Gespräch auf Neuhof genannt wurde . Auch er wandte sich und bemerkte die Nähe eines jungen , in dieser einsamen Umgebung überraschend auftauchenden Mädchens . Er zog den breiten Krempenhut und grüßte . Beide schritten weiter , er den Weg , den sie eben zurückgelegt , den Grund hinauf , sie den parallelen , aber oben auf der Hochebene . Sie hatte den Eindruck keines schönen Mannes empfangen . Der Doctor mochte wenig über einige Zwanzig zählen , hatte aber schon das Ansehen eines Dreißigers . Der Kopf war ausdrucksvoll , aber das kurzlockige , etwas röthliche Haar war an den Schläfen und der Stirn schon ausgegangen . Der Bart war gepflegter , aber noch röther als das Haar . Er hing über Lippe und Kinn herab wie bei einem Soldaten ; und an entstellenden Schmarren fehlte es auch nicht auf Wange und Stirn , ja sogar auf der Nase , Schmarren , deren Ursprung sie gleich hinzubringen wußte . Nach den Erzählungen des Kammerherrn waren es Duellnarben . Die Tracht des Doctors war die leichteste ; kaum daß um den magern Hals ein dünnes Tuch gelegt war . Die Brust stand fast offen . Handschuhe fehlten ganz . Lucinde hatte seit den Erinnerungen an Oskar Binder und dessen Freunde in der Residenz einen Abscheu vor allen Stutzern und geschniegelten Männern . Viel Aeußerlichkeit war überhaupt bei den Herren nicht Sitte , die auf Schloß Neuhof kamen ; die Gewohnheiten der reichsten Leute hier waren in diesem Punkte einfach . Grafen gingen wie Bauern . Nur der Landrath , der » schöne Enckefuß « , hielt die Erinnerung an die Zeiten , wo er wirklich schön gewesen sein mochte , durch eine gesuchte Toilette , festgeschnürte Taille , gefärbte Haare , Bart , Augenbrauen , ja , wie man behauptete , gemalte Wangen und Schläfe aufrecht ... er konnte seine Triumphe als Rittmeister der Husaren nicht vergessen und blieb , ob er gleich schon einen großen Sohn hatte , der Beau der Gegend , der Petit-maître von der Stadt Witoborn an bis auf Schloß Neuhof . Die studentische Art der Erscheinung des Doctors paßte vollkommen in den Rahmen der verworrenen Erzählungen , die der Kammerherr , wenn er in seinen renommirenden Erinnerungen kramte , von dem akademischen Leben desselben zu geben pflegte . Bald gingen Lucinde und der Doctor in ganz gleicher Linie . Lucinde konnte sich oben nur am schmalen Rande des Grundes halten , denn zu ihrer Linken hin gab es kaum einen Weg ; die junge Getreidesaat ging bis dicht an den Rand des Abhangs . Es entspann sich trotz der ansehnlichen Distanz ein Gespräch über das Misverhältniß der Ansprüche , die sich bei der Regulirung der bäuerlichen und grundherrlichen Verhältnisse ergeben hatten . Der Doctor fragte , als Lucinde darüber sich ganz unterrichtet zeigte , ob sie denn zu den auf Neuhof oben versammelten Herrschaften gehöre ? Nicht zu den Herrschaften ! Zu den Dienern ! antwortete sie und balancirte auf dem schmalen Pfade hin , wohl wissend , daß sie nicht wie eine Dienerin aussah . Sie sind doch nicht etwa gar das Elfenkind , das mein alter Freund , der Kammerherr , jenseit der Wälder an einem Schilfteich gefunden hat ? Ja freilich ! Das bin ich ! sagte sie und sprang nun mehr als sie ging . So werden Sie , sagte der Doctor , trotz der Tüngel ' schen Familie , deren Appelhülsener Linie zurückgekommen ist , Frau von Wittekind werden ! Ich gratulire ! Einen bessern Mann kann sich eine Frau nicht wünschen ! Dann müssen Sie aber zu uns nach Göttingen ziehen ! Lernen Sie reiten ! Oder können Sie ' s wol gar schon ? Um so besser ! Wir machen Sie zur Conventsseniorin , falls Ihr Mann nicht aus Rücksicht auf die göttinger Fensterscheiben sofort wieder relegirt wird ! Denn er bekannte Ihnen doch wahrscheinlich seine alte Leidenschaft , in Göttingen keine ganzen Fensterscheiben und Laternen sehen zu können ? » Nacht muß es sein , wo Wittekind ' s Sterne strahlen ! « Die göttinger Laternen , ohnehin nicht die hellsten , kosteten ihm einen Theil seiner glücklicherweise guten Wechsel . Diese Liebhaberei , erwiderte Lucinde , ist noch immer nicht so schlimm gewesen wie die einiger seiner Ahnen , die keinen Dachdecker auf einem Thurm sehen konnten , ohne nicht das Gelüst zu haben , ihn herunterzuschießen . Aha ! rief der Doctor . Sie sind eingeweiht ! In deutsche Staats- und Rechtsgeschichte ! Lucinde verschwieg , daß es der Kammerherr mit Vögeln noch so machte . Man ließ ihm deshalb nur eine Windbüchse ; in schlimmen Anfällen richtete er auch mit dieser die grausamsten Verheerungen an . Der Doctor schien aufmerksamer geworden und suchte Lucinden näher zu kommen , was ohnehin durch seinen aufsteigenden Weg von selbst geschah ... ' S wäre ganz gut , sagte er , wenn einmal in diese Menschenrasse frisches Blut käme ! Ich bin an und für sich ganz für diese alten Geschlechter und mag sie leiden , aber sie sollten sich nicht untereinander kreuzen , sondern zur Inoculation des Volks benutzen ; das gäbe einen Nachwuchs wie der der alten Angelsachsen und Normannen , der jenseit des Kanals noch immer so stattlich ist . Wenn wir Deutsche ein Princip haben , das vernünftig ist , wie die Adelsidee , so reiten wir ' s leider auch immer gleich zu Tode ! Lucinde erwähnte ganz dreist seine Abhandlung über die Bienen . Was ? Wie ? Wissen Sie davon ? rief der Doctor . Nun ja ! Im Bienenstaat liegt mehr Weisheit als in Dahlmann ' s » Politik « , zu der er keinen zweiten Theil schreiben kann . Auch die Bienen pflanzen sich mit vernünftiger Aristokratie fort . Ein Ei , aus einer schlechten Arbeitszelle in eine Königinzelle gebracht , gibt eine Königin . Wir werden erst die Probleme der Geschichte dann lösen , wenn wir ein Mikroskop erfunden haben , groß genug , das Leben und Weben