das Köpfchen mit den funkelnden kohlschwarzen Äuglein einigemal hin und her und flattert dann zum offenen Fenster hinaus . Einen Augenblick glänzt es , hin und her schießend , wie ein Goldpünktchen im Sonnenschein , dann flattert es nach der jenseitigen Häuserreihe und verschwindet in einem Fenster des mittleren Stockwerkes in Nr. zwölf . Von dort ward es herübergebracht , auch dort hat es ein kleines Messingbauer . Neue Gesichter sind aufgetaucht , neue Fäden schlingen sich wundersam in unser Leben und damit heute an diesem regnichten , windigen Februartage auch in diese Blätter . Was tot war , wird lebendig ; was Fluch war , wird Segen ; die Sünde der Väter wird nicht heimgesucht an den Kindern bis ins dritte und vierte Glied ! Eine helle , frische Stimme erschallt unten im Hause ; ein leichter Schritt kommt die Treppe herauf - Elise horcht . Nach einigen Minuten erschallt plötzlich draußen ein Gepolter , Marthas Stimme läßt sich hören , klagend und ärgerlich . Da ist er - der Taugenichts der Gasse ! Die Tür wird halb aufgerissen , und herein schaut ein lachendes , kerngesundes , mit unzähligen Sommerflecken bedecktes Knabengesicht . » Nun , Gustav , was gibt ' s wieder ? « » O gar nichts ! « sagt das mauvais sujet , den Mund von einem Ohr bis zum andern ziehend , während Martha jetzt kläglich draußen nach Elisen ruft . » Was mag er nur angefangen haben ? « sagt diese aufspringend und hinausgehend . Ein helles , herzliches Gelächter , in welches ich sie draußen ausbrechen höre , zwingt auch mich , von meinen Büchern aufzustehen , während Gustav sich ganz ehrbar in einen Band von Beckers Weltgeschichte vertieft zu haben scheint . Ich nehme die möglich ernsteste Miene an und schreite hinaus . Welch ein Anblick erwartet mich ! Die gute Alte hat höchstwahrscheinlich ihre Mittagsruhe gehalten und ist , das Strickzeug im Schoß , eingeschlafen . Diesen günstigen Augenblick zu benutzen , hat der Taugenichts , der vielleicht mit sehr guten Vorsätzen die Treppe heraufkam , doch nicht unterlassen können . Festgebunden sitzt die Unglückliche in ihrem Stuhle ; Handtücher , Bindfaden , das Garn ihres Strickzeuges , kurz alles nur mögliche Bindematerial ist benutzt , sie unvermögend zu machen , sich zu rühren . Vor ihr auf einem noch dazu sehr zierlich gedeckten Tischchen steht ein großer Napf Milch , der höchstwahrscheinlich zu den wichtigsten kulinarischen Zwecken bestimmt war , und um ihn im Kreis sitzt schlürfend und schmatzend - die ganze Katzenwelt des Hauses , von Zeit zu Zeit einen höhnenden Blick nach dem Lehnstuhl werfend , wo die gefesselte Küchentyrannin strampelt und droht in wahrhaft tantalischen Qualen . » Lieschen - so jag sie doch weg - « ( Elise hat vor Lachen die Kraft gar nicht dazu und sitzt atemlos auf einem Schemel ) » o der Schlingel - aber , Herr Wachholder , jagen Sie sie doch weg - es bleibt ja nichts übrig - o meine schöne Milch - der Bösewicht ! « Ja , der Bösewicht - wo war er , als diese Tragikomödie zu Ende gekommen war und man sich nach dem Urheber umsah ? Der Band von Beckers Weltgeschichte lag freilich noch aufgeschlagen da , aber von Gustav - nirgends eine Spur ! Wer ist dieser Gustav ? Der Enkel eines Mannes , dessen Name schon einmal gar unheimlich in diese Blätter hineingeklungen ist , der Enkel des Grafen Friedrich Seeburg . Es war im Jahr 1842 , als in die Wohnung drüben in Nr. zwölf , in deren Fenster später der Kanarienvogel so oft hinüberflatterte , eine schöne , schwarz gekleidete , bleiche Frau zog , welche sich Helene Berg nannte , die Witwe eines vor kurzem verstorbenen Mediziners . Sie war es , die schon einmal durch unser Leben und durch die Blätter dieser Chronik geglitten ist mit jenem Sonnabend im Sommer 1841 , als wir den toten kleinen Vogel auf dem Johanniskirchhofe begruben zu den Fußen der Gräber von Franz und Marie . Sie küßte damals die kleine Elise , aber wir kannten einander nicht . - » Georg Berg « stand auf dem Grabstein , an welchem sie gekniet und geweint hatte , und in der ärmlichen Wohnung drüben in Nr. zwölf , in der engen , dunkeln Sperlingsgasse verklingt die letzte Saite der unheilvollen , wilden Geschichte , die einst der sterbende Jäger dem Maler Franz Ralff erzählte . - Ist das Lied vorbei ? Eine junge , fröhlichere Weise nahm den letzten Ton auf , und » Gustav und Elise Berg « wird die neue Melodie lauten ! Wie die Letzte aus dem stolzen Hause der Grafen Seeburg das Zusammenhängen ihres Schicksals mit dem kleinen Mädchen an meiner Seite erfuhr ? - Ihre Geschichte ? Ich fürchte mich fast , die Decke , die über soviel kaum vergessenem und begrabenem Unheil liegt , wieder aufzuritzen . » Sieh , welch ein schöner Ring ! « sagte einmal Elise , der Frau Helene , die bei uns saß , jenen Reif zeigend , den vor langen , langen Jahren der alte Burchhard am Hungerteiche im Ulfeldener Walde der toten Luise aus der erstarrten Hand gezogen hatte , der so lange Jahre unter jenem bekreuzten Stein gelegen hatte und der , das Wappen des Grafen von Seeburg trug ! - Ich habe nicht nötig aufzuschreiben , was folgte ! - - - - Wir trennten uns damals so bald nicht . Den ganzen Abend ließ die weinende Helene die kleine Elise nicht aus den Armen , und Gustav - Gustav , der Taugenichts der Gasse , begrüßte jubelnd seine Kusine auf seine Weise . Nachdem er lange unstet sich umhergetrieben hatte , heiratete in Italien der Graf Friedrich Seeburg eine schöne , vornehme , aber arme Italienerin ; sie ward die Mutter Helenens und starb , sie gebärend , im zweiten Jahr ihrer Ehe . Die Griechen dachten sich die Kluft zwischen Gott und dem Menschtum ausgefüllt