als kenne sie ihn schon seit vielen , vielen Jahren , als habe sie ihn immer gekannt ; und was sie seit Jahren tagtäglich gesehen , erschien ihr jetzt beinahe fremd . Ihr Herz , das seit Jahren nur mit oberflächlichen Neigungen , mit leeren Coquetterien hingehalten war , schmachtete nach einer wahren , tiefen Leidenschaft ; und sie fand die halb erfurchtsvollen , halb kühnen , aber immer aufrichtig bewundernden , zärtlich liebkosenden Blicke , mit denen der junge Mann an ihr hing und sie wie mit einem unsichtbaren Zaubernetz , dessen Maschen sich dichter und immer dichter woben , umspann , viel zu süß , als daß sie dem , der ihr dies süße Glück gewährte , nicht von Herzen hätte dankbar sein sollen . Sie fühlte sich unsäglich glücklich , und dennoch ernster gestimmt , als es wohl sonst ihre Gewohnheit war . Der Sturm der Leidenschaft , der in ihrer Seele langsam heraufzog , warf schon seine dunkeln Schatten über ihr sonnenhelles Gemüth , und sein erster Anhauch zerriß den leichten Schleier , den die Zeit mühsam über so manches düstre Bild vergangener Tage gewebt hatte . Während Oswald den Bildungsgang , den er für Julius am geeignetsten hielt , entwarf , dabei auf sein eigenes Leben zu sprechen kam , und die schöne Frau , gleichsam als ein Zeichen seiner Liebe und Verehrung , so manchen Blick in das tiefgeheimste Leben seiner Seele thun ließ , fühlte sie sich mehr wie einmal auf das sonderbarste ergriffen . Manche Gedanken , die der junge Mann in seiner lebhaften Weise mit gefälliger Beredtsamkeit vortrug , hatte sie , oft fast in denselben Worten , schon früher einmal gehört von einem Manne , der ihr sehr theuer gewesen war , dessen dämonische Natur ihren regen Geist angelockt und gefesselt , und dessen rauhe Schroffheit ihren weichen Sinn abgestoßen und beleidigt hatte . Hier fand sie die Rosen wieder , an deren üppigem Duft sie sich damals berauscht , aber ohne die Dornen ; hier fand sie , was sie dort so schmerzlich vermißt hatte : Schönheit der Formen , Grazie der Bewegung und Anmuth der Rede . Dreizehntes Capitel Im eifrigen Gespräch in den Gängen zwischen den Beeten auf- und abwandelnd , wurden sie an ihre Absicht , in das Haus zu gehen , erst erinnert , als sie sich demselben zum zweiten Male näherten . Sie traten durch die offene Thür in einen Saal , dessen harmonische Verhältnisse und einfache , geschmackvolle Decoration auf Oswald sofort den angenehmsten Eindruck machten . Die hohen Kastanienbäume , unmittelbar vor den Fenstern , hielten den Raum kühl und schattig . Das gedämpfte Licht that dem Auge wohl nach dem verschwenderischen Sonnenschein draußen im Garten . Bequeme Sessel in mancherlei Formen und Größen , amerikanische Rocking-chairs , französische Causeusen , ein großer Flügel , Tische mit Büchern und Bilderwerken bedeckt , hier und da in dem weiten Gemache schicklich vertheilt , gaben demselben bei allem Reichthum etwas ungemein Wohnliches , das auf das liebenswürdigste mit der steifstelligen Ordnung , die in dem Innern des Schlosses Grenwitz herrschte , contrastirte . Ich bin doch neugierig , ob Jemand auf mein Klingeln kommen wird , sagte Melitta , ihren Hut auf den Tisch werfend und nach der Klingelschnur gehend . Unmöglich ist es gar nicht , daß wir uns höchstselbst in die Speisekammer werden verfügen müssen , notabene , wenn wir den Schlüssel auftreiben können . Sie klingelte und wandte sich wieder zu Oswald , der eines der Marmorbilder , welche die Wände des Saales schmückten , betrachtete . Wie finden Sie diese Maske ? Sehr schön ; es ist die Rondanini ' sche Meduse . Ah ! ich sehe , Sie sind ein Kenner . Höchstens ein Liebhaber . Ich habe in der Residenz oder sonst wo manches gesehen ; meistens freilich nur Gypse . Seit meinen Knabenjahren war es mein sehnlichster Wunsch , einmal in das gelobte Land Italien zu wallfahren , um dem hohen Gott Apollo von Belvedere persönlich meine Huldigung darbringen zu können . Nun , das ist doch kein so unbescheidener Wunsch . Wenn es unbescheiden ist , zu wünschen , was uns nicht beschieden - doch . So wäre es unbescheiden , daß wir etwas zu vespern wünschen , denn das scheint uns auch nicht beschieden ; sagte Melitta mit komisch-klagendem Ton . Aber wird uns nicht oft gerade etwas beschieden , weil wir es lebhaft , heiß , unbescheiden wünschen ? Das Schicksal gewährt uns unsern Wunsch , wie eine Mutter dem bettelnden Kinde das Stückchen Kuchen , nur , um uns los zu werden . Das Schicksal ist kein launisches Weib , sondern ein harter felsenherziger Gott , und wenn wir etwas von ihm haben wollen , müssen wir es ihm abtrotzen . Das ist es für Euch Männer , und vielleicht ist es gut , daß dem so ist - Ihr würdet sonst zu übermüthig . Wir Frauen aber - Du lieber Himmel , was sollte aus uns werden , wenn wir uns das bischen Glück ertrotzen sollten . Wir legen uns lieber auf ' s Bitten und Betteln , und wenn wir eben alle Hoffnung aufgeben wollen und ganz am Glück verzweifeln - dann , gerade dann - sehen Sie , da kommt der Baumann und mit ihm die Aussicht auf unser Vesperbrod . Die Thür öffnete sich und die Gestalt eines langen , hagern Mannes , dessen altem , runzligen Gesichte mit den buschigen Augenbrauen eine tiefe Narbe , die über die kahle Stirn am Auge vorbei bis tief in die Wange lief , und ein langer eisgrauer Schnurrbart etwas ungemein Martialisches gaben , erschien auf der Schwelle . Gnädige Frau ? sagte er mit einer Stimme , die aus einer tiefen Höhle zu kommen schien . Ach , Baumann , es sind wohl außer Ihm Alle ausgegangen ? Zu Befehl . Das habe ich aber gar nicht befohlen . Wo ist die Mamsell ? Drüben in Faschwitz . Und der Johann