erscheinen auf dieser schönen Welt dann doch vielleicht ein sehr zweifelhaftes sei ; auch gefiel mir mein wackerer Name zu gut , als daß ich einen anderen hätte führen mögen ... Aber wunderbar war mir doch zu Mute , als ich zum erstenmal die Schwelle überschritt , auf welcher der kleine Ausgesetzte wohl den hilflosesten Augenblick seines Lebens verbringen mußte ; seine natürlichen Versorger hatten ihn verlassen , und das Mitleid hatte ihre Stelle noch nicht eingenommen ... Der tief ausgetretene Stein ist ohne Zweifel noch derselbe , auf dem das Kind gelegen hat , und solange ich lebe oder in dem Hause etwas zu sagen habe , soll er nicht von seiner Stelle gerückt werden . « Plötzlich beugte sich der Oberförster vor und deutete durch die Zweige , denn man fuhr bereits im Walde . » Siehst du dort den weißen Punkt ? « fragte er . Der weiße Punkt war die Haube Sabines , welche vor der Thür saß und nach den Rückkehrenden ausschaute . Als sie des Wagens ansichtig wurde , stand sie eiligst auf , schüttelte den Inhalt ihrer Schürze , der sich später als eine Menge Vergißmeinnicht auswies , in einen neben ihr stehenden Korb und half Elisabeth beim Aussteigen . Der Braune trabte wiehernd hinter das Haus , wo bereits der Knecht in dem offenen Hofthore wartete , und das Thier mit einem liebkosenden Schlage empfing : Hektor legte sich schwanzwedelnd auf den Rasen nieder , und die durch den Lärm verjagten Tauben und Spatzen kehrten nach und nach zurück und hüpften zutraulich auf den Tisch und die grün angestrichene Bank unter der Linde , wo der Oberförster sein Frühstück und Abendbrot einzunehmen pflegte , und das wußten die kleinen Schmarotzer sehr genau . Er ging auch nur in das Haus , um seine Uniform mit einem bequemen Hausrocke zu vertauschen , und kehrte bald mit Pfeife und Zeitungen unter die Linde zurück , wo Sabine bereits gedeckt hatte . » Gelt , das ist auch ein närrischer Sonntagszeitvertreib für so ein altes Weibsbild , wie ich bin ? « sagte die Haushälterin im Vorübergehen lachend zu Elisabeth , die , auf der nun so interessant gewordenen Thürschwelle sitzend , den Korb mit den Blumen auf den Schoß genommen hatte und an dem Kranze weiterflocht , den die Alte angefangen . » Aber ich bin das nun einmal so gewöhnt von meiner Jugendzeit her . Da hab ' ich zwei kleine schwarze Bildchen in meiner Kammer - sie stellen meine seligen Eltern vor ; die haben ' s wohl um mich verdient , daß ich ihr Andenken ehre und ihnen ein frisches Kränzchen hinstelle , solange es Blümelein gibt . Ein paar Kinder aus Lindhof bringen mir jeden Sonntag frische ; heute aber hab ich so viel bekommen , daß auch ein Kranz für Goldelschen abfällt - wenn Sie den in einen Teller voll Wasser legen , da haben Sie die ganze Woche etwas Schönes vor Augen . « Noch eine Zeitlang saß heute abend Elisabeth mit dem Onkel zusammen . In dem Oberförster waren eine Menge Erinnerungen wach geworden . Mit dem Erzählen der zweihundertjährigen Familiengeschichte waren auch viele Entschlüsse , Pläne und Empfindungen seiner Jugendzeit aufgetaucht , die er jetzt mitleidig lächelnd an sich vorübergehen ließ ; sie waren samt und sonders vor dem reellen Leben zerstoben , wie Spreu im Winde . Er erzählte behaglich , wie einer , der auf sicherem Lande steht und nur von fern noch das Rauschen der Brandung hört , die ihm nichts mehr anhaben kann . Manchmal fiel auch ein Witzwort oder eine Neckerei dazwischen , die von Elisabeth oder Sabine , wem es gerade galt , gehörig pariert und zurückgegeben wurden . Mittlerweile flog ein heller Schein hinter den Baumwipfeln auf , die erst gestaltlos mit dem dunklen Himmel vermischt ,